Archaeologik ist ein Wissenschaftsblog zu Themen der Archäologie und des Kulturgutschutzes. Er zielt auf eine kritische Archäologie, die sich mit methodisch-theoretischen, wissenschaftspolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Archäologie auseinandersetzt und die alltägliche Forschungspraxis reflektiert.
Archaeologik is a science blog contributing to various aspects of critical archaeology and cultural heritage including methodology, theory and daily archaeological practice.
Montag, 22. Juli 2024
Donnerstag, 11. Mai 2023
Vom Germanenerbe zum Urkommunismus
Arne Lindemann
Vom Germanenerbe zum Urkommunismus.
Urgeschichtsbilder in Museen der SBZ und DDR
(Berlin/ Boston: de Gruyter 2022)
405 Seiten
ISBN 978-3-11-076086-6
e-ISBN (PDF) 978-3-11-076106-1
DOI https://doi.org/10.1515/9783110761061
Zugl.: Berlin, Technische Universität, Diss., 2020
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 9
Forschungsstand 11
Methodische Ansätze und Aufbau der Studie 13
Untersuchungsgegenstand und Auswahl der Quellen 15
Die Urgeschichte im Geschichtsbild der SBZ und DDR
Voraussetzungen für ein marxistisch-leninistisches Urgeschichtsbild 19
Reinigung und Umdeutung 19
Urgeschichte als Vorspann zur deutschen Geschichte 25
Im Zeichen der ‚Klassiker‘ und der ‚Sowjetarchäologie‘ 27
Urgeschichtsbilder in der kommunistischen Bildungspolitik der SBZ 30
Entwicklungsgesetze und Revolution 30
Von den Lehrplänen zur Ausstellung 33
Startschwierigkeiten 39
Das Urgeschichtsbild in der DDR 42
Konturen eines marxistischen Urgeschichtsbilds 42
Urgeschichte als Teil der Welt- und der Nationalgeschichte der DDR 46
Gegenerzählung zum ‚bürgerlichen‘ Urgeschichtsbild 55
Erbe und Tradition 59
Strukturen und Netzwerke des Ausstellens
Vom Wiederaufbau bis zur staatlichen Unterstellung 1952 63
Kriegszerstörungen und Neuanfang 63
Zwischen Traditionen und neuen Anforderungen 67
Verordnetes Ausstellen 76
Die Ausstellungsarbeit der Urgeschichtsmuseen in der DDR 80
Ressourcenentwicklung 80
Zwischen Dauer- und Schaufensterausstellung 82
Netzwerke des Ausstellens 87
Staatssekretariat und Ministerium 87
Beiräte und Gremien 92
Akademie der Wissenschaften 96
Universitäten 101
Museum für Deutsche Geschichte 102
Museumsorganisationen, Heimatmuseen und Kulturbund 104
Akteure und Akteurinnen des Ausstellens
Die erste Generation 113
Unter „Einsatz aller Kräfte“ 113
Entnazifizierung und Neubesetzungen in der SBZ 115
Weiße Westen 124
Der Kampf gegen die ‚bürgerliche‘ Wissenschaft 130
Die zweite Generation 135
Generationenübergreifend 135
Die museologische Ausbildung in der DDR 137
Die Kaderplanung 143
Exkurs – Konjunkturen nach 1989 146
Didaktik und Gestaltung
Sozialistische Bewusstseinsbildung und Museum 151
Breitenwirksamkeit 151
Faktor für die „Stabilität des sozialistischen Gesellschaftssystems“ 153
Besuchszahlen – Strömende Massen und leere Hallen 156
Traditionen und Prinzipien der Ausstellungsgestaltung 161
Heinz Arno Knorr und das Ausstellen im ‚sozialistischen Museum‘ 161
Chronologie und kulturgeschichtliche Entwicklung 163
Die Anschaulichkeit als Schlüssel zur Erkenntnis 165
Ideologisierung und Emotionalisierung 168
Entwicklung und Fortschritt als Kernerzählung
Die Periodisierung der ‚Geschichte der Urgesellschaft‘ 177
„Gut gemeinte Ratschläge“ 177
Periodisierung und die ‚Klassiker‘ 178
Perioden der ‚Urgesellschaft‘ im Museum für Deutsche Geschichte 183
Entwicklungsgeschichten 186
Themeninseln 186
Dioramenreihen 192
Lebensbilderzyklen 200
Fließende Wandgestaltung 210
Installationen und Schemata 224
Revolution! 227
„Lebendige Inszenierungen“ 227
Großobjekte und Rekonstruktionen 231
Die ‚Urgesellschaft‘ im Zeichen atheistischer Propaganda
Religion, ‚Menschwerdung‘ und die marxistische Urgeschichte 241
„Gefährliche Religion“ 241
Arbeiterbewegung und Kirche 246
„Ein Idyll aus Altsteinzeittagen“ 250
Auf neuen Wegen und alten Pfaden 256
Wider den Schöpfungsmythos 266
Weltall, Erde, Mensch 266
Ahnen der Menschheit und Darwin 270
Der lange Atem des naturwissenschaftlichen Materialismus 276
‚Menschwerdung‘ und Systemkonkurrenz 285
Menschheitsentwicklung auf Knopfdruck 289
Germanen, Slawen, Deutsche – und die DDR als Nation
‚Germanen‘ und Patriotismus im ‚Kalten Krieg‘ 299
Entnazifizierung des Germanenbilds 299
„Unsere Geschichtsprofessoren schweigen […]“ 308
Die ‚Varusschlacht‘ zwischen Oder und Elbe 315
Die Wurzeln der Deutschen 324
Germanische Kontinuitäten 324
Kartenbilder 329
Die Slawen 336
Zwei Ausstellungen – eine Botschaft 344
Germanen – Slawen – Deutsche 352
Zusammenfassung
Nachkriegszeit bis zur Gründung der DDR 361
Die 1950er- und 1960er-Jahre 364
1970er-Jahre bis zum Ende der DDR 366
Berlin 1959: eine nicht eröffnete Ausstellung
Die Nicht-Eröffnung einer Ausstellung über "Anfänge der Religion" im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin 1959 beruhte nicht wie gegenüber West-Medien vorgegeben auf der nicht rechtzeitigen Beendigung der Vorbereitungen oder auf "technischen Gründen", sondern darauf, dass das Sekretariat des ZK der SED "ideologische Mängel" feststellte und die Ausstellung stoppte. Der Hintergrund ist wohl das Berlin-Ultimatum von Chruschtschow vom November 1958. Im Vorfeld der Deutschlandkonferez in Genf 1959 sollten Störfaktoren vermieden werden und offenbar bestand die Befürchtung, die atheistische Perspektive der Ausstellung könnte vom Klassenfeind als Provokation aufgefasst werden. Im November 1960 wurde die Ausstellung dann auch deutlich anders eingeschätzt, indem konstatiert wude, sie verletze "in keiner Weise die Gefühle religiös gebundener Bürger“. Die Ausstellung wurde daher nicht weiter zurückgehalten und in Leipzig und weiteren Orten der DDR gezeigt (S. 241-45). Die erhaltenen Unterlagen zur Ausstellung zeigen, dass sie "keine plakative Religionskritik betrieb", sich aber dennoch in die atheistische Propaganda der SED einordnen lässt. Religion wird als Folge eingeschränkter Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und die Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft gesehen und religiöse Handlungen als Versuch, die eigenen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern (S. 245). Klassisch ist hier die Auffassung von Karl Marx, Religion sei das Opium des Volks, weil sie von der Forderung wahren Glücks und einer Verbesserung der Lebensbedingungen ablenke. In dieser Perspektive dient Religion der Festigung und dem Erhalt der Klassengesellschaft und ist jeweils ein Machtfaktor für die herrschende Klasse.Geschichtsbilder
Interessant ist auch die Rezeption der Varusschlacht, die in der NS-Zeit eine überraschend geringe Rolle spielte, nun aber mit vielfältigen Assoziationen in der DDR aufgegriffen und - basierend auf einer kurzen Erwähnung durch Friedrich Engels - in das neue Geshichtsbild eingeordnet wurde (S. 308-324).
Deutlicher als in wissenschaftlichen Arbeiten sind die Narrative in den Museen und ihren Ausstellungen zu erkennen. So verzichtete man m Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle in den 1940er Jahren „weitgehend“ auf „typologische und chronologische Gesichtspunkte“ und stellte „handwerkliche, technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund“ (Lindemann 2022a, 165).
Der Fokus der DDR-marxistischen Forschung auf die historische Rolle der Produktivkräfte, mithin auch auf Arbeiter und Bauern hat aber prinzipiell durchaus einige Ansätze erbracht, die dem stark an Eliten orientierten westlichen Geschichtsbild als Kontrapunkt hätte dienen können. Bezogen auf die Archäologie des Mittelalters beispielsweise stellte die Auseinandersetzung mit Grundherrschaft (Gringmuth-Dallmer 1990) und ländlichen Siedlungen (Donat 1980), aber auch mit den agrarischen Produktionsweisen eine Pionierleistung dar. Zu nennen sind auch wichtige Arbeiten in Richtung einer modernen Landschafts-, wenn nicht gar Umweltarchäologie, so zur Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft (Gringmuth-Dallmer 1983) oder auf pollenanalytischer Basis über die Veränderung des Naturraums (Lange 1971). Viele Arbeiten aus der DDR gingen über das deskriptive Vorlegen von Funden und Befunden hinaus, und achteten vermehrt auf Veränderungsprozesse und deren Akteure und Faktoren. Dabei wurde eine prinzipielle Gleichwertigkeit von materiellen und schriftlichen Quellen betont (Herrmann 1977). Inwiefern das methodische Vorgehen dazu im Einzelnen geeignet war, steht auf einem anderen Blatt.
Als Beispiel möchte ich hier auf die Auseinandersetzung mit ländlichen Siedlungen/ Dörfern des Mittelalters verweisen, bei denen die Frage nach ihrer Entwicklung/Genese im Westen kein Thema war, das man weiter verfolgte. Vielleicht weniger durch tatsächliche Quellenbeobachtungen sondern eher durch geschichtspolitische Ziele angestoßen. konnte die DDR-Forschung allerdings die gesellschaftlichen Veränderungsprozese in den ländlichen Siedlungen an vielen Punkten herausarbeiten (z.B. Donat 1980). Die mit einem traditionellen, aus dem Historismus des 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild verbundene und in der alten BRD deutlicher nachwirkende Vorstellung von Siedlungskontinuitäten mindestens seit der Völkerwanderungszeit, wurde in der DDR stärker hinterfragt. Überlegungen zu Veränderungen in den ländlichen Siedlungen konzentrierten sich im Westen auf die Wüstungsphase des Spätmittelalters und - rein deskriptiv - auf die Frage, ob der Beginn der Reihengräber vor 500 auch eine Zäsur im Siedlungsbild darstellte. Angesichts der slawischen Besiedlung auf dem Gebiet der DDR war die Vorstellung von Kontinuitäten weit weniger selbstverständlich. Interessant ist nebenbei gesagt, dass eine aktuelle populäre Darstellungen der Archäologie des mittelalterlichen Dorfes - trotz einem Schwerpunkt in den neuen Ländern - diese Veränderungsprozesse im Dorf wieder hinten anstellt und den Prozess der Dorfgenese weitgehend übergeht (Krauskopf u.a. 2023).
Lindemanns Thema sind die Geschichtsbilder der DDR in der musealen Vermittlung, weniger die Frage, wie diese die Forschung beeinflussten. Er gibt aber einen knappen Überblick über die Entwicklung des marxistisch-leninistischen Urgeschichtsbilds in der Sowjetunion und die Konsequenzen, die sich daraus für die archäologische Interpretation ergaben, die nämlich in ein Korsett oder eine Zwangsjacke eingebunden wurde (S. 24-39). Es entwickelte sich ein dogmatischer historischer Materialismus, der in der sowjetischen Ausprägung lediglich eine unilineare Entwicklung zuließ, wo die Vorstellungen von Karl Marx und Friedrich Engels sehr viel offener und multilinear waren und damit auch Raum für wissenschaftliches Abwägen und Argumentieren boten. Wie fruchtbar das hätte sein können, zeigen die vielen spannenden Ansätze in der französischen Annales-Schule, die in der alten BRD wegen mancher marxistischer Ansichten ebenso wenig rezipiert wurden, wie Arbeiten aus der DDR. Obwohl einige wichtige Arbeiten von Autoren aus der ehemaligen DDR erst nach der Wende publiziert worden sind (z.B. Benecke 1994; Brachmann 1993; Henning 1992), blieben viele Themen aus der ehemaligen DDR wie auch der wirtschafts- und sozialgeschichtliche Blick erstmals auf der Strecke. Beispielsweise sind Fesseln als Nachweis von Sklaverei (Henning 1992) kaum noch Thema und auch die slawische Archäologie hat ihre institutionelle Basis eingebüßt.
Auf dieser inhaltlichen Ebene müsste man bei verschiedenen Themen tiefer einsteigen, um zu sehen, wo und wie politische Ideologie Wissenschaft beeinflusst hat. Welche Ergebnisse - von den reinen Grabungsbefunden abgesehen - und Perspektiven der Archäologie in der DDR sind weiterhin brauchbar? Welche Themen wurden nach der Wende fallen gelassen?
Die Trennlinie zwischen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis und politisch gesteuerten Perspektiven ist im übrigen kein Problem ausschließlich totalitärer Politik, sondern sie ist auch in demokratischen Gesellschaften immer vorhanden. Möglicherweise ist die Trennlinie hier noch schwerer zu erkennen, da es eben keine dogmatischen Richtlinien mit fixer Terminologie gibt, sondern subtilere Beeinflussung etwa über spezielle Förderprogramme. Diese kann durchaus fruchtbar und gesellschaftlich relevant sein, oder aber (überwiegend?) leere Worthülsen produzieren, die mal mehr, mal weniger schwer zu entlarven sind. Letztlich geht es um gesellschaftliche Relevanz und die Frage, wer diese definiert - Staat, Gesellschaft oder Wissenschaft?
Interne Links
- Historische Bewegkräfte im Neolithikum Mitteleuropas - und ein Dokument zur archäologischen Forschung in der DDR. Archaeologik (26.4.2011). - https://archaeologik.blogspot.com/2011/04/historische-bewegkrafte-im-neolithikum.html
- Zwischen Nazis und Sowjets: Die Krimgoten in den 1930er und 40er Jahren. Archaeologik (26.6.2020). - https://archaeologik.blogspot.com/2020/06/zwischen-nazis-und-sowjets-die.html
Literaturhinweise
- Benecke 1994: N. Benecke, Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung in Mitteleuropa und Südskandinavien von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 46 (Berlin 1994).
- Brachmann 1993: H. Brachmann, Der frühmittelalterliche Befestigungsbau in Mitteleuropa. Untersuchungen zu seiner Entwicklung und Funktion im germanisch-deutschen Gebiet. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 45 (Berlin 1993).
- Bollmus 1970: R. Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem (1970).
- Donat 1980: P. Donat, Haus, Hof und Dorf in Mitteleuropa vom 7. bis 12. Jahrhundert. Archäologische Beiträge zur Entwicklung und Struktur der bäuerlichen Siedlung. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 33 (Berlin 1980).
- Gringmuth-Dallmer 1983: E. Gringmuth-Dallmer, Die Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft auf dem Territorium der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Siedlungsgebiete. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 35 (Berlin 1983).
- Gringmuth-Dallmer 1990: E. Gringmuth-Dallmer, Vergleichende Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Landesausbau im westlichen Mitteleuropa Dissertation (B) (Berlin 1990).
- Henning 1992: J. Henning, Gefangenenfesseln im slawischen Siedlungsraum und der europäische Sklavenhandel im 6. bis 12. Jahrhundert. Archäologisches zum Bedeutungswandel von "sklabos - sakäliba - sclavus". Germania 70, 1992, 403–426.
- Herrmann 1977: J. Herrmann, Archäologie als Geschichtswissenschaft. In: J. Herrmann (Hrsg.),Archäologie als Geschichtswissenschaft. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 30 (Berlin 1977) 9–28.
- Jarnut 2004: J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113.
- Kater 1974: M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (Stuttgart 1974).
- Krauskopf u. a. 2023: C. Krauskopf/F. Schopper/J. Wacker, Wendepflug und Webstuhl. Dörfer im Mittelalter. Archäologie in Deutschland. Sonderheft 26 (Darmstadt 2023).
- Lange 1971: E. Lange, Botanische Beiträge zur mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte. Ergebnisse zur Wirtschaft und Kulturlandschaft in frühgeschichtlicher Zeit. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 27 (Berlin 1971).
- Leube/ Hegewisch 2002: A. Leube/M. Hegewisch (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945. Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte (Heidelberg 2002).
- Lindemann 2022a: A. Lindemann, Anschauliche Religionskritik. Die inhaltliche und gestalterische Genese der archäologischen Ausstellung Anfänge der Religion im Museum für Deutsche Geschichte Berlin. In: L. Cladders/ K. Kratz-Kessemeier (Krsg.), Museen in der DDR. Akteure - Orte - Politik. Veröffentlichungen der Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. (Köln 2022) 161–176. - ISBN 978-3-412-52532-3
- Steuer 2001: H. Steuer (Hrsg.), Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 29 (Berlin 2001).
Samstag, 29. Oktober 2022
Bauernhofbüro online
Heute benötigt das Management in der Landwirtschaft ein eigenes Büro - so könnte man "Bauerhofbüro" verstehen. Aber darum geht es nicht.
Das Bauerhofbüro war eine 1934 gegründete Einrichtung der Fachgruppe Bauwesen im NS-Bund Deutscher Technik. Das deutsche Bauertum und das klassische Dorf waren ein wichtiger Bestandteil der NS-Ideologie. "Blut und Boden", "Erbbauernhöfe" aber auch der "Generalplan Ost" verweisen auf ein idealisiertes Bild bodenständigen deutschen Bauerntums, das weit in "germanische" Zeit zurückreichen sollte.
deutscher Bauernhof in der Arbeitsgemeinschaft für deutsche Volkskunde" beim Amt Rosenberg. In Bayern beispielsweise wurde 1935 unter dem Dach des "Bayerischen Heimatbunds" ein "Ausschuss für Bauernhausforschung", ab 1937 eine "Landesstelle für Bauernhofforschung" eingerichtet, Es war die Aufgabe dieser Einrichtung, die Fragen der Hofgestaltung und des Hausbaues zu untersuchen, die »für die Erkenntnis einer rassengeschichtlichen und rassenbedingten Volkskunde von Wert sind« (Selheim 2015, 263). Dabei sollte die Entwicklungsgeschichte des germanischen Bauernhofes vom Nordischen, nicht vom römisch=südländischen Standpunkt aus, aufgezeigt werden. Vorausgesetzt wurde dabei eine weitgehend durchgehende Tradition von der Vorzeit bis in die Gegenwart, was beispielsweise auch Einfluss auf die archäologischen Hausrekonstruktionen hatte (vgl. Schreg 2006, vgl. Behn ).
Das Bauernhofbüro verfolgte ein groß angelegtes Projekt. E sollte im gesamten damaligen Deutschen Reich typische Bauernhöfe dokumentieren. Dazu wurden Lagepläne, Ansichten, Grundrisse, Schnitte und unterschiedlichste Detailzeichnungen angefertigt, die allerdings nicht wie die moderne Bauforschung als verformungsgetreue Aufmessungen, sondern als Idealpläne angefertigt sind. Die Materialsammlung erfolgte 1934-1944, wobei ein erster Band des geplanten Werkes durch den Leiter des Bauernhofbüros Gustav Wolf 1940 zu den Höfen in Schleswig-Holstein publiziert wurde (Wolf 1940). In der Nachkriegszeit erschienen auf dieser Grundlage noch weitere Publikationen (Folkers 1961; Schepers 1961).
Das Bauernhofbüro hat in der Forschung verschiedentlich Aufmerksamkeit gefunden, einerseits wegen der Fortführung mancher alter, zum Teil problematischer Traditionen der Hausforschung, andererseits weil sich alte Hausdokumentationen angesichts eines masiven Verlustes historischer Bausubstanz mittlerweile als eine wichtige Quelle der Forschung erwiesen haben.
Die Unterlagen des Bauernhofbüros (>5000 Pläne) befunden sich heute im Archiv LWL in Münster. Die Pläne sind heute vollständig erschlossen und digitalisiert, wenn aus Urheberrechtsgründen auch nicht alle online zur Verfügung stehen:
Das Bauernhausbüro hat Süddeutschland nicht so intensiv bearbeitet wie den Norden, zu dem dann ja auch Publikationen vorgelegt wurden. Dennoch finden sich auch hier einige Gebäudedokumentationen. Exemplarisch genannt sei die Obere Roggenmühle im Eybtal, heute regional vor allem als Ausflugslokal bekannt. 1939 wurden hier verschiedene Ansichten und Schnitte der Mühle und ihrer Nebengebäude aufgenommen, aber auch Teile der Inneneinrichtung dokumentiert. Die Bauzeichnungen sind als technische Zeichnungen angelegt, d.h. mit dem Lineal gezeichnet. Umbaumahmen sind hier nicht zuverlässig zu erkennen.
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| Aufnahme der Oberen Roggenmühle im Eybtal 1939 (Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe 846 / Kartensammlung, Nr. 846/3988 via DFG-Viewer:) |
Literatur
Folkers 1961: U. Folkers, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 3: Mecklenburg (Münster 1961)
Freckmann 1982: Klaus Freckmann, Hausforschung im Dritten Reich. In: Zeitschrift für Volkskunde 1982/II, 169-186
Freckmann 1985: Klaus Freckmann, Zur Foto- und Plandokumentation in der Hausforschung der 30er und 40er Jahre. Das Beispiel des ehemaligen "Bauernhofbüros" Berlin/Münster. Zeitschrift für Volkskunde 1985/I, 40-50
Freckmann 2000: K. Freckmann, 50 Jahre Arbeitskreis für Hausforschung. AHF. - http://www.arbeitskreisfuerhausforschung.de/files/Freckmann_50Jahre_AHF.pdf
Grossmann 2008: G.U. Großmann, Völkisch und national- Der "Beitrag" der Hausforschung zum Wiederaufleben der Runenkunde des SS-Ahnenerbes. In: U. Puschner / G. U. Großmann (Hrsg.), Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. (Darmstadt 2009,) 31-64. - https://d-nb.info/1210742500/34
Hoppe 2015: Elisa Hoppe, Das westfälische Bauernhaus als Kulturgut. Zur Bauernhausforschung in nationalsozialistischer Zeit am Beispiel des „Bauernhofbüros“ in Münster. Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2015/1, 18-23
Hohmann/ Höötmann 2009: Jessica Ann Hohmann/ Hans-Jürgen Höötmann, Die Überlieferung und Digitalisierung von Aufmaßen im Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Archivpflege in Westfalen-Lippe 71,| 2009, 51-54. - https://www.lwl.org/waa-download/archivpflege/heft71/51-54_hohmann-hoeoetmann.pdf
Schepers 1960: J. Schepers, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 2: Westfalen-Lippe (Münster 1960)
Schreg 2006: R. Schreg: Die Archäologie des mittelalterlichen Dorfes in Süddeutschland. Probleme – Paradigmen – Desiderate. Siedlungsforschung 23, 2006, 141-162. - https://www.academia.edu/242745 bzw. https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/histgeo/Arkum_Zeitschrift_Siedlungsforschung/sf24-2006.pdf
Selheim 2015: Claudia Selheim, Erich Kulke (1908–1997): Wandervogel, Volkskundler, Siedlungsplaner und VJL-Vorsitzender. In: E. Conze/ S. Rappe-Weber (Hrsgg.), Ludwigstein: Annäherungen an die Geschichte der Burg. Jahrb. Jugendbewegung und Jugendkulturen. 11 (Göttingen 2015) 253–272. - https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6859/1/Selheim_Erich_Kulke_2015.pdf
Wolf 1940: G. Wolf, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 1: Schleswig-Holstein (Berlin 1940.)
Links
Sammlung „Bauernhofforschung“ in Bayern von 1935 bis 1945. bavarikon. - https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000001010
3.154 Digitalisate online. Projektabschluss im Archiv LWL: Digitalisierung der Plan-Sammlung „Bauernhofbüro“. Bauaufmaße agrarische Haustypen auf dem Gebiet des Deutschen Reichs (1934 bis 1944). Archivamt blog (25.10.2022). - https://archivamt.hypotheses.org/17640
Homepage der Oberen Roggenmühle: https://www.obereroggenmuehle.de/?page_id=58
https://archaeologik.blogspot.com/2020/07/mittelalterarchaologie-im.html
Donnerstag, 21. Januar 2021
1961: Uwe Lobbedey, Student der Kunstgeschichte, berichtet über die Ausgrabungen in der Esslinger St.-Dionys-Kirche
Ein Beitrag in der Abendschau des SWF vom 13.04.1961 über die Ausgrabungen in Esslingen St. Dionys steht jetzt online in SWR Retro. Er erinnert an Uwe Lobbedey, einen der renommiertesten deutschen Mittelalterarchäologen, der nun Anfang Januar 2021 verstorben ist. Neben einer Grundlagenarbeit zur mittelalterlichen Keramik in Süddeutschland sind ihm als Bauforscher und Ausgräber die Untersuchungen zahlreicher Kirchen vor allem in Westfalen, wo er fast 40 Jahre als Denkmalpfleger wirkte, zu verdanken. Seine Forschungen haben Fach und Praxis der Mittelalterarchäologie entscheidend mit geprägt.
Die Grabungen in Esslingen waren ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Archäologie des Mittelalters, da sie zur Institutionalisierung des Fachs in der Denkmalpflege beigetragen hat und Lehrgrabung für viele kommende Archäolog*innen war. Unter Ihnen: Uwe Lobbedey.
Link
Samstag, 25. Juli 2020
Das Nachwirken des Historismus
Zwischen Individualismus und Universalgeschichte - Das Geschichtsbild von H. Müller-Karpe
- Ein normatives Geschichtsverständnis setzt eine Periode zum Maßstab, an der andere Zeiten gemessen werden. Müller-Karpe verwies hier auf das Geschichtsbewusstsein des gebildeten Bürgertums, das die antike Klassik als Bestandteil der eigenen Bildungstradition auffasse und zu der kunstarchäologischen Forschungsrichtung beigetragen habe.
- Ein evolutionistisches Geschichtsverständnis richtet „den Blick in erster Linie auf die Bewußtseinsstruktur der Menschen“ und versucht, „die geschichtlichen und kulturellen Erscheinungen als Äußerungen bestimmter Bewußtseinsstufen zu begreifen, die in ihrer zeitlichen Abfolge eine Entwicklung von urtümlich-einfachen zu differenzierteren Formen ergeben“ (Müller-Karpe 1982, 119). Hierzu zählte er auch den historischen Materialismus.
- Ein regionalistisches Geschichtsverständnis orientiert sich an einer einzelnen Region, meist der eigenen Heimat.
- Einem anthropologischen Geschichtsverständnis „geht es um allgemeine Grundstrukturen menschlichen Verhaltens, Handelns und Motiviertseins, deren Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt, von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur.“ Müller-Karpe schob indes gleich die distanzierende Bemerkung nach: „Daß Fragen dieser Art eine wesentliche Dimension historischer Darstellung betreffen, ist unbestritten; bei einer Verabsolutierung dieser Sichtweise erfolgt jedoch eine bedenkliche Verkürzung des historisch Erkenntnismöglichen und –wünschbaren“ (Müller-Karpe 1982, 120).
- Geschichtskonzeptionen der spezifischen Historizität vermochte Müller-Karpe ob ihrer Vielfalt nicht zusammenfassend zu charakterisieren. Dennoch kam er zu dem Schluss, „daß die letztgenannte Grundhaltung für die Beurteilung archäologischer Zeugnisse und ihre Verwertung für ein Geschichtsbewußtsein die umfassendsten und besten Voraussetzungen besitzt“ (Müller-Karpe 1982, 122).
Spuren des Historismus
Die mangelnde Reflektion hat letztlich herkömmliche Denkmuster verfestigt und dazu geführt, dass die Offenheit gegenüber anderen Ansätzen sehr gering war und so Entwicklungschancen ungenutzt geblieben sind. Letztlich ist es aber erst eine Offenheit gegenüber anderen Perpsektiven, eine immer wieder aufs Neue betriebene selbstkritische Reflektion von Grundkonzepten, Forschungszielen und Fragestellungen, wie auch der organisatorischen, sozialen und finanziellenRahmenbedingungen, die Archäologie als Wissenschaft qualifizieren.
Literaturhinweise
- Behrens 1974:
H. Behrens, Historische Bewegkräfte im Neolithikum Mitteleuropas. Arch. Austr. 55, 1974, 91–94. - Burmeister 2011
S. Burmeister, Archäologie und Geschichtswissenschaft: Sozialstruktur germanischer Gesellschaften anhand archäologischer Quellen. In: S. Burmeister/N. Müller-Scheeßel (Hrsg.), Fluchtpunkt Geschichte. Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog. Tübinger archäologische Taschenbücher 9 (Münster [u.a.] 2011) 161–182 - Genrich 1986
A. Genrich, Bodenurkunden und schriftliche Überlieferung. Kunde N.F. 37, 1986, 161–172. - Hachmann 1987
R. Hachmann (Hrsg.), Studien zum Kulturbegriff in der Vor- und Frühgeschichtsforschung. Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde 48 (Bonn 1987). - Igel 2009
K. Igel, Historische Quelle und archäologischer Befund. Gedanken zur Zusammenarbeit von Archäologen und Historikern in einer dicht überlieferten Epoche. In: B. Scholkmann/ S. Frommer/C. Vossler u. a. (Hrsg.), Zwischen Tradition und Wandel. Archäologie des 15. und 16. Jahrhunderts. Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie 3 (Büchenbach 2009) 33–41. - Jankuhn 1973
H. Jankuhn, Umrisse einer Archäologie des Mittelalters. Zeitschr. Arch. Mittelalter 1, 1973, 9–19.
- Mante 2007
G. Mante, Die deutschsprachige prähistorische Archäologie. Eine Ideengeschichte im Zeichen von Wissenschaft, Politik und europäischen Werten. Internationale Hochschulschriften 467 (Münster, New York, Berlin, München 2007). - Müller 2013
U. Müller, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien. In: K. Ridder/S. Patzold (Hrsg.), Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität. Europa im Mittelalter 23 (Berlin 2013) 61–90. - Müller-Karpe 1975
H. Müller-Karpe, Einführung in die Vorgeschichte. Beck'sche Elementarbücher (München 1975). - Müller-Karpe 1982
H. Müller-Karpe, Zur Bedeutung der Archäologie für das Geschichtsbewußtsein der Gegenwart. In: H. Müller-Karpe (Hrsg.), Archäologie und Geschichtsbewußtsein. Koll. Allg. u. Vergl. Arch. 3 (München 1982) 111–124. - Müller-Karpe 1983
H. Müller-Karpe, Wege zu einer Weltarchäologie. Beitr. Allg. u. Vgl. Arch. 5, 1983, 5-18. - Müller-Karpe 1998
H. Müller-Karpe, Grundzüge früher Menschheitsgeschichte (Stuttgart 1998). - Narr 1961
K. J. Narr, Urgeschichte der Kultur. Kröners Taschenausgabe 213 (Stuttgart 1961). - Scholkmann 2003
B. Scholkmann, Die Tyrannei der Schriftquellen? Überlegungen zum Verhältnis materieller und schriftlicher Überlieferung in der Mittelalterarchäologie. In: M. Heinz/M. K. H. Eggert/U. Veit (Hrsg.), Zwischen Erklären und Verstehen? Beiträge zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen archäologischer Interpretation. Tübinger archäologische Taschenbücher 2 (Münster 2003) 239–257. - Zimmermann 2003
A. Zimmermann, Spuren der Ideengeschichte in der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie Deutschlands. In: J. Eckert/ U. Eisenhauer/A. Zimmermann (Hrsg.), Archäologische Perspektiven. Analysen und Interpretationen im Wandel. Festschrift für Jens Lüning zum 65. Geburtstag. Internationale Archäologie. Studia honoraria 20 (Rahden/ Westf. 2003) 3–17. - Wenskus 1979
R. Wenskus, Randbemerkungen zum Verhältnis von Historie und Archäologie, insbesondere mittelalterlicher Geschichte und Mittelalterarchäologie. In: H. Jankuhn/R. Wenskus (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und Archäologie. Untersuchungen zur Siedlungs-, Wirtschafts- und Kirchengeschichte. Vorträge und Forschungen 22 (Sigmaringen 1979) 637–657.
PS
Der Blogpost ist als Teil meiner Vorlesung "Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit - eine Forschungsgeschichte von ihren Anfängen bis heute" im Corona-Sommersemester 2020 an der Universität Bamberg entstanden. In Teilen konnte er auf meine noch unpublizierte Habilitationsschrift "Neue Perspektiven des Geschichtsverständnisses in der historischen Archäologie. Reflektionen und Fallstudien zur Umwelt- und Sozialarchäologie als historischer Kulturwissenschaft" (Tübingen 2014) zurückgreifen.Mittwoch, 22. Juli 2020
Die Rolle der Frauen - ein Perspektivwechsel
Wichtiger ist letztlich aber der forschungsgeschichtliche Aspekt: Am Beispiel der Geschlechterrollen in der Vorgeschichte zeigt die Folge, wie moderne (westliche) Rollen meist unbewusst in die Vergangenheit zurück projiziert werden. Die Sendung versucht an zahlreichen Beispielen aus der Vorgeschichte zu zeigen, dass die Rolle der Frau oft unterschätzt worden ist.
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| Altamira, Spanien (Lhfage [CC 0] via WikimediaCommons) |
Natürlich hat jeder Einzelfall seine Interpretationsspielräume, aber dazu gehört eben auch die Interpretation als Kriegerin, die eben nicht ausgeschlossen werden kann.
Jede Wissenschaftlerin/ jeder Wissenschaftler sollte bemüht sein, solche Voreingenommenheiten bei sich selbst zu erkennen und zu vermeiden. Das ist auf der individuellen Ebene nicht immer möglich, aber genau dazu dient eben auch der wissenschaftliche Diskurs. Für die grundsätzliche Problematik zu sensibilisieren, ist Teil des Studiums und auch die Auseinandersetzung mit der Forschungsgeschichte ist ein wichtiges Instrument der wissenschaftlichen Selbstkritik und Qualitätssicherung. Im Wettstreit der Argumente werden solche Fehlerquellen erkannt und möglichst eliminiert. Dazu gibt es Formate wie die klassische Rezension oder - häufiger in den Naturwissenschaften - die 'peer-review'-Verfahren. Da ist es normal oder sogar erwünscht, dass sich Wissenschaftler*innen widersprechen. Das ist dann auch noch lange kein Wissenschaftsskandal, sondern notwendiges Verfahren. Ein Skandal wird es eher dann, wenn außerwissenschaftliche Argumente ins Spiel kommen.
In kleinen Fächern, wie etwa auch in der Archäologie, kann es freilich länger dauern, bis solche Fehler aufgedeckt werden, denn für viele Themen gibt es viel zu wenige Spezialist*innen bzw. Streiter*innen, die korrigierend wirken könnten.
Bisweilen ist ein neuer Blick erst möglich, wenn eine junge Generation antritt oder eine neue Perspektive entsteht: Die Archäologien waren jahrhundertelang von Männern dominiert und forschungsgeschichtlich gesehen ist es immer noch eine recht neue Entwicklung, dass nun auch Frauen an der Wissenschaft beteiligt sind - sicher ist das hier ein entscheidender Faktor des Perspektivwechsels und des Aufbrechens alter Paradigmen.
Immer wieder problematisch ist es dann, wenn noch undiskutierte Thesen als feststehende Tatsachen in die Öffentlichkeit kommuniziert werden. Terra X hat in der Vergangenheit gerne auf Sensationen gesetzt und recht schwierige Sensationsthesen aufgestellt (oder auch von Fachwissenschaftler*innen aufgegriffen), was langfristig der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft eher schadet. Mit der Folge Mächtige Männer - Ohnmächtige Frauen? werden einmal nicht die so modern scheinenden High-Tech- und Analytik-Verfahren der Ausgrabung und Laborarbeit dargestellt, sondern die sonst kaum thematisierten Schwierigkeiten in der Quelleninterpetation. Das ist medial deutlich schwieriger zu vermitteln, aber insgesamt ist dies der Terra X-Folge gut gelungen, da das Thema kritisch, durchaus ausgewogen und relativ wenig sensationsheischend dargestellt wird. Obwohl es auf der Hand gelegen hätte, ist die Folge auch nicht dem Klischee des Wissenschaftlerstreits in die Falle gegangen. Dass in einer knapp 45 min langen Sendung nicht alle Nuancen des Themas darzustellen sind, ist selbstverständlich.
Interner Link
Donnerstag, 2. Juli 2020
Mittelalterarchäologie im Nationalsozialismus
Externsteine
Das Grab von Heinrich dem Löwen in Braunschweig
Daher wurde 1935 das Grab Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde im Braunschweiger Dom geöffnet.
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| Braunschweiger Dom (Foto: Magnus Manske [CC BY SA 3.0] via Wikimediacommons) |
Der Welfe Heinrich der Löwe (ca. 1129/30 -1195) war seit 1142 Herzog von Sachsen und seit 1156 auch Herzog von Bayern. Die ältere historische Forschung hat ihn als eine Schlüsselperson in einem staufisch-welfischen Gegensatz gesehen, der gerade für die Bewertung Heinrich des Löwen in der NS-Zeit eine zentrale Rolle gespielt hat. Den auf Italien fokussierten Staufern und insbesondere Kaiser Friedrich Barbarossa mit ihrem Interesse an Italien wurden die Welfen mit Heinrich dem Löwen gegenüber gestellt, die sehr viel mehr als Vorläufer deutscher Nationalpolitik gelten konnten. Besonders ihre "Ostpolitik" insbesondere in den slawischen Gebieten nördlich der Elbe bot den Nationalsozialisten einen propagandistischen Anknüpfungspunkt. Heinrich dem Löwen wurde auch eine gezielte Städtepolitik zugeschrieben, vor allem mit Verweis auf Lübeck, Schwerin und München. Viele dieser Interpretationen beruhen auf einer ahistorischen Vorstellung von Familien- und Machtstrukturen, so dass beispielsweise auch der staufisch-welfische Gegensatz als reines Forschungskonstrukt zu beurteilen ist. 1195 ist Heinrich der Löwe gestorben und wurde in dem von ihm gestifteten Braunschweiger Dom bestattet.
Das Grabmal mit dem Relief von Heinrich und seiner Frau Mathilde gehört ins 13. Jahrhundert und ist erst einige Zeit nach Heinrichs Tod 1195 entstanden. Am 24. Juni 1935 fand die Graböffnung, die als archäologische Untersuchung deklariert war, statt. Der zuständige Landesarchäologe Herrmann Hofmeister wurde erst nachträglich zu dem Team hinzugezogen, das primär aus einem Oberforstmeister, einem Baurat und Fachschülern bestand. Es gab zunächst keine wissenschaftlichen Fragestellungen und auch keine Forschungsstrategie, jedenfalls beschreibt ein Zeitzeuge die Beteiligten als "ratlos".
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| Grabplatte mit Heinrich dem Löwen und Mathilde (aus M. Sauerland, Deutsche Plastik des Mittelalters (Düsseldorf, Leipzig 1909). [PD] via WikimediaCommons) |
In der Gruft wurden drei Särge entdeckt. Im ersten Steinsarg - unter der Grabplatte Mathildes - wurden die Skelettreste eines geschätzt nur 1,62 m großen Individuums gefunden. Beim zweiten Steinsarg handelt es sich um ein Kindergrab. Der dritte Sarg bestand aus Holz und enthielt ein in einen über 2 m langen Lederbeutel eingenähtes Skelett.
Zuerst wurde jedoch nur die Bestattung im Steinsarkophag entdeckt und die erste Begutachtung ließ auf eine Frau schließen, die von Geburt an behindert war., da ein Bein etwa 10 cm verkürzt war. Das war ein unliebsames Ergebnis, denn Heinrich fehlte und die Frau - plausiblerweise Mathilde - hätte nach den Maßstäben des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 sterilisiert werden müssen. Man ließ die Sache indes nicht auf sich beruhen, vielleicht weil doch Erwartungen von Himmler und Rosenberg im Hintergrund standen, bestellte man ein neues Gutachten und führte die Grabungen weiter. Als Gutachter wurde der Berliner Rassenanthropologe Eugen Fischer angefragt, der zugleich Richter am Berliner Erbgesundheitsgericht und damit oberste Instanz für Fragen der Erbkrankheiten war. Fischer kam sofort nach Braunschweig.
Man identifizierte das Skelett aus dem Steinsarg gegen die sachlichen Bedenken mit Heinrich dem Löwen und bezog die Behinderung auf einen Unfall, da Heinrich nicht als 'Krüppel' erscheinen sollte. Tatsächlich war Heinrich im Februar 1194 vom Pferd gestürzt.
Wenige Tage später öffnete man den Kindersarg. An diesem Nachmittag waren Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg zugegen. Vermutlich wurden sie nicht über die Interpretationsschwierigkeiten aufgeklärt. Himmler scheint enttäuscht gewesen zu sein und - so eine These - hätte sich deshalb in der Folge Heinrich I. in Quedlinburg zugewandt. Rosenberg hingegen ist auf Fotos in triumphierender Pose zu sehen.
Erst Anfang Juli wurde - unter dem Grabrelief Heinrichs - der Holzsarg mit dem Ledersack und spärlichen Skelettresten entdeckt. Eine naheliegende Korrektur der bisherigen Interpretation nahm man aber nicht vor. Zwar war die Öffentlichkeit bisher nicht informiert worden, aber zahlreiche Politprominenz hatte die Grabung besucht.
Es ist naheliegend, Heinrich mit den Skelettresten aus dem Holzsarg und Mathilde mit der Bestattung im Steinsarg zu identifizieren. Von Heinrichs Frau Mathilde ist bekannt, dass sie stets in einer Sänfte getragen wurde, so dass dazu auch die Erkrankung passt.
In seinem Grabungstagebuch hielt sich Hofmeister mit Interpretationen zurück und offenbar wollte er die Gutachten abwarten. Klagges drängte indes auf die Fertigung einer Prachtausgabe, die dem Führer zum Geburtstag überreicht werden sollte, samt einer blonden Locke aus dem Grab Heinrichs. Damit war die Interpretation politisch festgelegt. Hofmeister, der Klagges seine Professur und seinen Posten als Landesarchäologe zu verdanken hatte, stellte seine Bedenken zurück, unterschrieb den von Klagges ergänzten Bericht jedoch nicht.
Am 6. Juli 1935 waren die Grabungen offiziell abgeschlossen. Am 17. Juli traf jedoch Adolf Hitler zu einem zunächst geheim gehaltenen Besuch in Braunschweig ein. Er besichtigte das Grab und erklärte den Ausbau des Braunschweiger Doms zur nationalsozialistischen "Weihestätte" zur 'Chefsache'. Auch die Geheimhaltung der Grabungen war nun nicht mehr möglich. Hitler gegenüber erklärt Klagges, der Sachsenherzog sei eindeutig im Steinsarkophag identifiziert worden, was nach dem aktuellen Stand der Dinge gelogen war.
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| Karrikatur zu Hitlers Berufung als Pädagogik-Professor Vorwärts v. 18.2.1932 (Fridrich-Ebert-Stuftung [CC BY-NC-SA 3.0 Lizenz ] via http://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=VW49081) |
Quedlinburg
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| (Foto: Avda [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons) |
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| Himmler in Quedlinburg (Bundesarchiv, Bild 183-S16571 / [CC-BY-SA 3.0] via Bundesarchiv) |
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| Kranzniederlegung in einer nächtlichne Feierstunde anlässlich des Todestages König Heinrichs I. in Quedlinburg 1938, u.a. mit Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich (Bundesarchiv, Bild 183-H08447 / [CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons) |
„Denken wir an einen Arminius, einen Heinrich und an unseren Führer, so vermögen wir einen tausendjährigen Rhythmus in der schicksalhaften Bahn der Geschichte zu ahnen. Noch merkwürdiger ist jenes Zahlenspiel, das sich im Vergleich mit einem ‚tausendjährigen Kalender‘ ergibt. 919 beginnt Heinrich I. seinen Heldenweg, wohl 924 erleidet er eine empfindliche Schlappe im Ostland, wird aber selbst gerettet, – und 933 schlägt er den entscheidenden Sieg gegen den Reichsfeind, die ostische Ungarngefahr, und schenkt damit dem Reiche Frieden und Freiheit (Radig 1937, 11)“
Werla
1875 war die Pfalz wieder entdeckt und mit einer kleinen Grabung verifiziert worden. In den 1920er Jahre begann ein größeres archäologisches Interesse, in deren Folge der Landkreis Goslar 1929 das Gelände aufkaufte, um es aus der landwirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen.
1933 begann eine neue Grabungsinitiative, zu der eine "Werla-Kommission" eingesetzt wurden. Die Grabungsleitung der ersten Kampagne 1934 übertrug man Karl Becker einem Bauforscher, der Grabungserfahrungen aus dem Ostmittelmeerraum aber auch von der Pfalz Goslar mitbrachte. Als Becker krankheitsbedingt ausfiel wurde für die Kampagne 1936 mit Heinrich Steckeweh wiederum ein Bauforscher zum Grabungsleiter bestellt.
Teil des Teams war auch der Prähistoriker Hermann Schroller (1900-1959) vom Provinzialmuseum Hannover, der die ggf. auftretenden vorgeschichtlichen Funde bearbeiten sollte. 1937 wurde Schroller aus undurchsichtigen Überlegungen die gesamte Grabungsleitung übertragen. Für die baugeschichtliche Expertise und die Konservierung der Befunde wurde 1937 Martin Victor Rudolph (1908-1993), Mitarbeiter am Fachbereich Architektur an der TU Braunschweig hinzu gezogen. Rudolph hatte bereits Grabungserfahrung unter anderem aus Haithabu.
| Blick entlang der Terrassenkante zur Oker auf die Kernburg der Pfalz Werla (Foto: R. Schreg) |
Der Einsatz des Reichsarbeitsdienstes war auf vielen Grabungen üblich. Weit problematischer ist, dass es andere Grabungen gab, auf denen Internierte oder gar KZ-Häftlinge eingesetzt wurden.
1937 arbeiteten Schroller und Rudolph offenbar einigermaßen zusammen, doch im Vorfeld der Grabungskampagne 1939 kam es zum Eklat. Beide versuchten sich mit ihren Werlaforschungen zu profilieren und übergingen die Beiträge des jeweils anderen. Für die Kampagne 1939 forderte Rudolph die gleichrangige Grabungsleitung ein, was ihm Schroller aber verweigerte.
Prinzipiell wären solche Hahnenkämpfe und Konkurrenzen vielleicht nicht der Rede wert, wären hier nicht typische Konstellationen der NS-Archäologie sichtbar. Beide Kontrahenten waren eigentlich über das Stadium der prekären Stellen bereits hinaus gekommen und hatten dank der NS-Institutionen einen gewissen Stand gewonnen.
Hermann Schroller hatte 1926 in Tübingen mit einer Arbeit über neolithische Keramik auf dem Balkan promoviert und 1929 eine Anstellung am Landesmuseum Hannover erhalten. Dort erfuhr er von seinem Vorgesetzten K.H. Jacob-Friesen einige Förderung, der ihm die Schriftleitung der niedersächsischen Zeitschrift "die Kunde" anvertraute und ihn 1934 auch für das Grabungsprojekt Werla vorschlug. 1929 trat Schroller auch in Alfred Rosenbergs "Kampfbund für deutsche Kultur" ein, dessen archäologische Abteilung später in Hans Reinerths "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" aufging. Eine enge Beziehung von Schroller zu Reinerth ist zunächst nicht nachweisbar, obgleich beide im Tübinger UFI studiert hatten und beide aus Siebenbürgen stammten. 1934 wurde Schroller zum Landesleiter des Reichsbunds in Niedersachsen und war in der Folge eng mit Reinerth verbunden.
Die Bestrebungen Reinerths die archäologischen Fachgesellschaften und historischen Vereine im Reichsbund "gleichzuschalten" betrafen auch den Nordwestdeutschen Verband für Altertumsforschung, dessen Vorsitzender Schrollers Chef Jacob-Friesen war. Schroller schlug sich auf Reinerths Seite und hinterging seinen Chef, indem er diesen offenbar auch aus dem Werlaprojekt zu drängen suchte.
M.V. Rudolph hingegen stand Herbert Jankuhn und dem 1936 gegründeten "SS-Ahnenerbe" nahe. 1938 wurde er an der TH Braunschweig Privatdozent für "vorgeschichtliche Baukunde" und leitete die "Lehr- und Forschungsstätte für Germanisches Bauwesen" im SS-Ahnenerbe. Rudolphs Interpretation der Befunde auf der Pfalz Werla bezog sich stark auf Quedlinburg, indem er versuchte, dasselbe Fußmaß nachzuweisen und so auch zu belegen, dass die Gründung der Werla Heinrich I zuzuschreiben sei.
Die Auseinandersetzung der beiden hatte keinen tieferen ideologischen Konflikt als Grundlage, wenn auch Schroller im Bericht zur Grabung 1939 die Ergebnisse seines ehemaligen Mitarbeiter zu diskreditieren versuchte, indem er ihm Befundfälschung unterstellte, um die Maße passend zu machen. Dies scheint überzogen gewesen zu sein, wennglich man auch festhalten muss, dass an den durch Steinraub schon weitgehend ausgeplünderten Fundamentgräben kaum exakte Maße zu gewinnen sind, die methodisch sauber für Maßanalyse herangezogen werden können.
Schroller setzte sich durch, Rudolph war an der Grabung 1939 nicht mehr beteiligt. An seiner Stelle trat C.-H. Seebach in das Pojekt ein, der es auch nach dem Krieg fortführen sollte. Rudolph war ab 1940 Leiter einer "Kulturkommission", die die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Südtirol auf die Krim vorbereiten sollte. Aus Sicht der Haus- und Bauforschung sollten germaqnische und deutsche Traditionen bestimmt werden, die mit der Bevölkerung auf die Krim zu transferieren wären.
Anders als für Quedlinburg interessierte sich die NS-Prominenz für diesen Platz allerdings relativ wenig. Erst am 23. Mai 1940 besuchte Reichsminister Bernhard Rust die inzwischen eingemottete Grabung und stellte für die Zeit nach dem Krieg Gelder für die weitere Forschung für den Ort vor, an dem sich "vor über 1000 Jahren der Aufbau des Ersten Reiches der Deutschen unter König Heinrich I. vollzogen habe" (zitiert nach Blaich in Blaich/Geschwinde 2015, 112).
Hohenstaufen
Dennoch begann man 1936 mit archäologischen Ausgrabungen. Entscheidend wurde die Initiative des aus der Region stammenden einflussreichen Unternehmers Paul Reusch (1886-1956), Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Reusch war ein großbürgerlicher Unternehmer mit rechtsextremen Ansichten und Verfechter eines autoritären Staates. Bei der Machtergreifung Hitlers spielte er als Vertreter der Industrie eine gewisse Rolle, indem dessen Aufstieg wenn nicht aktiv förderte, so doch duldete oder durch wohlwollende Neutralität unterstützte. Von politischen Motiven Reuschs bei der Förderung der Grabung scheint bislang nichts bekannt.
Der Reichstatthalter für Württemberg, Wilhelm Murr setzte die Ausgrabungen gegen die Haltung des Kultusministers und langjährigen Konkurrenten Christian Mergenthaler und des Landeskonservators Richard Schmidt vom Landesamt für Denkmalpflege durch. Im August 1936 wurden die Ausgrabungen begonnen, deren Leitung bei Walther Veeck lag, seit 1936 Direktor der Staatlichen Altertümersammlung und ab 1938 Untersturmführer der SS. Wohl 1939 wurden durch Walter Lorch Phosphatanalysen auf dem Hohenstaufenplateau durchgeführt, die auch heute noch als Pionierarbeit in der Geoarchäologie gelten. Da Veeck 1941 verstarb und die originale Grabungsdokumentation weitgehend verschollen ist, sind die Details der Grabung nicht zu erfassen. Immerhin konnten im zentralen Bereich der Burg drei bis vier mittelalterliche Bauphasen differenziert werden. Demnach wurde zunächst eine Zisterne angelegt, die aber dann durch ein Gebäude ersetzt wurde. Als jüngste Phase wurde die Quermauer erwiesen, für die sekundäres Baumaterial verwendet wurde (Lang u.a. 1996). Das Fundmaterial blieb bescheiden und wurde zunächst vor Ort eingelagert. Damit entging es zwar dem Brand des Landesmuseums, blieb aber auf Jahrzehnte vergessen.
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| Konservierte Befunde der Grabungen 1936/37 auf dem Hohenstaufen (Foto: R. Schreg) |
Speyer
Die von Schmid geplante Publikation der Ausgrabung war damit endgültig gescheitert. Auch die Pläne des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege konnten kriegsbedingt nicht umgesetzt werden. 1949 mussten die Unterlagen nach Speyer abgegeben werden.
Neuwied-Gladbach
Fazit
Die Vorgeschichte diente vor allem der Darstellung der nationalen Größe bzw. der Beschwörung des Germanentums, wohingegen die Archäologie des Mittelalters eher der Legitimierung von Herrschaft und konkreter Politik diente.
Ob sich die Beteiligten auf diesen Missbrauch von Wissenschaft aus ideologischer Überzeugung oder Opportunismus eingelassen haben, ist bestenfalls mittels einer detaillierten biographischen Analyse zu entscheiden. Deutlich ist allerdings, dass Konkurrenz und und falscher Ehrgeiz immer wieder ein wichtiger Faktor waren. Mehrheitlich haben wir es mit damals jungen Männern zu tun, die sich in einer Phase dem Nationalsozialismus angeschlossen haben, als sie sich in einer prekären Phase befanden und die Zukunftsperspektiven unklar waren.
Uta Halle weist darauf hin, dass mit einer solchen Einstellung der Boden der Wissenschaft verlassen wurde und nicht nur willkürlicher Interpretation, sondern auch die Fälschung von Befunden gewissermaßen legitimiert wurde (Halle2005,16). In der Tat gibt es zahlreiche Verdachtsfälle solcher Fälschungen aus der NS-Zeit.
Aber: Nicht jede Grabung und nicht jedes Forschungsprojekt aus der Zeit des Nationalsozialismus hat den Pfad der Wissenschaftlichkeit verlassen, wenn auch aus heutiger Sicht der Sprachduktus und manches theoretische Konzept im Hintergrund nicht mehr zeitgemäß ist.
Literaturhinweise und Quellen
- Blaich/Geschwinde 2015
M. C. Blaich/M. Geschwinde (Hrsg.), Werla 1. Die Königspfalz. Ihre Geschichte und die Ausgrabungen 1875 - 1964. Monogr. RGZM 126 (Mainz 2015). - Fischer 1953
E. Fischer, Die anthropologische Untersuchung der Gebeine Heinrichs des Löwen. Braunschweigisches Jahrbuch 34, 1953, 135–144. - Garscha u. a. 1948-50
F. Garscha/K. Hammel/W. Kimmig u. a., Eine Dorfanlage des frühen Mittelalters bei Merdingen (Ldkr. Freiburg). Bad. Fundber. 18, 1948-50, 137–183. - Geringer u. a. 2013
S. Geringer/F. von der Haar/U. Halle u. a. (Hrsg.), Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz (Stuttgart, Bremen 2013). - Grunwald/Schreg 2013
L. Grunwald/R. Schreg, Frühmittelalterliche Siedlungen und Gräberfelder in der Gemarkung von Neuwied-Gladbach. Arch. Korrbl. 43, 4, 2013, 569–585. - Halle 2002
U. Halle, "Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!". Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe 68 (Bielefeld 2002). - Halle 2005
U. Halle, 936 Begräbnis Heinrichs I - 1936 die archäologische Suche nach den Gebeinen in Quedlinburg und die NS-Propaganda. Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 16, 2005, 15–21. - Hofmeister 1978
H. Hofmeister, Bericht über die Aufdeckung der Gruft Heinrichs des Löwen im Dom zu Braunschweig im Sommer 1935. Gekürzte Fassung (Braunschweig 1978). - Kater 2006
M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches4. Studien zur Zeitgeschichte 6 (München 2006). - Kirsch 1997
Jahn-Holger Kirsch: „Wir leben im Zeitalter der endgültigen Auseinandersetzung mit dem Christentum.“ Nationalsozialistische Projekte für Kirchenumbauten in Enger, Quedlinburg und Braunschweig. In: Stefan Brakensiek (Hrsg.): Widukind. Forschungen zu einem Mythos (Bielefeld 1997) 33–95; - Lang u. a. 1996
W. Lang/M. Bachteler/R. Rademacher u. a. (Hrsg.), Archäologische Zeugnisse vom Hohenstaufen. Die Grabungen von 1935 bis 1938. Veröff. Stadtarchiv Göppingen 34 (Göppingen 1996). - Lorch 1944
W. Lorch, Ergebnisse der Untersuchung württembergischer Burgberge mittels der Phosphatmethode. Naturwissenschaften 32, 1944, 99f. - Lorentzen 2005
Tim Lorentzen: Ideologische Usurpation: die nationalsozialistische Umgestaltung der Stiftskirchen zu Braunschweig und Quedlinburg als Zeichenhandlung (Wolfenbüttel 2005). - Meier 2002
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T. Meier, Eine Grabung als Politikum. Die Untersuchung der Herrschergräber im Speyerer Dom im Sommer 1900 und ihre Geschichte. In: M. Herget (Hrsg.), Des Kaisers letzte Kleider. Neue Forschungen zu den organischen Funden aus den Herrschergräbern im Dom zu Speyer ; [Begleitbuch zur Ausstellung "Des Kaisers letzte Kleider - Rettung der organischen Funde aus den Kaiser- und Königsgräbern im Dom zu Speyer" im Historischen Museum der Pfalz, Speyer, 10. April bis 30. Oktober 2011] (München 2011) 40–51. - Menzel o.J.
U. Menzel, Die große Erzählung des Dietrich Klagges. Berichte, Fotos, Gutachten und Artefakte über die Aufdeckung der Grabstätte Heinrichs des Löwen im Braunschweiger Dom und zur Deutung der Grabungsfunde - pdf unter http://www.ulrich-menzel.de/unveroeffentlicht.html - Radig 1930
W. Radig, König Heinrich I. und die ostdeutsche Archäologie. Mannus. Ergänzungsband 8 (Leiptig 1930). - Radig 1937
W. Radig, Heinrich I. Der Burgenbauer und Reichsgründer. Führer zur Urgeschichte 14 (Leipzig 1937). - Rötting 1985
H. Rötting (Hrsg.), Stadtarchäologie in Braunschweig. Ein fachübergreifender Arbeitsbericht zu den Grabungen 1976-1984. Forsch. Denkmalpfl. Niedersachsen 3 (Hameln 1985). - Sage 1969
W. Sage, Die fränkische Siedlung bei Gladbach, Kreis Neuwied. Kl. Museumsh. Rhein. Landesmus. Bonn 7 (Düsseldorf 1969). - Schmoll 2003
F. Schmoll, “Was uns der kahle Berg zu denken gibt …” Hohenstaufenverehrung und nationaler Denkmalskult im 19. Jahrhundert. Hohenstaufen/Helfenstein. Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen 13, 2003, 135–156. - Schöbel 2014
G. Schöbel, Ausstellungen in Baden und Württemberg während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Plattform 23/24, 2014, 49–71. - Schreg, i. Dr.
R. Schreg, Mehr Mythos als Macht!? - Der Hohenstaufen als Stammburg von Kaisern. In: S. Hirbodian (Hrsg.), Zentren der Macht in Schwaben. Landeskundig (im Druck) - Schmidt 1974
T. Schmidt, Die Grablege Heinrichs des Löwen im Dom zu Braunschweig. Braunschweigisches Jahrbuch 55, 1974, 9–45. - Stahl 2013
Andreas Stahl: Königshof und Stiftsberg in Quedlinburg: Stätten des Heinrichkults der SS. In: Reinhard Schmitt, Uwe Steinecke (Hrsg.): Historische Bauforschung in Sachsen-Anhalt II. (Halle/S. 2013) 471–496. - Strauß 1993
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M. Strobel, Werner Radig (1903-1985) – Ein Prähistoriker in drei politischen Systemen. Arbeits- und Forschungsberichte zur Sächsischen Bodendenkmalpflege 47, 2005, 281–320. - Stoll/Wagner 1937
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K.-H. Wagner/L. Hussong/H. Mylius, Fränkische Siedlung bei Gladbach, Kreis Neuwied. Germania 22, 1938, 180–190.
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