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Donnerstag, 16. Februar 2023

Die historische Dimension der Erdbeben am ostanatolischen Graben vom 6. Februar 2023

Die Opferzahlen der beiden Erdbeben vom 6.2.2023, die sich gegen 4 Uhr morgens mit Epizenttum nordwestlich von Gaziantep in der Region Kahranmaras und gegen 13.30 mit Epizentrum bei Elbistan, etwa 120 km weiter nördlich,  erreignet haben, steigen noch immer. Aktuell (16.2.2023) liegt die Zahl der Opfer bereits bei über 40.000. Bis über 67.000 Opfer werden indes für realistisch eingeschätzt (Schäfer u.a. 2023).

Die geologische Gewalt illustriert sehr eindrucksvoll die Spalte, die auf 300 km Länge zu verfolgen ist und die teilweise als 30 m tiefe und 200 m breite Schlucht in Erscheinung tritt.

Ein Drohnenflug über die Schlucht bei ntv:

Eine Schande ist es, dass in Syrien wie in der Türkei die Situation zur Sicherung eigener Machtansprüche genutzt wird, indem Hilfe erschwert oder sie gar für militärische Angriffe ausgenutzt wird. Zudem zeigt sich, dass erdbebensichers Bauen vernachlässigt wurde, obgleich genügend Erdbeben der jüngeren Vergangenheit es ganz deutlich gemacht haben, dass weite Teile der Türkei stark erdbebengefährdet sind. Tektonisch gibt es hier mehrere Bruchzonen und Verwerfungen.

Erdbeben in der Türkei 1900-2023
(Karte: Phoenix777 auf Basis OSM und USGS [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Plattentektonik in der Türkei
(Karte: Roxy [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Historische Erdbeben

Der Blick in die entferntere Vergangenheit zeigt zudem, dass in der Region einige der schwersten Erdbeben der bekannten Geschichte überhaupt mit mehr als 100.000 Opferm aufgetreten sind.

Antiochia 526

Johannes Malalas (590-570) berichtet in seiner Weltgeschichte von einem großen Erdbeben, das 526 die Umgebung von Antiochia, dem heutigen Antakya getroffen hat. Die Bewohner wurden unter dem Schutt der Häuser begraben, nur einige Häuser nahe der Berge überdauerten das Beben, alle anderen wurden zerstört. Nach dem Erdbeben brach Feuer aus, das die Große Kirche, aber auch die übrig gebliebenen Häuser zerstörte. Andere Quellen bestätigen diese Angaben, wobei wir noch erfahren, dass Wind das Feuer anfachte, das sechs Tage lang brannte. Viele Kirchen seien vom Boden bis zum Dach in zwei Teile getrennt worden. Mehrere Monate lang kam es zu Nachbeben. 540 nutzen die Sassaniden die andauernde Krisensituation und nahmen Antiochia im Sturm.
Historische Opferzahlen sind immer schwer zu bewerten. Malalas nennt 250000 Opfer, Johannes von Ephesus 255000 und Prokop 300000. Ziemlich sicher sind diese Zahlen zu hoch angesetzt, zeigen aber doch das enorme Ausmaß. Antiochia hat trotz Wiederaufbauversuchen damals seine einstige Bedeutung verloren. Dennoch wird diskutiert, inwiefern die Stadt nicht doch eine Resilienz gegenüber diesen Krisen gezeigt hat (Mordechai 2016). Aktuell ist der Resilienz-Begriff in der Archäologie ein Modebegriff geworden, der dadurch inflationär Gebrauch findet. Inwiefern das Statement einer Resilienz der Stadt angesichts der Tausenden von Toten tatsächlich angebracht ist, sei einfach zu bedenken gegeben. Deutlich wird das, wenn man die aktuellen Berichte über Schicksale im nun wieder vom Erdbeben zerstörten heutigen Antakya dagegen hält.

Antiochia 1114

Am 19. November 1114 traf - nach vielen kleineren - wiederum ein schweres Erdbeben Antiochia. Arabische Quellen berichten vom Einsturz weiter Teile der Stadtbefestigung sowie zahlreicher Häuser, die ihre Bewohner unter sich begruben. Einige Siedlungen im Umland wurden ebenfalls zerstört.

Aleppo 1138

Das Erdbeben von Aleppo im Oktober des Jahres 1138 soll sogar 230.000 Opfer gehabt haben. Das Erdbeben war das erste einer ganze Reihe. Die Stadt und die Zitadelle sowie mehrere umliegende Burgen wurden zerstört.


Archäoseismologie

Seit einiger Zeit gibt es die Forschungsrichtung der Archäoseismologie, die versucht, frühere Erdbebebn in ihren Auswirkungen zu erfassen. Besonders wichtig sind hierbei Gebäude, deren Schäden Aufschluß über die Stärke, ggf. aber auch über die Richtung der Erdbewegungen geben können. Grundsätzlich ist es nicht ohne Schwierigkeiten, die Auswirkungen von Erdbeben archäologisch unabhängig zu bewerten. Im Umland des antiken Antiochia steht mit dem Aquaedukt eine interessante Quelle dafür zur Verfügung. Da die Wasserleitung, für die Versorgung der Stadt - immerhin war Antiochia eine der größten Städte der Antike - dringend notwendig und zugleich besonders anfällig für Erdbeben war, wurde sie jeweils rasch repariert. Forschungen am Aquaeduct konnten solche Reparaturen feststellen, doch leider gelingt deren Datierung nicht mit der Präzision, die nötig wäre, um sie mit einzelnen historisch bekannten Erdbeben zu verknüpfen (Benjelloun et al. 2015). Die Datierung von Erdbebenspuren konnte so vor wenigen Jahren zeigen, dass es in der Region nach vielen heftigen Erdbeben in Antike und Mittelalter in den vergangenen rund 800 Jahren keine vergleichbaren Erdbeben gegeben hat (Meghraoui et al. 2003). Die Erdbeben von Erzincan 1939 und Izmir 1999 liegen an anderen Grabenzonen und so war eigentlich klar, dass mit einem so enormen Beben wie nun im Februar 2023 in der Region zu rechnen war. 

In der öffentlichen Wahrnehmung wie auch in der Politik wurde dies aber nicht aufgegriffen. Überhaupt ist in der Türkei eine auffallende Geringschätzung des Erdbebenrisikos zu sehen.Die nach den letzten Erdbeben verschärften Bauordnungen wurden nicht durchgesetzt. In Akkuyu an der türkischen Südküste gegenüber Zypern baut die Türkei - mit russischer Federführung - ein Atomkraftwerk. Zwar scheint dies im Hinblick auf Erdbeben seit der Zeit um 1900 eine relativ ruhige Region zu sein, doch gibt es Zweifel, ob das langfristige Erdbebenrisiko ausreichend bewertet wurde, Akkuyu liegt just am Rand der anatolischen Platte, die nun - glücklicherweise - 350 km weiter östlich ihre Spannungen entladen hat. Die lange Bebenstille um Akkuyu muss nicht bedeuten, dass diese Erdbebenzone heute inaktiv ist,

 

Zerstörung historischer Monumente

Nachdem die Menschenrettung selbstverständlich Vorrang hatte, läuft erst langsam eine Bestandsaufnahme an.

Laut der türkischen Wikipedia und der entsprechenden Kategorisierung in WikimediaCommons sind zahlreiche archäologische Stätten und Museen von der Erdbebenkatastrophe betroffen:

  • Antakya
  • Archaeological Museum
  • St. Paul Orthodox Church
  • Arslantepe‎ - hettitische archäologische Stätte
  • İskenderun
  • Diyarbakir
  • Church of St. George
  • City walls in Diyarbakır
  • Gaziantep
  • Burg 
  • Kurtuluş Mosque
  • Şirvani Cami‎, Moschee
  • Malatya
  • Große Moschee
  • Habib-i Neccar Mosque
  • Hacı Yusuf Mosque

Syrien 

In Syrien ist aufgrund der politischen Situation die Nachrichtenage schwierig, doch berichten sowohl die syrische Altertumsbehörde DGAM, als auch das Idleb Antiquities center und die Initiative Syrians for heritage auf facebook über Schäden. Ein erster Kurzbericht der Antikenbehörde:
Schäden werden unter anderem gemeldet aus:
  • Aleppo
  • Zitadelle
  • Museum


Literatur

  • Benjelloun et al. 2015: Y. Benjelloun / J. de Sigoyer / J. Carlut / A. Hubert-Ferrari / H. Dessales / H. Pamir / V. Karabacak, Characterization of building materials from the aqueduct of Antioch-on-the-Orontes (Turkey). Comptes Rendus Geoscience 347,4, 2015, 170–180. -  https://doi.org/10.1016/j.crte.2014.12.002
  • Daniell et al. 2011: J. E. Daniell / B. Khazai / F. Wenzel / A. Vervaeck, The CATDAT damaging earthquakes database. Nat. Hazards Earth Syst. Sci. 11,8, 2011, 2235–2251. -  https://doi.org/10.5194/nhess-11-2235-201
  • Guidoboni u.a. 2004: E. Guidoboni, F. Bernardini, A. Comastri, The 1138–1139 and 1156–1159 destructive seismic crises in Syria, south-eastern Turkey and northern Lebanon. Journal of Seismology 8, 2004, 105–127. - https://doi.org/10.1023/B:JOSE.0000009502.58351.06
  • Schäfer u.a. 2023: A.M.Schäfer u.a., Kahramanmaraş & Elbistan Erdbeben Türkei. CEDIM Forensic Disaster Analysis Group (FDA) 2023. - https://doi.org/10.5445/IR/1000155770
  • Sbeinati et al. 2005: Mohamed Reda, Ryad Darawcheh,Mikhail Mouty, The historical earthquakes of Syria: an analysis of large and moderate earthquakes from 1365 B.C. to 1900 A.D. 347. Annals of Geophysics 48/3, 2005, 347-435 - https://citeseerx.ist.psu.edu/document?repid=rep1&type=pdf&doi=b935e405c1d7a89c75374f1a1a81cb92a13f6055
  • Meghraoui et al. 2003: M. Meghraoui / F. Gomez / R. Sbeinati / J. van der Woerd / M. Mouty / A. N. Darkal / Y. Radwan / I. Layyous / H. Al Najjar / R. Darawcheh / F. Hijazi / R. Al-Ghazzi / M. Barazangi, Evidence for 830 years of seismic quiescence from palaeoseismology, archaeoseismology and historical seismicity along the Dead Sea fault in Syria. Earth and Planetary Science Letters 210,1, 2003, 35–52. -  https://doi.org/10.1016/S0012-821X(03)00144-4
  • Mordechai 2016: Lee Mordechai,Antioch in the Sixth Century: Resilience or Vulnerability? Late Antiq. Archaeol. 12 (1), 2016, 25–41. - https://doi.org/10.1163/22134522-12340065.
  • Aleppo earthquake of 1138. Britannica. - https://www.britannica.com/event/Aleppo-earthquake-of-1138

Links

Mittwoch, 8. Februar 2023

Nordwestsyrien: Naturkatastrophe folgt auf zivilisatorische Katastrophe

Das Erdbeben in der Türkei und Syrien hat enorme, weiter steigende Zahlen an Toten.

Die UNESCO versucht eine Bestandsaufnahme, was die Schäden an Kulturgut angeht. Die Naturkatastrophe trifft in Nordwestsyrien eine Region, die seit Jahren eine zivilisatorische Katastrophe durchläuft.

Genannt wird insbesondere die Zitadelle in Aleppo, die schwer beschädigt sei. Betroffen ist auch die Altstadt von Aleppo.

Aus der Region von Idlib scheinen noch keine Nachrichten vorzuliegen. Die Region wird von regionalen Kräften kontrolliert.

Zitadelle von Aleppo
(Foto: Hovic [CC-BY-NC-SA 2.0]
via Flickr)


In der Türkei sind Schäden am dortigen Weltkulturerbe in Diyarbakır. Von den archäologischen Fundstätten Göbekli Tepe, Nemrut Dağ und Tell Arslantepe liegen bisher keine Nachrichten vor.


Link

  • Earthquake in Syria and Türkiye: UNESCO offers support. UNESCO press release (7.2.2023). - https://www.unesco.org/en/articles/earthquake-syria-and-turkiye-unesco-offers-support

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Sammeln verboten - wegen Antikenhehlerei: Der Fall Steinhardt

Anfang Januar 2018 durchsuchten Beamte der Bezirksstaatsanwaltschaft von New York die Geschäftsräume des Milliardärs Michael H. Steinhardt und stellten dabei mehrere Antiken sicher, die illegal aus Italien und Griechenland ausgeführt worden waren. Besonders genannt sind sechs Stücke:

  • ein zeremonielles Trankopfergefäß oder Rhyton in Form eines Hirschkopfs. Es wurde durch Steinhardt im November 1991 von der Merrin Gallery of Manhattan für 2,6 Mio $ gekauft. Das Objekt, das im Handel zunächst ohne Provenienzangabe auftauchte, stammt wohl aus einer Raubgrabung in Milas in der Türkei, an die es inzwischen zurückgegeben wurde.
  • eine Larnax, also eine kleine sarkophagartige Truhe für menschliche Überreste aus dem spätminoischen Kreta (ca. 1400 - 1200 v.Chr.). Der Gegenstand im Wert von 1 Mio $ gelangte über einen bekannten Antikenhändler auf den Seychellen an Steinhardt. Die Bezahlung wurde über eine für Geldwäsche bekannte Bank auf Malta abgewickelt.
  • das „Ercolano Fresco“, das Herakles mit der Schlange zeigt, wurde im November 1995 ohne Provenienz von Robert Hecht, einem ebenfalls berüchtigten Antikenhändler für 650.000 $ erworben.  Es wurde im selben Jahr aus einer römischen Villa in Herculaneum, einer der vom Vesuvausbruch 79 n.Chr. verschütteten Städte geplündert.
  • eine Goldschale aus Nimrud im Irak. Dieses Stück ist besonders brisant, da die Region seit 2015 unter der Herrschaft des IS/Daesh stand, der damit seinen Terror finanzierte. Das Stück fiel den US-Customs am Flughafen in New York auf, als es durch einem aus Hongkong kommenden Antikenhändler im Handgepäck eingeführt und dann an Steinhardt geliefert wurde. 
  • drei neolithische steinerne Gesichtsmasken. Steinhardt erwarb sie im Oktober 2007 von einem in Jerusalem ansässigen Antikenhändler für 400.000 $, wiederum ohne jede Provenienzangabe. Nach Ermittlungen der israelischen Altertumsbehörde datieren sie um 6000 v.Chr. und stammen aus den Ausläufern der Judäischen Berge in Israel, höchstwahrscheinlich aus der Schephelah. Sie sind auf Fotos, die von israelischen Strafverfolgungsbehörden gefunden wurden, noch mit Erde verkrustet und mit Schmutz bedeckt, zu erkennen. Derartige Masken sind in Sammlerkreisen sehr beliebt und werden mit bis zu 1 Mio $ gehandelt, zumal nur rund 15 Stück bisher bekannt sind. Nach einem Bericht in MiddleEastEye vom Mai diesen Jahres soll Steinhardt insgesamt 8 solcher Masken besitzen. Die meisten stammen aus Raubgrabungen, nur eine aus einer regulären Grabung, so dass Funktion und Bedeutung bis heute unbekannt sind.  Beispielsweise weiß man nicht, ob es sich um Totenmaskem handelt

Die Staatsanwaltschaft New York hat laut ihrer Pressemeldung Beweise dafür, dass 180 Objekte der Sammlung Steinhardt aus ihrem Herkunftsland gestohlen wurden. Entscheidend ist nicht allein das Fehlen von Provenienzangaben, sondern es gibt zahlreiche weitere Beweise für Plünderungen. 171 der 180 beschlagnahmten Antiquitäten befanden sich vor dem Erwerb durch Steinhardt im Besitz von Personen, die von den Strafverfolgungsbehörden später als Antikenhehler eingestuft wurden und von denen einige deswegen auch verurteilt wurden; 101 Objekte sind auf Fotos in schmutzigem, unrestaurierten Zustand zu erkennen, was ihre Herkunft aus einer Raubgrabung belegt. Viele der beschlagnahmten Funde stammen aus Regionen, die vor ihrem Auftauchen auf dem Kunstmarkt von Unruhenund Raubgrabungen betroffen waren - darunter auch das Herrschaftsgebiet des IS.  Die Sammlung Steinhardt ist mit Sicherheit noch größer, doch ist es bei den weiteren Objekten wohl nicht möglich die Illegalität zweifelsfrei nachzuweisen.

Zahlreiche Objekte hat Steinhardt an das Metropolitan Museum of Art MET in New York gestiftet oder verkauft (z.B. welche von diesen), das seinerseits schon mehrfach in Skandale um Raubgrabungsfunde verwickelt war.

kykladische Marmorschale im MET, gestiftet 2001 von Judy und Michael Steinhardt mit einer längeren Provenienzgeschichte, die aber nicht zu einem Fundort führt
(Foto: MET [public domain] via MET)

 

Nicht immer lassen sich verdächtige Provenienzgeschichten - die ja auch nie zu einem bei archäologischen Funden ja vorauszusetzenden Fundort führen - sicher als falsch erweisen, wobei der Verdacht andererseits aber meist auch nicht auszuräumen sein dürfte.

Steinhardt ist jedenfalls schon öfters mit Raubgrabungsfunden aufgefallen. Die aktuelle Untersuchung begann, als er eine Statue aus dem Libanon an das New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgeliehen hat und die Staatsanwaltschaft feststellte, dass die Statue wie auch zahlreiche weitere Stücke seiner Sammlung unrechtmäßig ausgeführt worden waren.

2014 musste das Auktionshaus Christies ein von Steinhardt eingeliefertes marmornes Frauenidol aus Sardinien, dessen Wert auf bis zu 1,2 Mio $ angesetzt war aus einer Auktion zurückziehen. Die Auktion findet sich noch im Internet unter https://www.thecityreview.com/f14cant.html (Lot 85). Hier heisst es:

"Lot 85, Female idol, marble, Sardinian, Ozeri culture, circa 2500-2000 B.C., 13 3/4 inches high
A larger and considerably older female figure is Lot 85, Sardinian, Ozeri culture, circa 2500-2000 B.C. The marble figure is 13 3/4 inches high. It is propperty of the Michael and Judy Steinhardt Collection and once was with the Merrin Gallery in New York. Its face is featureless except for a long ridge for a nose. It has an estimate of $800,000 to $1,200,000. It failed to sell."
Christos Tsirogiannis identifizierte das Stück jedoch in den Geschäftsunterlagen des berüchtigten italienischen Kunsthändlers Giacomo Medici, der 2004 zu 10 Jahren Gefängnis und 10 Mio € Strafe verurteilt worden war. Anhand seiner Dokumente ließ sich die Plünderung einer bis dato unbekannten römischen Villa im Umfeld des Vesuvs belegen, vor allem aber wurden im September 1995 in einem Genfer Freihandelslager hunderte archäologischer Objekte aus Italien und Griechenland gefunden.  Christies Provenienzgeschichte musste falsch sein, da hier Medici als Vorbesitzer nicht verzeichnet ist.

2011 beschlagnahmte der amerikanische Zoll ein Fresko, das in den 1950er Jahren aus einem Grab bei Paestum aus Italien gestohlen wurde. Es sollte an Steinhardt geliefert werden.

Schon 1995 wurde bei Steinhardt zuhause im Rahmen von Ermittlungen eine goldene Phiale sichergestellt, die 1992 illegal aus Italien ausgeführt wurde. Steinhardt hatte sie für 1 Mio $ gekauft.


 

Rückgabe und Sammelbann

Nun hat die New Yorker Staatsanwaltschaft mit Steinhardt einen Deal ausgehandelt, mit dem ein Prozess vermieden wird, Steinhardt allerdings auch einer Strafe entgeht. Die 2018 sichergestellten Objekte im Wert von etwa 70 Mio $ gehen an die Ursprungsstaaten zurück und Steinhardt musste sich verpflichten, nie mehr Antiken zu kaufen.

Cyrus Vance, der zuständige New Yorker Staatsanwalt, wird in seiner Pressemitteilung zitiert: 

"Jahrzehntelang hat Michael Steinhardt einen räuberischen Appetit auf geplünderte Artefakte an den Tag gelegt, ohne sich um die Rechtmäßigkeit seiner Handlungen, die Legitimität der von ihm gekauften und verkauften Stücke oder den schweren kulturellen Schaden zu kümmern (For decades, Michael Steinhardt displayed a rapacious appetite for plundered artifacts without concern for the legality of his actions, the legitimacy of the pieces he bought and sold, or the grievous cultural damage he wrought across the globe)". 

Staatsanwalt Cyrus Vance hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Fälle der Antikenhehlerei aufgedeckt, so z.B. den Fall des persischen Kriegers (vgl. Archaeologik (2.11.2017)).  


Obwohl Steinhardt für die Plünderung archäologischer Fundstellen mitverantwortlich ist, gibt er sich als Philanthrop und Kunstförderer. Aufgrund einer Spende von 10 Mio $ im Jahr 2001 ist an der Universität New York auch das NYU’s Steinhardt School for Culture, Education, and Human Development nach ihm benannt. Studierende fordern nun verstärkt die Umbenennung - eine Forderung die jedoch bereits 2019 erfolglos erhoben wurde, als bekannt wurde, dass gegen Steinhardt Vorwürfe der sexuellen Belästigung bestehen.


Literatur

  • Watson/Todeschini 2006: P. Watson/C. Todeschini, The Medici conspiracy. The illicit journey of looted antiquities, from Italy's tomb raiders to the world's greatest museums (New York 2006).

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Interner Link


Donnerstag, 3. Oktober 2019

Ins Gefängnis! - Für den Einsatz für Kulturgüter?

"Osman Kavala (* 1957 in Paris) ist ein türkischer Unternehmer und Mäzen.
Kavala besuchte das Robert College in Istanbul und studierte an der University of Manchester Wirtschaftswissenschaft. 1982, nach dem Tod seines Vaters, übernahm er das Familienunternehmen Kavala Companies.Seit 2002 widmet er sich vor allem der von ihm gegründeten Stiftung Anadolu Kültür, deren Vorsitzender er ist. Anadolu Kültür betreibt Kulturzentren in vernachlässigten Regionen der Türkei und fördert die kulturelle Zusammenarbeit mit Ländern der Europäischen Union. Kavala ist auch als Sponsor von Amnesty International bekannt.
Am 18. Oktober 2017 wurde er bei seiner Rückkehr aus der südtürkischen Stadt Gaziantep ohne Nennung von Gründen am Flughafen Istanbul festgenommen. Er hatte sich in Gaziantep mit Mitarbeitern des Goethe-Instituts getroffen.

Die regierungsnahe Tageszeitung Daily Sabah behauptete einige Tage nach der Festnahme, er sei Milliardär, und brachte ihn mit der „Gülenist Terror Group“ (FETÖ) in Verbindung. Seine Untersuchungshaft wurde offiziell damit begründet, er sei der Organisator der Gezi-Park-Proteste, an denen 2013 mehr als 3,5 Millionen Menschen teilnahmen. Am 24. Juni 2019 begann im Gerichtsgebäude der Strafvollzugsanstalten Silivri der Strafprozess gegen ihn und weitere 15 Angeklagte. Den Beschuldigten wird im Zusammenhang mit den Protesten ein Umsturzversuch vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert „lebenslange Haft unter erschwerten Bedingungen“.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat sich seines Falles angenommen und gab bekannt, dass er ihn in einem beschleunigten Verfahren behandeln werde."
So weit, etwas gekürzt und redigiert der Eintrag aus der deutschen Wikipedia zu Osman Kavala.

Warum ist das ein Thema für einen Archäologie-Blog?


Weil Osman Kavala den European Archaeological Heritage Prize 2019 gewonnen hat. 

Die EAA begründet ihre Entscheidung damit, dass für Osman Kavala der Wert des Kulturerbes darin liege, die Bedeutung kultureller Unterschiede als eine Grundlage sozialen und wirtschaftlichen Wohlstands aufzeigen zu können. ("For Osman Kavala, a key value of heritage is its ability to underpin the value of cultural diversity as a source of social and economic well-being."). Deshalb habe er für Denkmalschutzprojekte geworben, die für die Geschichte von Minderheiten bedeutend sind und insbesondere für die der Armenier ("This has led him to promote cultural heritage projects of importance for the history of minority cultures and, in particular, that of the Armenian people. ")
Kavala habe sich unter anderem auch für die Erarbeitung von Unterrichtsmaterial von syrischen Flüchtlingskinder eingesetzt, das auch syrisches Kulturgut thematisiert, damit sich die Kinder ihrer Herkunft bewusst  sind (http://www.anadolukultur.org/en/announcements/arabic-turkish-bilingual-children-books-ready-for-distribution/413).
Die EAA-Würdigung spricht nur ganz beiläufig an, dass Kavala in der Türkei seit 2007 gegen internationalen Protest inhaftiert ist, für eine Anklage, die aus der Distanz eher politisch begründet zu sein scheint. Gerade das preiswürdige Engagement - der Einsatz für Armenier, der Widerstand gegen denkmalpflegerisch problematische Bauprojekte (vergl. Archaeologik [1.7.2013]) - scheinen der Hintergrund der Anklage zu sein.
 

Links

Mittwoch, 9. Mai 2018

Retrutopia: Wie Regierungen die Geschichte ihrer Völker umdeuten

Politik hat die Geschichte wieder entdeckt und manipuliert Geschichtsbilder. Eine Tagung am Deutschen Historischen Institut in Paris hat das Phänomen diskutiert, unter anderem an den Beispielen Türkei, Ungarn und Polen.

Daraus einige Beobachtungen und Gedanken: 
Geschichtsspektakel im Freizeitpark Puy de Fou
(Foto: Padpo [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
  • Es gibt immer weniger Institutionen und Mittel für Geschichtsforschung, aber Geschichte spielt in der Öffentlichkeit eine immer größere Bedeutung.
  • Geschichte wird heute als Unterhaltung präsentiert, immer weniger Experten kommen in den Medien zu Wort. 
  • Der kritische Aspekt der Geschichte geht verloren. "Geschichte dient zu allererst dazu, Fragen aufzurufen, Konflikte auszulösen und nicht mundgerechte Antworten zu liefern oder gar Bestätigungen."
  • Unsere Gesellschaft hat keine Zukunftsutopien, statt dessen werden Utopien in die Vergangenheit projiziert. - Retrutopia statt Utopia
  • Es scheint wichtig, den kritischen Blick auf die Geschichte zu schärfen.

Montag, 2. April 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (Februar und März 2018)

Die Situation in Syrien ist mit den nunmehr komplexeren Koalitionen nochmals unübersichtlicher geworden - das gilt auch in Bezug auf Kulturgüter, die auch unter den neuen Voraussetzungen Spielball der Politik sind. Schuldzuweisungen sind in jeder Richtung mit großer Vorsicht zu geniesen.


Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Daesh-Zerstörungen in Mari

Tell Hariri an der Grenze zum Irak war lange Zeit im Machtgebiet des Daesh, jetzt liegen erste Beobachtungen nach deren Vertreibung vor. Die syrische Alterumsbehörde postete Bilder der Zerstörungen. Offenbar wurde die Fundstelle systematisch umgegraben, die Mauern des Palastes von Mari (s. Wikipedia), im 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. Mittelpunkt eines wichtigen mesopotamischen Reiches wurden systematisch untergraben. Das Schutzdach, mit dem das langjährigen archäologische Grabungsareal geschützt worden war, ist eingestürzt.
Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)
Die Fundstelle ist wegen ihres Keilschriftenarchivs sowie einiger exzeptionelle Funde, von denen sich einige heute im Louvre befinden, bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Plünderer  hier Funde versprochen haben, die bei Sammlern im Ausland begehrt sind. Es ist weiters anzunehmen, dass die Raubgräber ihre Ware inzwischen an Zwischenhändler verkauft haben und dabei an Daesh "Steuern" bezahlt haben. Es dürfte Jahre dauern, bis die Funde irgendwo auf dem Markt auftauchen.
Zu vermerken ist, dass Daesh mit dieser Fundstelle, die auf der Tentativliste der UNESCO steht, keine Propaganda betrieben hat.


Die türkische Offensive in Nordsyrien

Das militärische Eingreifen der Türkei im Norden Syriens hat dem ehemaligen Bürgerkrieg in Syrien eine neue Dimension gegeben. Neben den zivilen Menschenopfern und den Angriffen auch auf zivile Einrichtungen in Afrin stehen auch die Angriffe auf archäologische Fundstellen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den Beteuerungen der Türkei, nur Terroristen zu verfolgen.

Nordbasilika in Brad
(Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])
Am 22.3. melden Quellen aus dem Umfeld des Assad-Regimes wie auch die syrische Altertumsbehörde Bombenangriffe auf die byzantinische Siedlung Brad, 15 km südlich von Afrin. Sie ist die nördlichste der Totenstädte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Die syrische Altertumsbehörde unterstellt der Türkei einen systematischen Plan syrisches Kulturerbe zu zerstören. Die Meldung nennt weitere Zerstörungen in Qurosh und Tal Jendyres.
Weitere Meldungen zu den türkischen Zerstörungen in Ain Dara

Schadensmeldungen


Nach den unmittelbaren Kriegsschäden gibt es nun zunehmend Meldungen über Folgeschäden durch Vernachlässigung und mangelnde materielle wie administrative Infrastruktur. Offenbar wird die Gelegenheit gerne genutzt, Altbauten zugunsten von Neuinvestitionen los zu werden.

Mosul

Abbrucharbeiten nach Daesh in Mosul:
Impressionen aus Mossul:

Zustand des Aleppo Museums

Ein facebook-Post auf Aleppo Archaeology zeigt Bilder angeblich des Museums von Aleppo (auf der angegebenen Quelle konnte ich sie nicht ausfindig machen). Erkennbar ist ein Hinterhof mit Müll und Autowracks, vor allem aber - geschätzt von den Autowracks - etwa 20 cm hoch stehendes, schon total veralgtes Wasser, das nach dem facebook-Post vermuten lässt, dass Funde im Museum ebenfalls im Wasser liegen.


Raubgrabungen & Antikenhehlerei

Im Kontext mit der Frage nach dem Schicksal der geplünderten Funde (der Kunsthandel hat jüngst darauf verwiesen, dass in Europa bisher keine Funde des IS aufgetaucht seien. - T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), ist eine Meldung von Interesse, bei der es allerdings um Funde aus dem IS-Gebiet in Libyen geht: In Spanien wurden Funde sicher gestellt, die vom IS in Libyen geplündert worden sein sollen. Das wäre ein erster Nachweis, dass "Blutantiken" tatsächlich den westlichen Markt erreichen - allerdings werden die angeblichen Beweise (noch?) nicht offen gelegt. Nach einem französischen Zeitungsartikel geht es um einen renommierten Händler aus Brüssel, der auch auf der angeblich mit höchsten Sorgfalt arbeitenden Brussels Art Fair ausgestellt hat. In Spanien soll Anklage wegen Terrorfinanzierung erhoben werden. Die Funde gingen von Libyen über Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate/Jordanien und Deutschland (! - mit was für Papieren?) nach Spanien und Belgien
Verdachtsfälle gab es aber schon zuvor:
Tagung der UNESCO in Paris mit dem (wahrscheinlich vergeblichen) Versuch, den Kunsthandel in die Maßnahmen gegen Antikenhehlerei und Raubgrabungen einzubinden

 Artikel

  • Neil Brodie & Isber Sabrine (2017) The Illegal Excavation and Trade of Syrian Cultural Objects: A View from the Ground. Journal of Field Archaeology, 43:1, 74-84, DOI: 10.1080/00934690.2017.1410919


Restaurierung & Wiederaufbau

Aleppo

Restaurierung der Omayaden-Moschee in Aleppo:
Der Damage Newsletter von Heritage for Peace vom 12.3.2018 weist auf einen arabischen Artikel zu den Baulizenzen in der Altstadt von Aleppo hin, die nach der Eroberung durch das Assad-Regime vergeben werden und weitere Substanzverluste befürchten lassen.
Es wird bemängelt, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes umgangen würden und der Wiederaufbau unsachgemäß mit Beton durchgeführt würde. Ein Problem scheint indes der Mangel an traditionellen Baumaterialien zu sein. Es gibt wohl Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Denkmalschutz. Unter den aktuellen Bedingungen mit einer Kontrolle durch das Assadregime ist es kaum denkbar, dass all die im Ausland geschmiedeten Pläne (vergl. Archaeologik 19.5.2017) groß in den Wiederaufbau eingebracht werden können.

Palmyra

Weitere 3D-Rekonstruktionen
Buchpublikation:
  • M. Silver/G. Fangi/A. Denker, Reviving Palmyra in multiple dimensions. Images, ruins and cultural memory (2017). - ISBN 978-184995-296-5 
Eine syrische Delegation hat in Moskau eine Vereinbarung über Restaurierungsarbeiten unter russischer Beteiligung unterschrieben:

Irak

UNESCO-Statement zum Wiederaufbau im Irak:
Mosul
Neben den Meldungen über Trümmer und Tote - während noch die Leichen in den Straßen liegen - gibt es auch solche zu ersten Restaurierungen.

Resonanz

Diskussion in Wien:
Auswirkungen des deutschen Kulturgutschutzgesetzes:
Kunst in London

Schulung für syrische Museumsmitarbeiter in Beirut durch HTW Berlin

    Literatur


    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

      Samstag, 3. Februar 2018

      Neue Front - neue Zerstörungen: Das türkische Eingreifen in Syrien (Kulturgüter in Syrien und Irak Januar 2018)


      Löwenskulptur von Ain Dara
      (Foto: Verity Cridland [CC BY 2.0] via WikimediaCommons)
      Mit dem türkischen Einmarsch im Nordwesten Syriens, in einer Provinz, die von direkten Kämpfen im Bürgerkrieg bislang relativ verschont geblieben war, gibt es nun von syrischer Seite schon nach wenigen Tagen Meldungen an Zerstörungen archäologischer Fundstellen durch das türkische Militär. Betroffen sein soll der Tell Ain Dara, der vor allem durch seine neo-hethitische Tempelarchitektur aus dem ersten Jahrtausend v.Chr.  bekannt ist.
      In den kurdischen Gebieten Nordsyriens wurde bereits vor über einem Jahr eine Denkmalbehörde oder genauer: The Authority of Tourism and Protection of Antiquities ins Leben gerufen, die eine eigene Internetseite unterhält:
      Hier finden sich auch einige Zustandsberichte von archäologischen Fundstellen aus der Region.

      Ebenfalls militärischer Kollateralschaden wurde das Museum von Ma’arrat al-Nu’man in Syrien, wie APSA2011 am 2.1.2018 postete. Dieser Ort in der Provinz Idlib ist historisch durch ein Massaker während des Ersten Kreuzzugs 1097 bekannt, bei dem es von Seiten der Kreuzritter - nach christlichen Quellen - auch zu Kannibalismus gekommen sein soll. Das archäologische Museum beherbergt(e) eine wichtige Sammlung antiker und byzantinischer Mosaiken. Während des Syrischen Bürgerkrieges wurde die Stadt von oppositionellen Milizen gehalten, im Februar 2016 wurde das Krankenhaus der Stadt in einem Luftangriff zerstört. Auch das Museum wurde bereits 2016 bei Bombadierungen schwer beschädigt. Ob die neuen Bilder nun tatsächlich neue Schäden zeigen, bleibt erst mal unklar.
      Schon im Oktober 2017 zeigte APSA Bilder und ein Video der Sprengung eines byzantinischen Gebäudes in einer der Toten Städte, Deir Sunbel. Die Bilder zeigen deutlich, dass es sich um eine bewusste Sprengung handelt. Auf dem Gebäude war zuvor eine Flagge gehisst worden. Hier handelt es sich um eine bewusste Zerstörung, die nicht der üblichen Daesh-Propaganda zugerechnet werden kann. Nähere Informationen wurden jedoch nicht gegeben.

      Schadensbilder

      Heritage for Peace Damage Newsletter
      ASOR Monthly Report November 2017


      Maßnahmen



      Links

      frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

      Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

      Donnerstag, 16. November 2017

      Die Ehre des Antikenhändlers

      Begonnen hat alles mit einer Verkehrskontrolle, bei der der Polizei ein byzantinisches Öllämpchen verdächtig vorkam. Gefunden wurde es im Auto des Kunsthändlers Ali Aboutaam, der zusammen mit seinem Bruder Hicham zu den bedeutendsten Antikenhändlern gehört. Sie führen die Phoenix Ancient Art Gallerie mit Sitz in Genf und New York.
      Die Behörden stießen bei den folgenden Ermittlungen in Genf auf ein Depot von antiken Funden, deren Wert auf 50 Millionen Schweizer Franken geschätzt wurde. Kurz darauf versuchten Ali Aboutaam, seine Frau und sein Fahrer, Objekte aus dem Lager "an einen sicheren Ort" zu bringen - und wurden dabei von Überwachungskameras gefilmt.
      Gebäude des Genfer Freihafens
      (Foto: MHM55 [CC BY SA4.0] via WikimediaCommons)


      Alis Ehefrau und Chauffeur wurden nach der misglückten Räumung verhaftet  und - was Ali heute betont - erst frei gelassen, als er auf eine Revision gegen ein Gerichtsurteil verzichtet habe, das ihn zur Rückgabe eines antiken Sarkophags an die Türkei gezwungen hat. Schon 2010 waren im Freihafen von Genf drei antike Sarkophage vom Zoll sicher gestellt worden. 2014 wurden zwei nach Gerichtsverhandlungen dem Händler zugesprochen, einer aber musste nach einem Fachgutachten, das die Herstellungsregion recht genau bei Antalya lokalisieren konnte, an die Türkei zurück gegeben werden, was auch öffentlichkeitswirksam im Juni 2017 geschah. Als Provenienz des Sarkophages wurde Sleiman Aboutaam, der Vater der beiden Brüder Ali und Hicham angeführt, der 1968 die heute in Genf und Manhattan ansässige Phoenix Ancient Art Gallerie gegründet hatte. Sleiman Aboutaam ist bei dem Absturz des SwissAir Fluges SR111 im September 1998 umgekommen (wikipedia mit Gerüchten um die angebliche Fracht von Gold und Diamanten an Bord dieses Flugs).
      In der Vergangenheit waren beide Brüder bereits in Fälle verwickelt, bei denen der Verdacht der Antikenhehlerei im Raum stand:
      2004 gab Hicham Aboutaam vor Gericht sogar zu, Papiere gefälscht zu haben, die die Provenienz eines antiken silbernen Greifengefäßes aus dem Iran verschleierten und stattdessen eine Herkunft aus Syrien  belegen sollten, woher damals Importe in die USA einfacher zu bewerkstelligen waren.
      Die Brüder weisen solche Anschuldigungen in einem Artikel von LeTemps weit von sich. In diesem wie in früheren Fällen gab Hicham Aboutaam stets an, nichts mit den kriminellen Aktivitäten zu tun zu haben, sondern nur im Dienste seiner Kunden gehandelt zu haben. Ermittlungen gegen Ali Aboutaam in Ägypten - und ein inzwischen wieder aufgehobenes Urteil zu 15 Jahre Gefängnis - seien auf Betreiben neidischer Konkurrenz zustande gekommen. 2009 war Ali Aboutaam in Bulgarien wegen eines von Ägypten veranlassten internationalen Haftbefehls festgenommen, aber mangels Auslieferungsvertrag zwischen den Staaten freigelassen worden.

      Gegenüber Le Temps betont Ali Aboutaam, dass die Tatsache, dass sich unter den in Genf sicher gestellten Objekten auch eine unrestaurierte Statue aus Syrien oder dem Irak befindet, nichts beweise, denn das sei seit 20 Jahren ein Trend des Marktes."

      Der in New York ansässige Bruder  Hicham Aboutaam wehrt sich unterdessen gerichtlich, mit Antikenhehlerei und Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht zu werden. Er geht gerichtlich gegen das Wall Street Journal vor, das im Mai 2017 darüber berichtet hatte, dass Schweizer Behörden nach dem Fund eines antiken Öllämpchens Ermittlungen aufgenommen haben.
      In der Klageschrift gegen das Wall Street Journal, das diesen Verdacht schon im Mai 2017 ausgesprochen hatte, betont Hicham Aboutaam, nie in den Handel mit geplündertem Kulturgut involviert gewesen zu sein und betont seine Integrität.  Durch den Artikel, der über die Ermittlungen schweizer, französischer, belgischer und US-amerikanischer Behörden und einen Zusammenhang mit der Terrorfinanzierung berichtet habe, sei seine Reputation geschädigt, da daraufhin das Toledo Museum of Art eine Spende von 50.000$ zurück gewiesen hätte.
      Interessanterweise bleibt im Bestreben, die eigene Lauterkeit darzustellen ein Fall unerwähnt, bei dem Hicham Aboutaam bei der Wiederauffindung einer sumerischen Statue geholfen hat, die während des Irak-Kriegs aus dem Nationalmuseum in Bagdad gestohlen wurde.

      Literaturhinweis

      • Amineddoleh, Leila Alexandra, Phoenix Ancient Art and the Aboutaams in Hot Water Again (2009). Spring 2009, Vol. I, Issue No. V Art & Cultural Heritage Law Newsletter of the Art & Cultural Heritage Law Committee of the ABA Section of International Law. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2370731