Sonntag, 10. Mai 2020

Polizeierfolg

Die Pressemeldung von Europol bietet leider nur wenig Hintergrundinformation. Man müsste Journalisten wohl mehr Informationen an die Hand geben, um zu vermitteln, wo das Problem mit Raubgrabungen und Antikenhehlerei liegt.
Sichergestellte antike Funde aus Italien
(Foto: Europol via Europol Newsroom
[eine klare Lizenzierung durch Europol wäre hilfreich...])


Interner Link

Samstag, 9. Mai 2020

Humanist - Diplomat - Spion - Archäologe: Marcin Broniewski

Im Spätmittelalter war die Krim Teil des mongolischen Khanats der Goldenen Horde, in deren Zerfall sich Ende des 15. Jahrhunderts ein eigenständiges Khanat der Krim entwickelte.  Es wurde "im frühneuzeitlichen Kontext ein entscheidender Gleichgewichtsfaktor in der Region und im östlichen Europa (K. Jobst)", trotz oder gerade wegen seiner wechselnden Bündnissen. Die Dynastie der Giray verstand sich als legitimer Erbe der Goldenen Horde und beanspruchte daher auch Gebiete an der Wolga - und stand somit von Anfang an in einem Konflikt mit den russischen Zaren. Immer wieder unternahmen die Krimtataren Einfälle nach Rußland und in die Länder Osteuropas, die damals überwiegend zu Polen-Litauen gehörten.


Der polnische König Stephan Báthony, "durch Gottes Gnaden König von Polen und Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Kiew, Wolhynien, Podlachien, Livland, ebenso Fürst von Siebenbürgen“ gab im April 1578  Instruktionen an eine Gesandtschaft, den Khan Mohammed II Giray Semîn überzeugen sollte, die Überfälle auf Polen-Litauen  einzustellen und sich gegen Moskau zu wenden, mit denen Polen selbst im Krieg lag.
Beauftragt mit der Mission wurde Marcin Broniewski, der damals schon eine Karriere im Staatsdienst durchlaufen hatte.

Broniewski war 1578 und 1579 auf der Krim und verfasste dabei seine "Tartariae descriptio". Es handelt sich um einen frühen Reisebericht, der eine fremde Region, seine Landschaft, seine Menschen und Sitte relativ neutral wieder gibt. Er beschreibt die Krim letztlich als friedliches land, was im Gegensatz zu seiner durchweg negativen Charakterisierung der Krimtataren als „wild“, „barbarisch“, „“reißend“ und „hungrig“ steht, denen er zudem bescheinigt, dass sie nur an den eigenen Vorteil denken und von „Plünderungen in einem beständigen und ungerechten Krieg“ leben würden. Als Broniovius, wie er sich lateinisch nannte, die Krim bereiste, stand diese seit rund 100 Jahren unter tatarischer Herrschaft. An vielen Orten traf er jedoch noch immer auf eine christliche Bevölkerung und sah Zeugnisse aus älterer, meist byzantinischer Zeit.
Broniovius’ Text ist daher als eine der frühesten Landesbeschreibungen eine wichtige Quelle für die Siedlungsgeschichte der Krim. Erschienen ist Broniovius' Bericht posthum 1595 in Köln.







Mangup und Eski Kermen


Ich greife hier die Bronovius' Beschreibungen von Mangup und Eski Kermen heraus, weil ich beide Fundorte aus eigener Anschauung kenne und sie zwei zentrale Orte im Bergland der südwestlichen Krim -  "zentrale" Orte indes eher im Hinblick auf ihre historische Bedeutung, als auf ihre geographische Lage. Beide liegen sie heute abseits der Hauptverkehrsachsen im Hinterland von Sevastopol. Auch als Broniovius sie besuchte, waren sie nur noch ein Schatten ihrer einstigen Vergangenheit. 

Der Mangup ist das Zentrum des Berglandes der südwestlichen Krim, mit seiner mehrstufigen Befestigung und einer Gesamtfläche von rund 86 Hektar ist er die größte der Höh(l)enstädte, die sich in den Bergen der Krim in großer Zahl finden. Der große Tafelberg beherrscht die Landschaft nach Süden und Osten. 
Die Befestigung auf dem nur wenige Kilometer entfernten Eski Kermen liegt hingegen eher versteckt und ist mit rund 12 Hektar wesentlich kleiner. 
In der Forschung wurde die Bedeutung der Anlagen lange diskutiert. In dieser Gegend sind in der Spätantike Land und Stadt Dory zu suchen, ebenso das Bistum 'Gotthia' und im Spätmittelalter das Fürstentum Theodoro. Mangup und Eski Kermen weisen beide eine frühbyzantinische Besiedlungsphase auf, jeweils auch durch "alano-gotische" Gräberfelder zu ihren Füßen vertreten. Gerade die Frage einer 'gotischen' Besiedlung in der Völkerwanderung mit einer angenommenen Kontinuität bis ins Spätmittelalter hat  das Interesse der deutschen Forschung auf sich gezogen - vor allem während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Damals diente die gotische Vergangenheit als Legitimation der deutschen Besatzung.

Die Lage des Mangup beschreibt Broniovius im Einzelnen nicht näher, aber er nennt einige der auch heute noch erhaltenen Ruinen:
Die Stadt Mancopia dehnt sich mehr in Richtung Berge und Wälder aus und ist dem Meer bereits nicht mehr benachbart. Sie hat zwei Burgen, die auf höchster, felsiger und weiter Höhe gegründet sind, sowie kostbare griechische Kirchen und Gebäude und viele Bäche, die klar und wunderbar vom Felsen herab rinnen. Die Griechenchristen erzählen, dass die Stadt im 18. Jahr nach der Eroberung durch die Türken von einem plötzlichen und schrecklichen Brand so ziemlich vollkommen zerstört worden sei.
Daher gibt es dort außer der oberen Burg, in der es ein Tor gibt, das mit vielen griechischen Zeichen verfertigt und mit viel Marmor geschmückt ist, sowie einem hohen Steinhaus, durchaus nichts von Bedeutung. Die Botschafter Moskowiens wurden manchmal von der barbarischen Raserei der Khane in dieses Haus hineingenötigt und dort besonders hart in Haft gehalten.
Heutzutage sind noch eine griechische Kirche, St. Konstantin, und eine zweite, ganz unbedeutende, St. Georg, erhalten. Es gibt einen einzigen griechischen Priester, auch ein paar Türken und Juden wohnen dort  Die übrigen Gebäude haben sich in Ruinen, Ödnis und insgesamt fast in Vergessenheit verwandelt. Weder gibt es dort jetzt noch Menschen, noch erzählen irgendwelche Annalen von den Fürsten und ihren Völkern, die diese Städte und äußerst großen Burgen bewohnten und besaßen. Ich habe nämlich in den einzelnen Orten mit großem Eifer und unter eigenen Unkosten nach diesen Annalen gesucht.






Broniovius hat den Mangup zu einem Zeitpunkt gesehen, als seit seinem Untergang – markiert durch die Eroberung 1475 – gerade etwa 100 Jahre vergangen waren, der Ort noch teilweise bewohnt war und einige Bauten noch besser erhalten gewesen sein dürften als heute. Broniovius hörte vor Ort auch noch Erzählungen über die ehemalige Stadt, aus denen in ihren vagen Angaben aber vor allem auch deutlich wird, dass das 15. Jahrhundert mit dem Vordringen der Krimtataren einerseits und der osmanischen Eroberung andererseits einen deutlichen Einschnitt für die Region bedeutet haben muss. Broniovius nennt mehrere Gebäude auf dem Mangup:
  • Zwei Burgen:
    die obere Burg mit einem Tor, das „mit v
    ielen griechischen Zeichen gefertigt und mit viel Marmor geschmückt ist“ sowie einem hohen Steinhaus
  • Die Kirche St. Georg
  • Die Kirche St. Konstantin
Seit dem späten 19. Jahrhundert haben auf dem Mangup archäologische Ausgrabungen stattgefunden. Sie untersuchten unter anderem die große Basilika, eine mit der Konstantinskirche identifizierte Saalkirche, verschiedene Abschnitte der Befestigung, den Palast sowie die Bebauung hinter der Befestigungsmauer der Zitadelle, darunter eine Oktogon-Kirche. Damit sind heute weit mehr Ruinen bekannt und sichtbar., als sie Broniovius gesehen haben dürfte. Damit sind genaue Identifikationen schwierig. Beispielsweise ist unklar, was genau Broniovius mit der 'unteren Burg' meinte. Die obere Burg ist zweifellos die Zitadelle, die nach den Grabungsergebnissen von A. Gercen ins Spätmittelalter zurückreicht. Tor und hohes Steinhaus dürften mit den erhaltenen Bauten zu identifizieren sein. Mit der zweiten Burg könnte sich Broniovius auf die Mauern der Befestigung oberhalb des Tabana Dere nahe der Basilika beziehen. 
Die Kirche St. Georg wird mit einem Kirchenbau nahe der Zitadelle identifiziert, da hier bei Grabungen 1912 die Fragmente eines als Hl. Georg gedeuteten Reiterreliefs gefunden wurden.
Die Identifikation der Kirche des Heiligen Konstantin ist schwieriger. Gercen bringt sie mit einem Saalkirchenbau in Verbindung, der im zentralen Bereich liegt, nahe dem höchsten Punkt des Plateaus. In der Kirche und ihrer Umgebung wurden mehrfach Grabungen durchgeführt, die zeigen, dass sie inmitten eines Siedlungsareals lag und von einem Friedhof umgeben war, auf dem sich einige spätmittelalterliche/ frühneuzeitliche Grabsteine erhalten haben. A. Gercen vermutet, die sterblichen Überreste eines älteren Mannes, die in der Saalkirche gefunden wurden, könnten mit jenem Priester zu identifizieren sein, mit dem Broniovius gesprochen hat. Die Datierung des Grabes, basierend auf den Grabbeigaben und einem benachbart aufgefundenen Schatz von 111 Silbermünzen, legt es tatsächlich nahe, dass der Tote ein Zeitgenosse von Broniovius war. In der Oktogon-Kirche in der Zitadelle wurde allerdings eine Bauinschrift gefunden, die die Frage aufwirft, inwiefern diese, durch ihren Grundriss herausgehobene Kirche die Konstantinskirche sein könnte, die Broniovius gesehen hat. In der Inschrift ist von einer dem Konstantin und der Helena geweihten Kirche, die im Jahre 1427 vom Fürsten Alexios zusammen mit dem „kastron“ erbaut worden sei. Demnach wäre nicht die Saalkriche, sondern die Oktogonkirche mit der Konstantinskirche zu idnetifizieren sein. Leider erwähnt Broniovius’ Beschreibung lediglich Wandmalereien, gibt aber über die Bauform keine Auskunft.




Khanspalast Bakchissaraj

(Foto: R. Schreg/RGZM)
Blick vom Manguip auf die Landschaft
im Norden
(Foto: R. Schreg)
"Zitadelle des Mangup"
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
"Zitadelle" des Mangup
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Mangup von Norden
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Eski Kermen
Zugang an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Eski Kermen, Höhlenräume an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Eski Kermen, Höhlenräume an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Den Eski Kermen kennt auch Broniovius unter diesem Namen, der nichts anderes bedeutet als „alte Burg“. Zu seiner Lage verweist er auf die Nachbarschaft zu Mangup und Cercessigermenum, dessen Name ein kleines Dorf Čerkess Kermen bewahrt hat, ehe es in den Kriegswirren des 20. Jahrhunderts geräumt wurde. Seine Charakterisierung des Eski Kermen als Felsenburg erscheint zutreffend, wenngleich die fortifikatorische Bedeutung der Anlage durchaus diskutiert werden kann. Die zahlreichen Höhlen, die Broniovius als noch unversehrt bezeichnet, sind auch heute noch relativ gut erhalten.

"In der Nachbarschaft von Mancopia und Cercessigermenum (das von den Türken als »Neue Burg« bezeichnet und nach Cercessius benannt wurde) lag einst eine sehr alte Burg und Stadt, die aufgrund ihres allzu großen Alters weder bei den Türken noch Tataren und nicht einmal bei den Griechen einen Beinamen hat. Sie ist zu den Zeiten der griechischen Herzöge zusammengestürzt, von denen man erzählt, dass sie hier sehr viele gegen Gott und die Menschen gefrevelt hätten.
Und auf dem Fels, wo sich diese Burg und Stadt befindet, gibt es aus dem Fels ausgehölte Häuser von ganz wunderbarer Arbeit, die meisten sind noch unversehrt, obwohl der Ort nun bewaldet ist.
Ein Heiligtum – das mit Säulen aus Marmor und Serpentin geschmückt aber nun zu Boden nieder gestreckt und verwüstet ist – bezeugt, dass hier einst ein herrlicher und ruhmvoller Ort war."
Broniovius knappe Angabe reicht leider nicht aus, um das Ausmaß der seitherigen Zerstörungen zu bestimmen. Verwitterungsspuren und Felsabbrüche sind freilich nicht zu übersehen. Vergleiche des heutigen Zustandes mit historischen Aufnahmen des frühen 20. Jahrhunderts lassen beispielsweise erkennen, dass seitdem das letzte aufgehende Mauerwerk verschwunden ist. Auf dem Eski Kermen wurden die Basilika, Teile eines Wohnquartieres sowie Abschnitte der Befestigung ergraben. Wo Broniovius seinerzeit noch „ein Haus von wunderbarer Ausführung“ gesehen hat, bleibt unklar.
Einzelne Funde der Völkerwanderungszeit auf den beiden Plateaus, vor allem aber die reich mit Beigaben ausgestatteten Gräberfelder zu ihren Füßen zeigen, dass ihre Anfänge in das 4./5. Jahrhundert zurückreichen.




Broniovius als Ethnograph und Archäologe


Broniovius beschreibt die sozialen, politischen und militärischen Strukturen des Krim-Khanats, die er offenbar aus eigener Beobachtung als Botschafter wiedergibt. Zuvor geht er auf die Geographie der Krim ein. Er orientiert sich dabei an den städtischen Zentren, die er entlang einer imaginären (?) Reiseroute abhandelt.
Broniovius Beschreibung würdigt allerdings die felsige Landschaft, die späteren Reisenden ins Auge gestochen ist, mit keinem Wort. Sein Text enthält zwar mehrere Landschaftsbeschreibungen, doch bleibt das Bild sehr blass. Für ihn stehen die Nutzungsmöglichkeiten der Landschaft im Vordergrund, die er durch die vorzüglichen Obstgärten, Weingärten und Gemüsegärten (§13) oder als „zum Wohnen angenehm, außerordentlich geeignet und sehr lieblich“ charakterisiert. Weiden und Triften machen „die Lieblichkeit des Ortes wohlriechend und besonders kräftig“, „sodass man ungezählte Herden von Zugvieh und andern Tieren weiden kann“ (§1).

Immer wieder geht Broniovius jedoch auf Zeugnisse vergangener Zeiten ein. Er beobachtet beispielsweise im Umfeld der Khanspalastes von Bachčisaraj "viele Berge und Wälder, in denen viele zerfallene Gebäude und große Burgen und Städte in die Augen fallen, die aber nur von wenigen oder gar keinen Menschen bewohnt werde und öd daliegen" (79). Raum und Zeit sind eng miteinander verwoben, die Landschaft hat hier immer auch eine zeitliche Dimension.

So beschreibt Broniovius auch zahlreiche Stätten, die heute Ziel archäologischer Expeditionen sind.
Broniovius ist Humanist, kein Archäologe in modernem Sinn. 
Er lässt scih in hohem Maße von antiken Geographen, allen voran Strabo, leiten.Neben Strabo bezieht er sich auf Ptolemaios und Plinius und greift antike Topoi auf. Er zeigt damit – wie schon in seinen einleitenden, an Cicero angelehnten Sätzen – seine Gelehrsamkeit, die sich nicht an der Qualität der eigenen Beobachtungen, sondern an der Kenntnis klassischer Texte und Überlieferungen misst.

Broniovius versucht, Lokalitäten, die Strabo in seiner „Geographika“ genannt hatte, zu identifizieren. Immer wieder ist er mit dem Problem konfrontiert, dass die bei Strabo genannten Orte in seiner Zeit nicht mehr existierten und im Gelände auch nicht mehr zu finden waren. Die Überreste im Gelände besitzen im Hinblick auf die historische Topographie für Broniovius keine eigenständige Aussagekraft, sondern erscheinen eher als Anekdoten und treten hinter die Autorität der Antike zurück.

Eng mit diesen Lokalisierungen historischer Orte sind bei Broniovius die Versuche verbunden, Völkerstämme der Gegenwart mit den historisch bezeugten Stämmen zu identifizieren sind jedoch älter. Broniovius ist dafür nur ein Beispiel. Er setzt etwa die bei Strabo genannten Roxanen bzw. Roxolanen mit den Russen gleich, wobei er einer einfachen Etymologie folgt, die heute als falsch erkannt ist. Er charakterisiert den Stamm, indem er Strabo referiert und dann feststellt, dass die zu seiner Zeit dort lebenden Tataren “auf so ziemlich dieselbe Art“ hier lebten.
Bronovius und die anderen Humanisten sind zwar noch keine Archäologen, aber die später so bedeutende Frage der ethnischen Deutung findet sich schon in diesen Anfängen.

Broniovius ist als Quelle prinzipiell mit Vorsicht zu sehen (welche aber nicht?). Er kam als Reisender aus Polen, dessen Beziehungen zu den Krimtataren häufig angespannt oder feindselig waren. Wie neutral war er? Wie gelangte er als „Spion“ an seine Informationen? Die Beschreibung von Sitten und Gebräuche stellt eine Sicht von außen dar, bei der aber nicht alles auf eigene Beobachtungen zurückgehen kann. Er versucht sichtlich, ein realistisches Bild zu zeichnen, und vielfach gibt er auch seine Gewährsleute an. Zudem versuchte er, historische Dokumente einzusehen.



Literaturhinweise


  • S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011) 
  • K.S. Jobst, Das frühneuzeitliche Krim-Khanat. In: S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011)11-22
  • R. Schreg: Forschungen zum Umland der frühmittelalterlichen Höhlenstädte Mangup und Eski Kermen – eine umwelthistorische Perspektive. In: S. Albrecht / F. Daim/ M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des byzantinischen Reiches. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 113 (Mainz 2013) 403-445.
    online bei academia.edu
  • R. Schreg: Der Reisebericht des Broniovius – Text und Archäologie. In: S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011) 23–44.
    online bei academia.edu



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      Montag, 4. Mai 2020

      Forschungsgeschichte als Teil der archäologischen Quellenkritik

      Im Jahre 2013 erschien auf diesem Blog eine Serie zur Archäologischen Quellenkritik. Dabei wurde unter anderem ein Schema präsentiert, das den Weg von der vergangenen Realität hin zu unserer archäologischen Datenbasis zeigt.
      Dabei (und bei Schreg 2016) wurden drei Stufen bzw. Phasen der Formation unterschieden (Abb. 1) .


      Abb. 1: Bedingungen der archäologischen Datenbasis (Formationsprozess).

      Mit den beiden ersten Stufen der primären und der sekundären Befundformation wurde auf das Konzept der formation processes von Michael Brian Schiffer zurück gegriffen. Sie erklären, wie unsere archäologische Datenbasis entstanden ist - genauer gesagt erklären sie vor allem, wie das archäologische Potential entstanden ist, also der Denkmälerbestand, der uns heute rein theoretisch als Überlieferung zur Verfügung steht, wenn wir ihn komplett untersuchen könnten. Aber reell können wir ja nur als archäologische Datenbasis nutzen, was wir auch kennen, das heisst, was wir prospektiert, ausgegraben und der Forschung zugänglich gemacht haben. An die primäre und sekundäre Formation schließt sich also eine dritte Stufe der Formation an, für die wir als Wissenschaftler*innen verantwortlich sind - übrigens egal ob mit akademischem oder Amateur-Hintergrund.

      Mit dem Forschungsstand, den Beobachtungsmöglichkeiten, der Beobachtungsqualität sind Aspekte der konkreten archäologischen Praxis in dieser Stufe der Formationsprozesse benannt, ergänzt durch den Aspekt "Weltbild", der zwar eher die Theorien der Interpretation benennt, aber auch schon eine Rolle etwa bei der Auswahl der Grabungsobjekte spielt. Mit einem klassischen Geschichtsbild, das die wesentlichen Akteure in der Politik sieht und so vor allem auf Institutionen und Herrschaft achtet, spielen Burgen und Pfalzen eine große Rolle. Wer hingegen mehr an Alltagsgeschichte interessiert ist,  wird Ausgrabungen in ländlichen Siedlungen oder städtischen Parzellen höher schätzen.


      Letztlich ist diese knappe "definitive Formation" in obiger Darstellung aber zu sehr verkürzt, da sie dem Forschungsprozess nicht genügend Rechnung trägt. Denn dieser endet nicht mit der Datenbasis, sondern beginnt damit in gewisser Weise erst.  Lücken in der Datenbasis regen einerseits zu neuen Grabungen an, andererseits sollen sich Archäolog*innen ja auch nicht mit einer Anhäufung von Funden bzw. Daten zufrieden geben, sondern diese ja auch interprtetieren.

      Deshalb hat Sören Frommer (2007) in seiner Weiterentwicklung des obigen Schemas eine tertiäre und quartäre Formation unterschieden. Sein Schema  (Abb. 2) ist graphisch umgekehrt, von unten nach oben aufgebaut und startet mit dem archäologischen Kontext, was etwa dem archäologischen Potential (Abb. 1) entspricht. Frommer operiert hier mit dem Konzept der Hermeneutik, das in den Literatur- und Geschichtswissenschaften or allem im 19. Jahrhundert formuliert, im 20. Jahrhundert aber in der Philosophie weiter entwickelt worden ist. Im Kern geht es darum, dass Erkenntnis in den Geisteswissenschaften ein Prozess ist, bei dem der/die Forscher*in mit immer besserem Vorverständnis sich langsam seinem Forschungsobjekt annähert.
      Der zweite zentrale Begriff in Frommers Konzept ist der der Heuristik. Er bezeichnet Verfahren, aus begrenztem Wissen bzw. unvollständigen Daten dennoch plausible, wahrscheinliche Aussagen zu gewinnen. Immer wieder muss dabei auf unbewiesene Annahmen zurück gegriffen werden, die im Nachhinein möglicherweise korrigiert werden müssen und so dazu zwingen, die darauf aufbauenden Schlußfolgerungen erneut nachzuvollziehen. Wenn man versucht, den derzeit oft zu hörenden Begriff des Algorithmus gegen Heuristik abzugrenzen, so liegt darin der wesentliche Unterschied: Ein Algorithmus ist berechenbarer als eine Heuristik, die sich eben in einem hermeneutischen Argumentationsraum bewegt.



      Abb. 2 Der hermeneutische Arbeitsraum
      (nach Frommer 2007)




      Hier soll es indes nicht um die Theorie des Erkenntnisprozesses gehen, der Sören Frommer ein zentrales Anliegen ist, sondern eben um die Frage, wie unsere Datenbasis und unsere Interpetationen zustande kommen. Dazu ist es hilfreich, ganz einfach auf die drei Schritte des archäologischen Forschungsprozesses zurück zu kommen:
      • Datenerschließung
      • Datenanalyse
      • Dateninterpretation
      Das  ist - soviel müssen wir aus obiger Theorie mitnehmen - kein einmaliger Prozess, sondern einer, der immer wieder wiederholt werden muss,  wobei die Archäologie eben eine Chance hat, mit der Datenerschließung ihre Quellenbasis zu erweitern. Damit können herausragende, besonders aussagekräftige Befunde  aufgefunden werden oder ggf. Aussagen statistisch  begründet werden.

      Ich habe also versucht, die Aspekte der tertiären und der quartären Formation sowie die Stufen des archäologischen Erkenntnisprozesses in eine neue Fassung des  obigen Schemas zu integrieren.

      Abb. 3 Formationsprozesse und Forschungsprozess
      In dieser Graphik wird m.E. deutlicher als zuvor, wie eben auch die moderne Forschung in vielfältiger Weise unsere Rekonstruktion der Vergangenheit beeinflusst. 

      In der tertiären Formation sind das nicht zuletzt Aspekte der klassischen Feldmethoden. Ganz offensichtlich ist der Forschungsstand von der Forschungsgeschichte abhängig. Wir kennen die Fortschritte, die die Forschung seit den Anfängen der Archäologie gemacht hat, etwa bei der Dokumentation und Auswertung von Stratigraphien. Auch aktuell sehen wir enorme methodische Fortschritte etwa aus dem Bereich der Bodenkunde oder der geophysikalischen Prospektion. Diese Methoden beeinflussen die Beobachtungsmöglichkeiten, wie auch der Beobachtungsqualität. Bisweilen stehen Methoden zur Verfügung, die in der Praxis aber nicht in ausreichendem Maß zum Einsatz kommen. Nicht immer gibt es dafür finanzielle Gründe. Beispielsweise liegen noch immer kaum archäobotanische Daten oder Knochenfunde von kleineren Tieren aus mittelalterlichen ländlichen Siedlungen vor, die wichtig wären, um die Siedlungsgeschichte tatsächlich zu verstehen. Teil der tertiären Formation während der Datenerschließung und -analyse sind also auch bereits die Fragestellungen.

      In der quartären Formation sind die Faktoren vereint, die unsere Interpretation der dokumentierten archäologischen Datenbasis beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise die Wissenschaftsorganisation mit dem nach wie vor zu beobachtenden Trend die Auswertung von Grabungen kostengünstig im Rahmen von Studienabschhlußarbeiten vornehmen zu lassen, was letztlich bedeutet, dass überwiegend der noch relativ unerfahrene junge Nachwuchs die entscheidenden Interpretationen vornimmt.  Auch der Trend zu einer Abkehr von Langfristprojekten zu Förderdauern von bestenfalls Dreijahresabschnitten hat Einfluß auf das Forschungsdesign.Wissenschaftsorganisation ist in Vielem abhängig von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, weil beispielsweise die Politik mit speziellen Förderungen Einfluß auf die Forschung nimmt - so wie dies gerade in Ungarn versucht wird (Archaeologik 3.9.2019), wo auch die Wissenschaftsfreiheit auch von Archäologen bedroht ist (Archaeologik 12.7.2019; Archaeologik 30.5.2018) Aber auch die Stärke der Denkmalschutzgesetze in den deutschen Bundesländern hängt von der Wirtschaftsorientierung der jeweiligen Regierungsparteien ab - und theoretisch natürlich auch von der Akzeptanz der Wähler*innen bzw. der Verursacher*innen. Praktisch hat Archäologie und Denkmalschutz freilich meist nicht das große Interesse, dass sie die Wahlentscheidung der großen Masse tatsächlich beeinflusst. Die Politik sieht hier deshalb gerne einmal Sparpotential, bei dem kein großer Widerstand zu erwarten ist - bisweilen kommt er aber trotzdem und kann dann auch erfolgreich sein (vergl. Archaeologik unter dem Label Nordrhein-Westfalen - Finanzkürzungen). Hier geht es auch um Kommunikationsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Archäologie (vergl. Blog Journal of Community Arch. 4.7.2013).

      Neben diesen gesellschaftlichen Faktoren spielen auf den ersten Blick eher theoretische Aspekte eine wichtige Rolle, einerseits allgemeine Werte der Gesellschaft, die oft als Paradigmen bzw. (un)bewusste Hintergrundkonzepte in die Forschung einfließen, andererseits konkrete theoretische Konzepte und Perspektiven. Auch diese verändern sich im Lauf der Zeit und sind in verschiedenen Kreisen durchaus unterschiedlich. Deshalb ist es nicht unwichtig, die sozialen Netzwerke der jeweiligen Forscher*innen genauer unter die Lupe zu nehmen und zu verstehen, welchen Ideen sie anhingen. Angesichts des Theoriedefizits in der deutschen Archäologie wurden in der Vergangenheit grundsätzliche Ansichten nicht offengelegt, sondern sind nur zwischen den Zeilen zu lesen oder ansatzweise aus den Biographien zu erschließen.

      Archäologische Forschungsgeschichte ist nicht nur die Auflistung aller früheren Grabungen (was wichtig ist, um über eine zuverlässige Datenbasis zu verfügen), sondern primär eine Ideen- und Sozialgeschichte.

      Literatur

      • Frommer 2007
        S. Frommer, Historische Archäologie. Ein Versuch der methodologischen Grundlegung der Archäologie als Geschichtswissenschaft. Tübinger Forsch. hist. Arch. 2 (Büchenbach 2007).
      • Schreg 2016
        R. Schreg, Quellenkritik. In: B. Scholkmann/H. Kenzler/R. Schreg (Hrsg.),Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016) 101–113.
      • Serie zur Archäologischen Quellenkritik

      Samstag, 2. Mai 2020

      Die Corona-Krise und der Kulturgüterschutz

      ein Beitrag von Jutta Zerres

      Das „Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR) Project“ ist ein Zusammenschluss von Anthropologen und Experten für Kulturerbe, die sich mit dem grenzüberschreitenden Handel von illegal ausgegrabenen und geraubten Antiken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie mit der Terrorismusfinanzierung und der organisierten Kriminalität befassen. Die Gruppe beobachtet u. a. auch die Aktivitäten der „Branche“ auf Facebook. 
       
      Corona-Beiträge auf Archaeologik
      Viren
      (biology pop [CC BY SA 4.0]
      via WikimediaCommons)
      „The Art Newspaper“ berichtete am 29.04.2020, dass „ATHAR“ in den letzten Wochen einen Anstieg von Angeboten antiker Objekte auf dieser Plattform verzeichnet. Die Ursachen dafür seien nicht nur saisonbedingt – das Frühjahr ist auch für Raubgräber eine günstige Jahreszeit ‒ , sondern auch auf die derzeitige Corona-Pandemie und die damit verbunden Maßnahmen und Konsequenzen zurückzuführen. Die aktuelle Lage begünstige Raubgrabungstätigkeiten und den illegalen Handel mit Antiken an verschiedenen Stellen der „Wertschöpfungskette“, die beim Raubgräber beginnt und beim Endkonsumenten endet. 

      Die wirtschaftliche Krise in vielen Ländern, die durch den Lockdown hervorgerufen wurde, treibt die Betroffenen dazu, sich andere Einkommensquellen zu suchen. Eine davon können eben Raubgrabungen und Verkauf der Objekte sein. Der Arabische Frühling, Krieg und Terrorismusattacken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Unsicherheiten erzeugten, hatten in der Vergangenheit den gleichen Effekt hervorgerufen. Der Artikel in „The Art Newspaper“ zitiert auch Deborah Lehr, die Gründerin der „Antiquities Coalition“, einer weiteren Organisation, die sich mit der Thematik befasst. Lehr geht auch davon aus, dass längere Sperrungen und Ausgangssperren in Verbindung mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu einer Zunahme illegaler Aktivitäten, insbesondere organisierter Plünderungen, führen werden. Sie weißt darauf hin, dass es während des Arabischen Frühlings zunächst einmal eine Pause bei gelegentlichen Plünderungen von Museen und Fundmagazinen gab. Dann aber sei die Zahl der organisierten Beraubungen wieder signifikant angestiegen. Die Kollegen in Ägypten hätten jedoch – so Lehr weiter ‒ wertvolle Lehren aus dem Arabischen Frühling gezogen und die Sicherheit an archäologischen Stätten und Museen während des Lockdown erhöht.

      Lehr verweist auch auf eine andere Erkenntnis, die aus dem wirtschaftlichen Niederschlag von 2008 gezogen werden kann. Diese Krise habe nämlich gezeigt, dass ein gesteigertes Interesse der Endkonsumenten ‒ sowohl legitime als auch illegale Objekte ‒ häufig mit einer Wirtschaftskrise einher geht.

      Ein weniger beachteter Effekt ist, dass auf den selben Schwarzmarktkanälen, die mit illegal ausgegrabenen Antiken handeln, zuweilen auch persönliche Schutzausrüstung, einschließlich Gesichtsmasken, antibakteriellem Gel und sogar Covid-19-Testkits angeboten werden. Akteure in illegalen Geschäften profitieren häufig von einem Anstieg einer Nachfrage, um Material auf dem Schwarzmarkt überteuert zu verkaufen.

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      Mittwoch, 29. April 2020

      Felix Fabri - ein Archäologe des Mittelalters

      Der Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri (1438/9-1502) macht in seinen Werken verschiedene archäologische Beobachtungen und Interpretationen. In der frühen Neuzeit ist solches nicht ungewöhnlich, doch gehört Fabri zu den frühen Beispielen. Bei ihm finden sich zahlreiche solche archäologische Notizen, von denen einige auf eigene Beobachtungen zurückgehen.
       
      Pilgergruppe in Jerusalem,
      darunter vielleicht Felix Fabri
      (Erhard Reuwich in B. v. Breydenbach, 1486
      [PD] via WikimediaCommons)
      Felix Fabri wurde 1438/39 in Zürich geboren.  1452 trat er dem  Konvent des Predigerordens in Basel bei. 1468 entsandte das Konvent einige Brüder nach Ulm, um das dortige Konvent zu reformieren. Unter ihnen war wohl auch Felix Fabri, der bis zu seinem Tod 1502 in Ulm wirkte. Er hatte dort wohl eine bedeutende Stellung inne, denn für seinen Orden unternahm er einige Reisen. 1480 und 1483/84 war er auf Pilgerfahrt im Heiligen Land. Er besuchte Jerusalem, das Katharinenkloster auf dem Sinai, Kairo und Alexandria.



      Fabris wichtigstes Buch, das "Evagatorium, der Bericht über die Reise ins Heilige Land" bezieht sich auf seine zweite Pilgerfahrt 1483/4. Ursprünglich war wohl geplant, dass der letzte Teil dieses Buches eine Geschichte Schwabens und der Stadt Ulm enthalten sollte. Beide wurden eigenständige Werke, die Geschichte Schwabens, Descriptio Sueviae, 1605 erstmals gedruckt und die erst im 19. Jahrhundert publizierte Abhandlung von der Stadt Ulm/ Tractatus de civitate Ulmensi. Sowohl in seinem Pilgerbericht aus dem Heiligen Land als auch in seinem Ulm-Werk bringt Fabri archäologische Beobachtungen und Interpretationen.

      Handschrift Fabris
      (Felix Fabri, Evagatorium in Terrae Sanctae,
      Stadtbibliothek Ulm [Public domain],
      via Wikimedia Commons,
      aus Historisches Lexikon der Schweiz Bd. 4, 2005, S. 363 oben)


      Grabfunde beim Kloster Elchingen

      In seinem Tractatus beschreibt Fabri die Klöster um Ulm, die die Stadt wie eine goldene Corona umgäben (VI,1; Fabri, Abhandlung 100). Zunächst geht Fabri auf das Kloster Elchingen ein, dessen Namen er als Eichenhain deutet und mit einem "verabscheuungswürdigen Heidentempel" (abonimabile fanum) in Verbindung bringt. Da Fabri überzeugt ist, dass heidnische Kultübungen überall nach dem gleichen Muster abgelaufen seien, schlußfolgert er aus den Eichen in einem Analogieschluß auf ein Jupiter-Heiligtum. Nach dessen Zerfall oder der Zerstörung durch die ersten Christen hätten "Tyrannen und Herren der Gegend auf den alten Fundamenten einen in der ganzen Gegend ringsum sichtbaren sehr hohen Turm und eine Burg" (Fabri, Abhandlung 106) errichtet. Fabri beschreibt, dass die Burg an der Stelle des Berges gestanden habe, "wo jetzt die Kelter und die Herberge des Klosters ist, unter der zu ihrer Zeit die Frauen den Flachs brechen und die Wägen, Karren und Pflüge untergebracht werden, damit sie nicht vom Regen Not leiden. Neben dem Turm aber ringsherum bauten diese grausamen und wilden Räuber Wohnungen mit Mauern und Basteien, um der ganzen Gegend Furcht und Schrecken einzujagen. Und nichts anderes taten sie, als daß sie die Vorüberziehenden hinauf auf die Burg schleppten, ausplünderten und quälten, ihr Leben ihnen mit harten Foltern entrissen und die Getöteten innerhalb ihrer tyrannischen Behausung in das Innerste der Erde versenkten." An dieser Stelle kommen nun archäologische Funde ins Spiel:
      "Daher werden noch heute an jeder Stelle, wo gegraben worden, menschliche Gebeine gefunden, die unzweifelhaft Überreste der von den Räubern getöteten oder von den Götzendienern bei den Opfern der Götter geschlachteten Menschen sind. Aber auch sehr feste und gewaltige Fundamente finden sich in der Tiefe der Erde, gemauerte Gewölbe und unterirdische Höhlen, die einstigen Wohnungen der Heiden und Räuber." (Fabri, Abhandlung 106)
      Fabri nennt hier zum einen Grab-, zum anderen Siedlungsfunde. Eine genauere Beschreibung, mit der man heute eine Einordnung wagen könnte, fehlt. Im Umfeld des Klosters sind einige vorgeschichtliche Fundstellen bekannt, aber keine Körperbestattungen. Die Beschreibung der baulichen Fundamente lässt am ehesten an Überreste der Burganlage denken. In der Tat wurde das Kloster Elchingen um 1140/50 an der Stelle der Burg einer regionalen Grafenfamilie gegründet, wobei ein älteres um 1120 von derselben Familie gestiftetes, im Tal an der Donau gelegenes Benediktinerkloster verlegt wurde. 

      Für Fabri haben die Funde keinen eigenständigen Quellenwert, sondern sie dienen nur als eine erzählerische Bestätigung seines Geschichtsbild und Landschaftsbildes, das den Raum immer wieder von heidnischen Göttern - und schließlich von Klöster und Kichen - durchdrungen sieht. Hinter der Landschaft, die er gerade bei Elchingen sehr genau im Hinblick auf Wasser, Fruchtbarkeit und Heilkräuter beschreibt, steckt eine göttliche Ordnung.

      Ruinen in Blaubeuren

      Wenige Seiten später kommt Fabri auf das Kloster Blaubeuren zu sprechen. Natürlich zieht der Blautopf seine Aufmerksamkeit auf sich.
      "... Nach diesem allem schließe ich, daß die Quelle von Blaubeuren mit ihren Bergen, Tälern und Wäldern einst den Göttern geheiligt oder wenigstens verehrungswürdig gewesen sei, da man auch wenig über der Quelle am Abhang Fundamente von sehr alten Gebäuden, Spuren von Tempeln findet, besonders jedoch an der Stelle des Klosters, wo der Zusammenfluß der zwei Flüsse Ach und Blau ist." (Fabri, Abhandlung 134)

      Blautopf Blaubeuren mit Blick auf die Klosterkirche
      (Foto: R. Schreg)
       
      Diese Funde im Bereich des Klosters verzeichnet auch die Chronik des Klosters Blaubeuren von Christian Tubingius (1500-1563). Er wertete "die in unserer Zeit entdeckten Ruinen" als Beleg dafür, dass das Städtchen Blaubeuren an dieser Stelle bereits bestanden hätte, als das Kloster gegründet wurde (Tubingius, 32). Auch zur Frage eines Nonnenklosters St. Nikolaus in Blaubeuren, für das Tubingius einen ins Jahr 1155 datierten Beleg anführt, verweist er für die Lage der Kirche auf "Ruinen und viele andere alte Überreste" (Tubingius, 185).
      Archäologische Grabungen in der Klosterkirche  fanden 1983 statt. Sie deckten Reste der romanischen Kirche auf, die zwischen 1466 und 1502 einem Neubau weichen musste. Möglicherweise bezieht sich Tubingius auf Entdeckungen während dieser Bauarbeiten, so dass die damals entdeckten Ruinen älter als die romanische Kirche sein müssten. Tatsächlich gab es bei den Grabungen spärliche Reste eines älteren Vorgängerbaus (Schmid 1986).

      Was Fabri an Spuren am Abhang über der Quelle beobachtete, ist heute unklar. Zwar liegt mit den unscheinbaren Resten der Burg Blauenstein über den Blautopf tatsächlich eine archäologische Fundstelle, aber zu Fabris Zeiten war die Burg noch intakt und kann nicht gemeint sein. Möglicherweise misverstand er einige der natürlichen Felsformationen.





      Stadtarchäologie in Ulm


      Ausführlich behandelt Fabri in seinem Tractatus die frühe Geschichte Ulms. Anders als Kempten oder Augsburg hat Ulm keine nennenswerte römische Vergangenheit. In diesen Städten setzte zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Interesse für die materiellen Überreste der Römerzeit ein - vor allem interessierten natürlich Inschriften. Zu nennen sind hier die Namen von Konrad Peutinger (1465-1547) und Johannes Aventinus (1477-1534), die in ihren Werken Sammlungen römischer Inschriften integrierten.

      Während viele Chroniken bis ins frühe 17. Jahrhundert hinein bemüht sind, einen Anschluß an die Bibel zu finden, spielt dies bei Fabri keine besonders prominente Rolle. Er führt vielmehr sehr viele unterschiedliche Thesen zur Entstehung der Stadt an, von denen manche auf antike Mythologie zurückgreifen, andere örtliche Sagen aufgreifen. Vor allem aber zieht er systematisch den Ortsnamen wie auch die topographische Situation der Stadt dazu heran, um etwas über deren Anfänge auszusagen. Modernen Anforderungen an historisches Arbeiten mit einer entsprechenden Quellenkritik hält das zwar alles nicht stand, aber Fabri bemerkt doch kritisch, dass die Gefahr bestünde, "Neues auch aus alten Worten zu schmieden" (Fabri, Abhandlung 1).
      An verschiedenen Stellen zieht Fabri für seine frühe Geschichte der Stadt auch archäologische Funde heran;
      "Als anderen Anfang der Stadt Ulm führt der gemeine Mann an, daß, als einst an der damals waldigen Stelle der Stadt jemand jagte, er an der Stelle, wo jetzt die Kirche zum Heiligen Kreuz ist, einen gewaltien Hirsch fing, auf dessen  Stirn er ein goldenes Kreuz fand, deshalb errichtete er daselbst eine Kapelle zum heiligen Kreuz und gründete daneben einige Wohnhäuser, und so wuchsen diese Gebäude im Lauf der Zeit zu einer Stadt heran. Man glaubt aber, daß hier die Pfarrkirche gewesen sei, weil, wo man auch im Umkreis grabe, überall in Menge zusammengeworfene Gebeine Gestorbener gefunden werden" (Fabri, Abhandlung 11).
      Vom Hirsch mal abgesehen, ist dies eine Theorie, die den modernen Vorstellungen der Stadtentwickung noch am nächsten kommt. Die Heilig-Kreuz-Kapelle befand sich auf dem Weinhof, auf dem auch die Pfalz Ulm lokalisiert wird. 1953 fanden im Schwörhaus, das an der Stelle der Heiligkreuzkapelle errichtet wurde, Ausgrabungen statt. Gräber wurden weder hier noch in ihrem direkten Umfeld gefunden. Der nächste bekannte Bestattungsplatz befindet sich rund 200 m nördlich am heutigen Münsterplatz. Dort liegt eine frühmittelalterliche Grabgruppe (die nebenbei bemerkt zu jung für den Fund eines Golblattkreuzes erscheint).

      Im weiteren verweist Fabri auf archäologische Funde, um das hohe Alter der Stadt zu belegen. 
      "Der vierte Beweis für das hohe Alter liegt in der Auffindung von Mauern und menschlichen Gebeinen. Denn fast überall in der Stadt findet man, wenn man gräbt, Mauern und an vielen Stellen Gebeine Verstorbener, aus denen man vermuten kann, daß daselbst Kirchen gestanden seien. So wollte in der Nähe des Neutors, oben auf der linken Seite, im vorigen Jahr ein Weber ein unterirdisches Gemach graben, wie es das Handwerk erfordert, und fand bei dieser Arbeit einen erstaunlichen Haufen Knochen." (Fabri, Abhandlung 12)
      Was Fabri offenbar nicht wusste, ist, dass in diesem Bereich der erste jüdische Friedhof lag, der bei der Erweiterung der Stadt während des frühen 14. Jahrhunderts verlegt werden musste (Bräuning u.a. 2008, 264 FST 143).

      Fabri bringt sogar eine Art  Fundstellenliste:
      "So fand man im Spital, als man grub zur Aufstellung von Säulen das Gewölbe einer Stube zu tragen, eine große Masse Knochen, auch andernorts an sehr vielen Orten, aber auch an dem Abhang und der Stelle, wo die Metzgerbänke sind, und oben, wo jetzt eine Straße unten am Markt ist, durch welche man zum Herdbruckertor geht, wurden sonderbare Gewölbe und unterirdische Gemächer aufgefunden, in denen einst Münzen geschlagen worden sein sollen." (Fabri, Abhandlung 12)
      Als fünftes Argument verweist er auf das hohe Alter der jüdischen Gemeinde. Bei den Pogromen 1348 habe man hier einen Brief gefunden, den zur Zeit Christi die jüdische Gemeinde aus Jerusalem nach Ulm geschickt hätte. Fabri zitiert diesen Brief wörtlich. 
      "Überdies sind es nicht viele Jahre, daß auf dem Kirchhof der minderen Brüder weit unter der Erde ein mit hebräischen Buchstaben beschriebener Stein gefunden wurde; ein Jude aber, der herbeigeschafft wurde, um die Schrift zu lesen, sagte, jener Stein sei für die Inschrift eines jüdischen Grabes gewesen und diese Schrift sei vor dem Tode Christi geschrieben worden. Dies habe ich von glaubwürdigen Männern gehört, die es von ihren Vorfahren gehört habe, und es steht dem nicht der Einwurf entgegen, die Juden seien in der erwähnten Zeit noch nicht durch Titus und Vespasianus zerstreut gewesen. Dies ist wahr, doch waren sie oft vorher in allen Ländern zerstreut gewesen" (Fabri, Abhandlung 12).
      Der im 15. Jahrhundert entdeckte Grabstein stammt wohl aus eben dem ersten jüdischen Friedhof am Neutor, von dem Fabri "einen erstaunlichen Haufen Knochen" vermeldete. Insgesamt sind aus Ulm nicht besonders viele jüdische Grabsteine bekannt, einige sind im Münster vermauert, einige wenige in Privathäusern (vgl. Wikipedia).



      Erst danach bezieht sich Fabri auf die Urkunde, mit der Karl der Große 813 seine regalis villa Ulm an das Kloster Reichenau schenkte (WUB I, Nr. 69). Die Urkunde ist freilich eine Fälschung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts (Rückert 2003).
      Im weiteren kommt Fabri auf die Form der Stadt zu sprechen, die er sich insgesamt sehr schematisch vorstellt: Eine runde Stadt im Kern, an der Stelle, an der Donau, Iller und Blau formal ein Kreuz bilden und Straßen aus dem ganzen Erdkreis zusammen kommen. Fabri verweist dabei auf den Verlauf der älteren Stadtmauer, den er sehr genau beschreibt und dabei auch auf Mauer- und Grabenreste verweist (Fabri, Abhandlung 15). Vor dieser Stadtmauer habe es verschiedene Vorstädte gegeben. Als Beleg führt Fabri wiederum archäologische Funde an,
      "wo heute, wie die Alten sagen, das Göglistor ist und im vergangenen Jahre Grundsteine gefunden wurden, als die Brustwehr vor dem Gögglinger Tor erbaut wurde" (Fabri, Abhandlung 15)
      Fabris Beschreibung von Ulm liefert viele Details der Stadtlandschaft und ihr erzählerisches Arrangement gibt genaue Einblicke in seine Vorstellungen von Stadt und Landschaft (vgl. Knoll 2013, 181ff.). Wiewohl er eine göttliche Ordnung erkennt, schildert er die Stadt rational und gibt beispielsweise den natürlichen hydrographischen Bedingungen in seiner Darstellung breiten Raum. Eigene Beobachtungen spielen hier eine wichtige Rolle.

      Die Fundstellen, die Fabri benennt, sind heute teilweise schwer zu beurteilen. Fabri kennt einige Funde selbst nur aus mündlichen Berichten, bei anderen gibt er recht genaue Fundumstände an, die daran denken lassen, dass er zeitnah, vielleicht sogar persönlich vor Ort Informationen erhalten hat. Dies gilt beispielsweise für die Funde beim Bau einer Weberdunke am Neutor. Die dortigen Knochenfunde können mit einiger Wahrscheinlichkeit dem ältesten jüdischen Friedhof zugewiesen werden. Die Grundsteine vor dem Gögglinger Tor sind schwer zu beurteilen, denn eigentlich spricht Fabri im Kontext von den Bereichen nordöstlich der Stadt, wo die Pfarrkirche ennet feld lag. Das Gögglinger Tor lag jedoch jenseits der Blau im Westen. 1965 wurden in diesem Bereich, der heute großräumig durch eine Straßenunterführung gestört ist, einige Scherbenfunde gamacht, die sich möglicherweise jedoch in sekundärer Lage befanden (Bräuning u.a. 2008, 211, FST 359) und auch nach Fabri datieren könnten. Die Fundstellen an den Metzgerbänken und an der Herdbruckerstraße können mit älteren mittelalterlichen Siedlungsfunden, etwa Latrinenbefunden erklärt werden.



      Biblische Archäologie

      Grabplatte von Fabris Reisebegleiter
      Bernhard von Breitenbach im Mainzer Dom
      (Foto: Symposiarch [CC BY SA 3.0]
      via WikimediaCommons)
       
      Bemerkenswerte Beobachtungen archäologischer Überreste finden sich auch in Fabris Pilgerbericht ins Heilige Land. Fabri brach am 14. April 1483 in Ulm auf und erreichte das Heilige Land am 2. Juli. Die Reise ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Neben Fabris Evagatorium gibt es von ihm das kürzere "Sionsbüchlein", das es anderen erlauben sollte, "virtuell" eine Pilgerreise nachzuvollziehen. Vor allem aber war Bernhard Breidenbach auf derselben Reise. Sein Reisebericht wurde bereits 1486 publiziert, während Fabris Handschriften erst im 19. Jahrhundert gedruckt wurden.  Breidenbachs Werk war mit Holzschnitten von Erhard Reuwich illustriert, der ebenfalls auf der Reise dabei war und die Abbildungen nach eigener Anschauung fertigte.

      Fabri beschreibt viele biblische Stätten, die er während seines nur wenige Tage dauernden Aufenthalts in Jerusalem und dem näheren Umland besuchte. Natürlich referenziert er hier auf die Bibel.


      Auf der Weiterreise von Jerusalem in den Sinai beschreibt Fabri aber das "Hebrontal, das zweifellos sehr fruchtbar wäre, wenn es beackert würde. Es sind nämlich auf beiden Seiten noch die Mauern von ehemaligen Gärten erhalten" (Fabri, Evagatorium 143). Fabri beobachtet hier Altflurrelikte. Etwas weiter vermerkt er Ruinen:
      "Als eben die Morgenröte erschienen war, zogen wir weiter durch ebenes Land, sahen immer wieder Dörfer und die Ruinen von ehemaligen Städten. Um die Mittagszeit kamen wir in eine Landschaft, in der sich Hügel und niedere Berge erhoben, unter denen ein ziemlich hoher über die anderen hinausragte, wie geschaffen als Standort für eine Burg oder einen befestigten Platz. Als wir am Fuße des Berges angelangt waren, stieg ich mit einigen anderen hinauf, während die Esel unten blieben. Wir fanden dort Reste von Mauern, zwar nicht von einer Burg, sondern von einer früheren Stadt, weil hier einst die Stadt Ziklag stand, die den Philistern gerhörte und die Achis, der König von Gath, dem David zuwies, als er auf der Flucht vor Saul war. An dieser Stelle standen wir nun und schauten weit über das Philisterland in Richtung auf das große Meer und zum Bergland von Hebron hin, zum Gebirge Ephraim und zur Wüste Ägyptens. Wir erblickten auch die Stadt Gaza, obwohl sie noch weit von uns entfernt war." (Fabri, Evagatorium 144f.)
      Fabris Bericht zeugt von einem Interesse an den Ruinen, die, wie die Referenz auf David zeigt, durch die Referenz auf die Bibel genährt wurde - eine Motivation, die auch heute archäologische Forschungen in Israel bestimmt. Der kurze Text lässt offen, was Fabri genau gesehen hat, ob das Verständnis der Ruinen als Stadt und nicht als Burg sich aus dem Befund ergab oder aus dem Bezug auf Ziklag. Bis heute ist die Lage von Ziklag in der Forschung umstritten. Fabris Bericht hat dabei Aufmerksamkeit gefunden, da angenommen wurde, dass er seine Informationen von Einheimischen erhalten haben müsse (Harris 2011).


      Die Pyramiden

      Kairo und die Pyramiden im Pilgerbericht
      des Bernhard von Breydenbach,
      mit dem aiuch Fabri unterwegs war
      (via WikimediaCommons)

      Wie viele andere mittelalterliche Pilger kam Fabri durch Ägypten und besichtigte dabei auch die Pyramiden.
      "Nun verließen wir die Stadt [Kairo] zur afrikanischen Wüste hin, zu den bewundernswerten Pyramiden und den Grabinschriften der alten ägyptischen Könige. Obwohl die Pyramiden heute weit  weg sind von Kairo, gab es einst eine große Stadt, innerhalb der sie lagen, das beweisen die ringsum verstreuten Ruinen. An diesem Ort befand sich die Begräbnisstätte der Könige Ägyptens. Über ihren Gräbern errichtete man viereckige Bauwerke aus Quadern, die Ausdehnung ihrer Grundfläche veringert sich nach oben kontinuierlich, so daß sie in einer Spitze enden wie die Dächer von Türmen. Zwei Pyramiden ragen weit über die anderen hinaus an staunenswerter Breite und Höhe, sie sind wie Berge. Wenn man sie von Weitem erblickt, hält man sie für Türme. Auf ihnen fanden wir verschiedene uns unbekannte Schriftzeichen, an einer Stelle aber entdeckten wir in lateinischer Sprache und Schrift eingeritzte Verse. Den  Sinn dieser Verse konnte ich nicht verstehen, wenn ich von einem geschulten Dichter etwas darüber erfahren könnte, möchte ich gern wissen, was sie bedeuten. Soviel aber schloß ich aus ihnen, daß nämlich die landläufige Meinung falsch ist, diese Pyramiden seien die Kornspeicher Josephs, die er laut Genesis  41 zur Sammlung des Getreides für die sieben mageren Jahre erbaute.
      Doch selbst wenn diese Verse zum Inhalt hätten, hier sei Korn gesammelt worden und die Pyramiden seien Vorratshäuser für das Landgewesen, so müßte ich dies als eine Vorspiegelung ansehen. Denn in ihnen wäre gar kein Platz dafür, weil sie innen keinen Hohlraum aufweisen, vielmehr ist jede ein aus riesigen Quadern gänzlich und bis ins Innerste zusammengefügter intakter Block, außer daß in dem Mauerwerk ein kleines Türchen gelassen wurde, durch das man ins Innere gelangen kann. Aber der Raum dort ist nur so groß, daß sich ein Mann stehend gerade noch in ihm aufhalten kann, auf keinen Fall gibt es genügend Platz um Kornernten aufzubewahren. Warum aber die Pilger in ihren Büchlein die Pyramiden die Kornkammern Jospehs zu nennen pflegen, das hat, wie ich glaube, den Grund, daß sie die Pyramiden nur von weitem gesehen haben und nicht zu ihnen geführt wurden. denn sie liegen oberhalb Kairos und auf der anderen Nilseite. So meinen sie beim Anblick dieser Riesenbauwerke, jene müßten einen Innenraum haben, was eben nicht der Fall ist. Wir aber wurden durch die spezielle Freundschaft mit den ungarischen Mamelucken über den Nil zu den Pyramiden gebracht. Hätte ich sie nicht aus der Nähe gesehen, hätte ich auch leicht glauben können, sie seien Kornspeicher gewesen. So aber bewies mir der unmittelbare Anblick, daß sie heidnische Grabmäler waren."

      Fabri widerlegt also die These, die Pyramiden seien die Kornspeicher Jospehs gewesen, wie sie andere mittelalterliche Pilgerberichte vertreten. Als Beispiel sei hier Jean de Mandeville angeführt, der zwischen 1357 und 1371 eine Schilderung einer Reise ins „Heilige Land“, den Fernen Osten und das Königreich des Priesterkönigs Johannes schrieb. Das Werk ist freilich eine Kompilation aus verschiedenen oft phantastischen Quellen. 1481 wurde in Augsburg eine Ausgabe von Mandeville gedruckt, deren Darstellung der Kornspeicher Josephs mit den reellen Pyramiden nichts zu tun hat. Mandeville spricht sich vehement gegen die Interpretation der Pyramiden als Grabbauten aus, sein Argument waren indes nur die Aussagen der Menschen vor Ort - die er aber sicherlich auch nicht persönlich vernommen hat. Fabri argumentiert hier sehr viel "wissenschaftlicher".

      Jean de Mandevill über die Kornspeicher Josephs
      John / Velser, Michel: Das puoch des Ritters herr Hannsen von Monte Villa, Augsburg, 1482.10.18. [BSB-Ink M-101 - GW M20407]
      (CC BY NC SA 4.0)


      Was Fabri vor mehr als 500 Jahren durch simple Anschauung begriffen hat, nämlich dass die Pyramiden keine Kornspeicher sein können, ist in unserer Zeit übrigens ein Indiz für die wissenschaftsfeindliche Atmosphäre in der  'modernen' Gesellschaft der USA. Wir sind den laxen Umgang des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump mit wissenschaftlichen Fakten inzwischen gewohnt, aber auch sein innerrepublikanischer Gegenkandidat Ben Carson ist während des Vorwahlkampfes 2015 mit unsinnigen Aussagen aufgefallen - so mit der Feststellung, die Pyramiden seien Josephs Kornspeicher gewesen („Man braucht keine Aliens, wenn Gott mit dir ist“. Archaeologik [6.11.2015]).


      Archäologische Befunde als historische Quellen

      Fabri ist nicht der Einzige, der im Spätmittelalter bzw. der frühen Neuzeit Bodenfunde und bauliche Überreste als Geschichtszeugnisse verstanden hat. Einen eigenen Quellenwert wurde ihnen allerdings nur ganz bedingt zugemessen. Fabris Beobachtungen über materielle Relikte vergangener Zeiten - Mauerbefunde, Grabfunde, Ruinen oder Altflurrelikte - zeigen allerdings, dass er eine Vorstellung über Veränderungen in der Zeit besaß. Im Falle der Pyramiden war er gar bereit, die Aussage materieller Zeugnisse über die schriftlicher Quellen oder tradierten Wissens zu stellen.


      Die frühe archäologiche Forschung hat das Interesse sowohl der historischen wie auch der archäologischen Forschung gefunden (Sasse-Kunst 2017; Hakelberg/ Wijworra 2009; diess. 2010). Verschiedentlich wurden solche Notizen ausgewertet, um das Geschichtsverständnis der Zeit  zu erfassen (Graf 2010; Ott 2010). 


      Anhand eines Berichtes in der um 1550 abgeschlossenen Schwäbisch Haller Chronik des Georg Widmann über Funde römischer Keramik aus dem Bereich der Lorcher Pfarrkirche, mitten im römischen Kastell, analysierte Klaus Graf (2010) die Interpretation archäologischer Funde. Er wies darauf hin, dass es nicht ausreicht, den Umgang mit archäologischen Funden in der frühen Neuzeit als Vorläufer einer archäologischen Wissenschaft zu sehen, sondern, dass sie vor dem Hintergrund zeitgenössischer Erinnerungskultur gesehen werden müsse. Sammlungen antiker Inschriften im Humanismus sind eben nicht nur eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern verweisen auch auf Veränderungen in der damaligen Erinnerungskultur, als vermehrt Wert darauf gelegt wurde, den eigenen Ruhm der Nachwelt zu überliefern. Die Gefäße in Lorch - sechs mit Asche gefüllte rote irdenen Häfen sollen in der Mauer der Pfarrkirche „zu ewiger gedächtnüs dahin vermaurt" worden sein. Zugeschrieben werden sie den Heiden, speziell den Vorfahren der Staufer, deren Tradition im Umfeld des Hohenstaufen sehr wirkmächtig war.

      Die Beschreibungen  von Funden reihen sich für gewöhnlich ein in patriotische Motive des Stadtlobs, die vor allem eine bemerkenswerte Vergangenheit darstellen sollen. Wir erkennen dies auch in Fabris Tractatus, doch gilt dies nicht in gleichem Maß für die Beobachtungen auf seiner Pilgerreise.


      Textausgaben Felix Fabri

      Fabris gesamtes gedrucktes Werk ist online verfügbar. Neben einigen weiteren Schriften ist das Evagatorium mit einem Bericht über Fabris Reise ins Heilige Land 1483/84, sowie seine Abhandlung von der Stadt Ulm zu nennen (siehe Liste in wikipedia s.v. Felix Fabri).



        Literatur

        • Bräuning u. a. 2009
          A. Bräuning/U. Schmidt/R. Schreg, Ulm. Arch. Stadtkataster Bad.-Württ. 35 (Esslingen 2009).
        • Graf 2001
          Klaus Graf, Reich und Land in der südwestdeutschen Historiographie um 1500. In: F. Brendle u.a. (Hrsg.), Deutsche Landesgeschichtsschreibung im Zeichen des Humanismus. Contubernium 56 (Stuttgart 2001) 201-211 online auf FreiDok - urn:nbn:de:bsz:25-opus-52784
        • Graf 2010
          Klaus Graf, Archäologisches in populären Erzählungen der Frühen Neuzeit. In: D. Hakelberg/ I Wiwjorra (Hrsg.), Vorwelten und Vorzeiten: Archäologie als Spiegel historischen Bewußtseins in der Frühen Neuzeit. Wolfenbütteler Forschungen 124 (Wiesbaden 2010) 447-459 online auf FreiDok - urn:nbn:de:bsz:25-opus-79417
        • Hakelberg/ Wijworra 2009
          D. Hakelberg/ I. Wijworra (Hrsg.), Archäologische Funde in der Frühen Neuzeit – Eine Bibliographie zur Geschichte der Archäologie 1500-1806. Wolfenbüttel: Herzog August Bibliothek (2009). - http://diglib.hab.de/edoc/ed000012/startx.htm
        • Harris 2011
          H. Harris, The location of Ziklag: its identification by Felix Fabri. Palestine Exploration Quarterly 143, 1, 2011, 19–30 - <doi:
          http://dx.doi.org/10.1179/003103210X12904439984124>
        • Knoll 2013
          M. Knoll, Die Natur der menschlichen Welt. Siedlung Territorium und Umwelt in der historisch-topografischen Literatur der Frühen Neuzeit (Bielefeld 2013).
        • Rückert 2003
          P. Rückert,
          Alles gefälscht? Verdächtige Urkunden aus der Stauferzeit (Stuttgart 2003) - https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/53945/Alles-gef%E4lscht_Vollversion.pdf (pdf) 
        • Sasse-Kunst 2017
          B. Sasse-Kunst, Die Archäologien von der Antike bis 1630. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände 69/1 (Berlin, Boston 2017).
        • Scheffer 1986
          L. Scheffer, A Pilgrimage to the Holy Land and Mount Sinai in the 15th Century. Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 102, 1986, 144–151. 
        • Schmidt 1986
          E. Schmidt, Der Gründungsbau des Klosters Blaubeuren - Ergebnisse einer archäologischen Rettungsgrabung. In: H. Decker-Hauff (Hrsg.), Blaubeuren. Die Entwicklung einer Siedlung in Südwestdeutschland (Sigmaringen 1986) 711–717.
        • Schreg 2011
          R. Schreg, Der Reisebericht des Broniovius – Text und Archäologie. In: S. Albrecht/M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011) 2
          3–44. (online bei academia.edu)
        • Tubingius
          Christian Tubingius, Burrensis Coenobii Annales. Die Chronik des Klosters Blaubeuren, bearb. v. G. Brösamle. Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 3 (Stuttgart: Müller & Gräf 1966). 

        Link

        PS

        Der Blogpost ist als Teil meiner Vorlesung "Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit - eine Forschungsgeschichte von ihren Anfängen bis heute" im Corona-Sommersemester 2020 an der Universität Bamberg entstanden.