Sonntag, 29. Dezember 2024

Sterbende Kultur: Der letzte Mega-Röhrenfernseher

In einer inzwischen abgerissenen Nudelbar in Japan wurde ein Röhrenfernseher Sony PVM-4300 gefunden. "Finden" ist hier natürlich die besondere Perspektive des Suchers, ein Gamer und Röhrenbildschirmfreak. Der Fernseher wurde nie (also jedenfalls bisher) zum archäologischen Fund, sondern stand im Nebenraum eines Restaurants in Osaka, funktionsfähig aber seit Jahren nicht mehr genutzt.

Das Video hat in Kürze etwa zwei Millionen Zugriffe und der Fund findet international Aufmerksamkeit. Das Alter kann es hier nicht sein. Das Baujahr des Fernsehers ist 1989.

Wahrscheinlich sind die Gamer-Szene und die Gruppe der Röhrenbildschirm-Fans größer als die der Archäologie-Interessierten. Dennoch folgt das YouTube-Video dem Narrativ der Suche und des Findens. Darüber hinaus, zeigt es auch die Probleme der Bergung und Restaurierung. Der Finder Shank Mods rekonstruiert die  Objektbiographie, indem er ein Interview mit dem früheren Eigentümer hat führen lassen. Dieser wusste, dass sein Exemplar eines der wenigen erhaltenen war, dass eine Gamer-Community über die Existenz des Modells spekulierte und dass sein Gerät bereits mit einem Foto im Netz dokumentiert war. Sogar der CEO von SONY hat sich vor Jahren schon für das noch erhaltene Gerät in Osaka interessiert. Obwohl der PVM-4300  als Prestigeprojekt und Höhepunkt der Firmengeschichte von SONY gilt hat das Unternehmen ein Interview mit einem Mitarbeiter verhindert, der mehr zur Produktion hätt erzählen können, Nach Aufgabe des Gebäudes stand der Eigentümer vor dem Problem, was er mit dem Gerät machen sollte - und durch Zufall entstand der Kontakt zu Mods, der das Gerät nun in die USA hat liefern lassen.

Röhrenbildschirme sind heute weitgehend Technikgeschichte und wurden durch moderne Flachbildschirme abgelöst, die inzwischen enorme Ausmaße annehmen können. Mit der alten Röhrentechnologie waren technische Grenzen vorhanden, die mit dem PVM-4300 ausgereizt wurden. Er gilt daher als der größte klassische Fernseher, war aber verdammt schwer (in der Gebrauchsanweisung steht, man solle die Statik des Fußbodens prüfen) und schweineteuer. Er wurde nur auf Bestellung produziert, so dass es nur wenige Exemplare gab - bisweilen sogar angezweifelt wurde, ob er jemals über die Werbemodelle hinaus hergestellt wurde.

Der Erkenntniszuwachs aus dem Fund ist für die Geschichtswissenschaften marginal, aber das Video dokumentiert - wenn auch nicht wissenschaftlich - einen besonders gewichtigen Vertreter eines Alltagsgeräts vom Ende des 20. Jahrhunderts. Deutlich wird, wie schnell materielle Kultur aus dem Alltag und der Erinnerung verschwindet. Aber selbst hier ist das entscheidende Narrativ das der Entdeckung - obwohl der Fernseher nie wirklich verschwunden war.


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Mittwoch, 25. Dezember 2024

Der archäologische AdventsKIlender, Nachdenkliches

 

 

Adventskalender 2024
 

Ich habe den Adventskalender 2024 als AdventsKIlender gestaltet und dafür eine Auswahl von KI generierten Bildern verwendet, die mit einigen Prompts rund um die Archäologie entstanden sind. Meist generiert die KI in einem Durchlauf mehrere Bilder, die bei dem hier zumeist verwendeten Microsoft Designer stilistisch und von der Grundidee des Bildes einander sehr ähnlich sind. Jeder Durchlauf kreiert etwas andere Bilder., aber der Duktus ist erstaunlich einheitlich. Braun- und Gelbtöne dominieren die Bilder, das Setting ist ausgesprochen kolonialistisch und es dominieren Ägypten und Mesoamerika das Szenarium. Interssanterweise ist das Hightechbild der Archäologie, das in den Medien immer wieder auftritt in den Bildern noch nicht präsent. Das Büro im Landesdenkmalamt beispielsweise enthält zwar mehrere Globen, aber keinen Computer (Türchen 9; anders allerdings im Großraumbüro der Abt. Bodendenkmalpflege, die über Bildschirme verfügt (Türchen 10). Die Grabungsszenen zeigen erwartungsgemäß pinselnde Archäologen - wobei auch bei dem nicht gegenderten Prompt gleichermaßen Männer wie Frauen gezeigt werden.

Gegenüber ersten Tests mit KI-generierten Bildern vor etwa einem Jahr, wo häufig eklatante Fehler wie Hände mit sechs Fingern oder anatomisch unrealistischen Körperhaltungen  produziert wurden (Archaeologik 8.5.2023), ist die Bilanz bei den Bildern für den AdventsKIlender deutlich besser - sieht man mal von den berüsselten Neandertalern ab (Türchen 11).

Bei aller Spielerei sind die KI-Bilder sehr interessant, spiegeln sie doch die Quellen wieder, anhand derer die KI trainiert wurde und entlarvt so auch Klischees, die sich in der Gesellschaft und im digitalen Trainingsmaterial  finden.

Natürlich sind der KI Fachbegriffe wie ältere gelbe Drehscheibenware  (Türchen 12, vgl. Adventskalender 2023, Türchen 7) oder auch nur das klassische Pfostenloch Türchen  13) unbekannt. Es ist auch klar, dass KI in der vorliegenden Form unbrauchbar ist, um Rekonstruieren und Lebensbilder der Vergangenheit zeichnen zu lassen. Die Tätigkeiten in dem jungsteinzeitlichen Dorf (Türchen 14) sind nicht zu identifizieren, die Landschaft wird parkartig dargestellt. Ein Kennzeichen vieler Darstellungen ist es, dass viele Funde, meist Phantasieobjekte, schön nebeneinander drapiert ausliegen, egal ob auf der Grabungsfläche oder auf dem Schreibtisch.

Verschiedene Versuche mit einem Prompt wie archäologische Fundzeichnung o.ä. erbrachte nie eine Darstellung, die einer modernen zeichnerischen Dokumentation entspricht, sondern war eher von Fundpublikationen des 19. Jahrhunderts inspiriert (Türchen 12). 

Diese KI-Versuche waren nun keine systematische wissenschaftliche Untersuchung, ich habe auch nicht verschiedene Bild-KIs genutzt, erst recht keine professionellen. Insofern könnten durchaus qualitativ bessere Ergebnisse zu erzielen sein. Das Bild hinter Türchen 17 habe ich einer  facebook-Gruppe Ancient Civilisations and Archaeology  entnommen, die aktuell hin und wieder KI-fakes verbreitet und diese als echt ausgibt. Für den Laien ist das häufig nicht mehr leicht zu  erkennen.

So war der AdventsKIlender zumindest für mich recht vergnüglich, aber leider zeigt er auch einige Schwächen in der Wissenschaftskommunikation aus: 1.) einen geringen Anteil seriöser Archäologie im KI-Trainingspool und 2.) die  Gefahr ,die der seriösen Forschung  und deren Glaubwürdigkeit durch „Skeptiker“ und durch Parawissenschaften droht.