Ja, ich weiß, Archäolog*innen beschäftigen sich normalerweise nicht mit Dinosauriern. Trotzdem lohnt es sich, zu registrieren, was aktuell in Philadelphia mit jenem Museum passiert, das 1868 erstmals wissenschaftlich ein Dinosaurierskelett der Öffentlichkeit präsentiert hat.
Im Museum der Academy of Natural Sciences in Philadelphia (USA) wurde 1868 das Skelett des Hadrosaurus foulkii enthüllt. Dieses Fossil ist 10 Jahre zuvor in New Jersey gefunden worden. Der Paläontologe Joseph Leidy und ‚Paläokünstler’ Waterhouse Hawkins montierten das Skelett erstmals in aufrechter Haltung. Diese Ausstellung löste den ersten kolossalen, weltweiten Massenansturm („Dinomanie“) in einem Museum aus.
Ende September 2026 schließt in den USA das älteste Naturkundemuseum in den Amerikas (gegr. 1812, für Publikum geöffnet 1828) seine Pforten.
Die Schließung des Publikumsbetriebs des Museums der Philadelphia Academy of Natural Sciences ist primär auf lokale wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen – insbesondere auf das hohe strukturelle Defizit der Trägeruniversität, gestiegene Betriebskosten und den anhaltenden Rückgang der Besucherzahlen seit der Pandemie. Die Sammlung soll erhalten bleiben, wird aber nicht mehr öffentlich zugänglich sein.
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Saurierskelett im bald ehemaligen Museum in Philadelphia (Foto: Daderot - Public Domain, via WikimediaCommons) |
Förderung antiwissenschaftlicher Institutionen
Die Schließung in Philadelphia ist keine direkte politische Zensurmaßnahme der Republikaner. Unter den weißen evangelikalen Christen, die die Basis der Trump'schen MAGA-Bewegung bilden, sind kreationistische Ansichten zwar weit verbreitet, aber entgegen einem populären Klischee leugnen die meisten modernen Kreationisten die Existenz von Dinosauriern aber nicht. Stattdessen argumentieren sie, dass Dinosaurier zeitgleich mit den Menschen erschaffen wurden und während der Sintflut ausstarben. Die Erde sei insgesamt nur erst etwa 6.000 bis 10.000 Jahre alt. Institutionen wie das bekannte Creation Museum in Kentucky stellen diese Koexistenz explizit dar. Ein Diorama dort zeigt neben Dinosauriern spielende Menschenkinder (Link zu Abb.). Die Evolution des Menschen von gemeinsamen Vorfahren mit anderen Primaten wird strikt abgelehnt, da sie dem Glauben an eine göttliche Schöpfung nach Gottes Ebenbild widerspräche.
Das 2007 eröffnete Creation Museum in Petersburg, Kentucky, steht im
Gegensatz zur Academy finanziell auf einer sehr stabilen Basis.
Betreiber ist die Non-Profit-Organisation Answers in Genesis. Sie ist
Teil eines schuldenfrei expandierenden religiösen Unternehmens mit einer
bundesweit mobilisierbaren, spendenstarken Anhängerschaft. Die
finanzielle Basis speist sich aus zwei Quellen: einem anhaltend starken
Ticket- und Merchandise-Verkauf sowie einem enormen Aufkommen an
privaten Großspenden. Die Mutterorganisation generiert jedes Jahr
zweistellige Millionenbeträge.[AiG].
Der eigentliche Unterschied zu Philadelphia liegt weniger in der
Gemeinnützigkeit – wie die Academy ist auch das Creation Museum von der Bundes-Einkommensteuer befreit, das ist für Museen in
den USA normal – sondern im Zwillingsprojekt Ark Encounter in
Williamstown, Kentucky. Der Themenpark mit der überdimensionalen Arche
Noah wird über eine gewinnorientierte LLC (so was ähnliches wie eine GmbH) betrieben. Kentucky hatte ihm
die ursprünglich zugesagte Tourismusförderung zunächst entzogen, mit der
Begründung, staatliche Anreize dürften nicht zur Finanzierung
religiöser Indoktrination dienen. Dagegen klagte AiG und bekam Recht.
Vertreten wurde die Organisation damals pro bono von Mike Johnson, heute
Sprecher des US-Repräsentantenhauses und enger Verbündeter von POTUS Don. Trump.
Als anerkannte Tourismusattraktion wurde der Ark Encounter für bis zu
18,25 Mio. Dollar an Förderung zugelassen – nicht als direkter
Zuschuss, sondern als leistungsabhängige Rückerstattung der von
Besuchern vor Ort gezahlten Umsatzsteuer auf Eintritt, Gastronomie,
Souvenirs und Übernachtung. Das MAGA-Lager, die religiöse Rechte und die
konservativen Republikaner in Kentucky, haben diese Förderung politisch
stets massiv verteidigt, indem sie die Parks nicht als religiöse
Indoktrination, sondern als reine „wirtschaftliche Jobmotoren“ für den
lokalen Tourismus deklarierten. Kentucky hat aktuell zwar mit Andy
Beshear einen demokratischen Gouverneur, aber eine überwältigende
republikanische Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus, die dieses
Modell stützt.
Antiwissenschaftsklima und Kulturförderung
Obwohl die Museumsschließung in Philadelphia nicht unter direktem politischem Druck geschieht, ist sie Ausdruck der zunehmend prekären wirtschaftlichen Lage von Bildungseinrichtungen in einem politischen Klima, in dem die öffentliche Finanzierung von Wissenschaft und Kultur unter dem Druck der ideologischen und budgetären Polarisation der USA steht. Im März 2025 hat das Bildungsministerium unter Trump der Drexel University (zusammen mit der Temple University) offiziell damit gedroht, Bundesmittel zu streichen. Grund dafür waren vornehmlich Untersuchungen im Nachgang der pro-palästinensischen Proteste und Campus-Camps, die die Trump-Administration vielerorts instrumentalisiert hat, um die Universitäten auf ihre DEI-Linie zu zwingen.
Themen, die MAGA nicht passen, geraten in den USA vermehrt in den Fokus politischer Budgetdebatten. Das gilt insbesondere auch für öffentlich geförderte Universitäten und mit ihnen verknüpfte wissenschaftliche und kulturelle Institutionen.
Konservative Plattformen und Politiker argumentieren häufig, dass sich Institutionen durch Ticketverkäufe oder private Spenden selbst tragen müsdten, sich andernfalls neu ausrichten, sich verkleinern oder schließen müssten. Aus Kreisen der MAGA-Bewegung wird die staatliche Subventionierung von Bildungs- und Forschungseinrichtungen oft kritisch hinterfragt, da diese als Teil eines „liberalen akademischen Establishments“ wahrgenommen werden. Im Zuge der Schließung in Philadelphia warnten Kritiker und Wissenschaftsaktivisten in lokalen Foren, dass der Rückzug aus der öffentlichen Wissenschaftskommunikation genau in eine Zeit passe, in der Bundesmittel für Forschung und öffentliche Gesundheit zur Disposition stehen.
Das ist keine ganz neue Entwicklung unter Don. Trump, wie etwa die Vorgänge um das Illinois State Museum 2015 oder republikanische Einmischung in Förderungen der NSF 2014 zeigen.
Gerade jetzt, wo es gilt Bildungsangebote zu fördern, um gegen antiwissenschaftlichen Unsinn anzugehen, kommt solch eine Schließung zur Unzeit und so wird sie in der US-Öffentlichkeit und in akademischen Kreisen zurecht politisiert.
Neue Perspektiven für die Saurier?
Philadelphias Bürger, Wissenschaftler und lokale Politiker reagierten schockiert über den Verlust dieses über 200 Jahre alten Kulturguts. Kritiker warfen Drexel Missmanagement vor und warnten davor, das öffentliche Gut einfach „aufzugeben“.
Um eine Eskalation abzuwenden, schalteten sich der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, und Philadelphias Bürgermeisterin, Cherelle Parker, ein. Sie setzten einen unabhängigen Vermittler (den Diplomaten David L. Cohen) ein, um eine neue Vereinbarung zwischen Drexel und dem Museumsvorstand zu verhandeln. Dadurch wurde kurz vor der Schließung dahingehend ein Kompromiss vorgeschlagen, dass das öffentliche Gebäude am Parkway zwar wie geplant Ende September 2026 geräumt wird, aber der Museumsvorstand das vertragliche Recht erhält, sich komplett von Drexel zu lösen, falls er neue Partner oder Geldgeber findet, um die Sammlung in Zukunft an einem anderen (kleineren) Ort wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Paradox!
Die Schließung ist keine kulturpolitische Hinrichtung durch MAGA,
sondern ein schleichender Tod aus Unterfinanzierung, Besucherschwund und
Universitätskrise. Gerade deshalb ist sie politisch. Während eine 213
Jahre alte Institution, die das erste freistehende Dinosaurierskelett
der Welt zeigte und damit Wissenschaft sinnlich machte, ihre Pforten
nicht mehr offen halten kann, expandiert wenige Bundesstaaten weiter ein
religiöses Freizeitunternehmen schuldenfrei – getragen von Großspenden,
Merch und gezielt erkämpften Steuervorteilen.
Was in Philadelphia verloren geht, ist nicht nur ein Haus mit
Dinosauriern, sondern das Prinzip des authentischen Objekts – das
Jefferson-Fossil, das Lewis-und-Clark-Herbarium, das
Hadrosaurus-Original, an dem man Fragen lernen konnte. Archäologie und
Paläontologie teilen dieses Pfund: Wir erklären die Welt nicht mit
Dioramen von spielenden Kindern neben Triceratops, sondern mit Befunden,
die wirklich da waren, die wir kontextualisieren und mit denen wir rekonstruieren. Wenn die öffentliche Hand diese Orte nicht mehr
finanziert, überlässt sie das Deutungsmonopol jenen, die es sich leisten
können und deren Interesse primär nicht der Bildung und dem Wohlergehen Aller ist. Kommerzialisierung von Museen und Bildungseinrichtungen macht Bildung zur Ware, deren Preis andere
festsetzen. Freies Phantasieren ist auch kostengünstiger als faktenorientierte wissenschaftliche Forschung.
Alter Ruhm schützt nicht. Öffentliche Relevanz muss immer
wieder erkämpft werden – und gerade dafür sind Museen wichtig. Das Problem ist, dass das Geld der Milliardäre und Populisten eher in lukrative Geschäfte wie kommerzielle Freízeitangebote anstatt in Bildung fließt, die ja auch kritisches Nachfragen provozieren könnte. Das Creation Museum verfügt über ganz andere finanzielle Ressourcen um eine Ausstellung zu inszenieren - und hat auch weniger Skrupel, konkrete Bilder zu präsentieren, als das seriöse Wissenschaftler*innen haben, die stets abwägen, welches Bild auch belegbar oder zumindest plausibel ist.
Es ist paradox: Das Museum, das schon 1868 zum Pionier moderner Wissenschaft wurde und nebenbei die Dinomanie
erfand, muss schließen, weil zu wenige kommen. Das 'Museum', das Wissenschaft mit Füßen tritt und Dinos
als Gefährten des Menschen zeigt, boomt bei den Besuchern.
Das ist ein Fall aus der USA, aber auch in Deutschland sind die Wissenschaftsverweigerer im Kommen. Stabil bleiben und zumindest mit seriöser, transparenter Forschung gegenhalten!
Quellen
Academy of Natural Sciences in Philadelphia
Kreationismus-Museum Kentucky
- See
how Answers in Genesis finances its Creation Museum and publishing
operation. WCPO Cincinnati 11.8.2016.
- https://www.wcpo.com/news/insider/see-how-answers-in-genesis-finances-its-creation-museum-and-publishing-operation
Wissenschaftsklima in den USA
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