Mittwoch, 20. März 2019

Werbung für die Zerstörung archäologischer Quellen

In England und Irland hat der Schokoladenhersteller Cadbury chocolatiers eine an Kinder gerichtete Werbekampagne mittels Schatzsuche gestartet.

Kinder werden begeistert, sich die Hände dreckig zu machen und mehr Schätze zu entdecken (“get your hands dirty to discover more”), mit Schätzen zu handeln (“the treasure’s fair game”), sich den Metalldetektor zu schnappen und Löcher in römische Fundstellen zu buddeln ( “grab your metal detector and go hunting for Roman riches”). Die Website gibt dazu eine Liste mit archäologischen Fundstellen, ohne Verweis darauf, dass Grabungen dort illegal sind. Nebenbei werden Kinder an Flußufer und ins Watt geschickt, was zu lebensgefährlichen Situationen führen kann.
Archäologen und Denkmalpfleger haben via social media reagiert und die Firma mit einhelligem Protest überzogen. Sie wird aufgefordert, die Kampagne zu stoppen und mit einer Spende die Arbeit der Denkmalpflege zu unterstützen.

  • Cadbury Treasure Hunt Fiasco. British Archaeology News Resource (17.3.2019). - http://www.bajrfed.co.uk/bajrpress/cadbury-treasure-hunt-fiasco/ mit Adressen, an die Protest geschickt werden kann
    “The Heritage of the UK and Ireland is a fragile resource, and the protection of this has seen a great deal of effort by many groups in the previous decades, it is unbelievable that all the careful work by thousands of dedicated professionals and amateurs, including children, should be so abused by this campaign. Our shared past is not built on gold or treasure, or digging holes across the country with no responsibility or care, it is by working with communities to carefully tease the story from the ground, responsibly and with respect.
Die Werbekampagne scheint offline.


(Foto: R. Schreg)
Immer wieder bewerben Medien das Abenteuer Schatzsuche mit sehr fragwürdigen Aktionen das Schatzsuchen mit der Sonde - oder bieten gleich, ohne Hinweise auf die Rechtslage und die potentielle Zerstörung historischer Quellen Metalldetektoren an, so jüngst Tschibo oder der online Buchhändler “humanitas-Versand“.

Frühere Fälle auf Archaeologik:

 

 

Aktueller Fall: Stern podcast

Nicht so schlimm wie die Cadbury-Kampagne, aber genauso unbedacht: Seit einigen Wochen gibt es beim Stern eine Podcastserie, die die Geschichte um die gefälschten Hitlertagebücher im Stern von 1983 darstellt und ganz selbstverständlich das Sondeln als harmlose Schatzsuche darstellt:
Die letzte Folge heißt "Auf Schatzsuche". Darin begleitet der Journalist und Sprecher des Podcasts Malte Herwig den Sammler Marc-Oliver Boger (https://www.kujau-kabinett.de/der-sammler/) bei einer "Schatzsuche" in einem Waldstück in Bayern. Dabei wollen sie mithilfe eines Metalldetektors und Grabungswerkzeugen mehreren vergrabenen Metallkisten aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Spur kommen. Auffallen wollen und dürfen sie dabei nicht, da Herr Boger schon einige Male von "misstrauischen Bauern vom Feld gejagt" worden sei. Dies deutet an, dass hier Privateigentum nicht respektiert wird, auch fällt kein Wort darüber, dass solche Nachforschungen gar nicht so ohne Weiteres erlaubt sind. Der Sammler-Sondengänger Boger sollte es eigentlich wissen müssen: Laut seiner Website hat er als Grabungsarbeiter beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg gearbeitet.

Sonntag, 10. März 2019

Museumsplünderung in Algier

Museum für Altertümer und islamische Kunst
(Foto: Yelles M.C.A.[CC BY SA 2.5]
via WikimediaCommons)
Am Rande der gewalttätigen Proteste gegen eine erneute Kandidatur des langjährigen, über 80jährigen algerischen Präsidenten Abd al-Aziz Bouteflika  wurde in Algier das Museum für Alterümer und islamische Kunst geplündert. Es seien „Gegenstände gestohlen und Büros der Museumsverwaltung angezündet“ worden. Das Museum liegt in der Nachbarschaft des Präsidentenpalasts.


Weiterer Link

Raubgrabung, Schmuggel, gefälschte Provenienzen – Ägyptens Kulturgut Anfang 2019

ein Beitrag von Jutta Zerres

Auch zu Beginn des Jahres liefert die Presseschau wieder viele Meldungen rund um den Schutz ägyptischer Kulturgüter. Offenbar ist es in den vergangenen Wochen vielfach gelungen den Schmuggel von Kulturgütern zu verhindern. Sehr bemerkenswert ist darüber hinaus die Rückgabe eines Sarkophages mit gefälschter Provenienz und Ausfuhrgenehmigung an Ägypten durch das Metropolitan Museum of Art.


Schmuggel

Am Kairoes Flughafen wurde der Versuch vereitelt, Teile von Mumien im Gepäck eines Reisenden nach Belgien zu schmuggeln:

Ein Sicherheitsdienst beschlagnahmte am Flughafen von Hurghada 26 Antiken, die illegal in die Türkei ausgeführt werden sollten:

Der Bruder des früheren ägyptischen Finanzministers und ein Diplomat stehen unter Verdacht an der illegalen Ausfuhr von Antiken nach Italien beteiligt zu sein, die im letzten Juli bekannt wurde.

Am Flughafen von Luxor gelang es den Schmuggel von Münzen und Pfeilspitzen aus griechisch-römischer Zeit zu verhindern:

Vom Hafen von Alexandria aus sollten Teile einer militärischen Ausrüstung des 9. Jahrhunderts ins Ausland verbracht werden: 


Raubgrabungen


Die ägyptische Polizei beschlagnahmte verschiedene Antiken bei einem 33jährigen Mann in Asyut. Der Beschuldigte hatte innerhalb seines Hauses eine Raubgrabung durchgeführt.


Auch unter einem Haus in der Nähe der Pyramiden von Gizeh wurden Raubgrabungen festgestellt. Dabei war eine Grabkammer freigelegt worden. Der Eigentümer dea Hauses wurde festgenommen: 


Auch im Haus eines Staatsangestellten in Minia wurde die Polizei fündig und stellte 65 antike Objekte sicher: 

Restitutionen


Die ägyptische Botschaft in Australien erhielt den vierten und letzten Teil der Stele des Seshen-Nefertem zurück, die vor über 20 Jahren geraubt worden waren. Die übrigen drei Teile waren bereits 2017 aus der Schweiz repatriiert worden: 


Das New Yorker Metropolitan Museum of Art verkündete am 15.2.19 die Rückgabe des Sarkophags des Hohen Priesters Nedjemankh aus ptolemäischer Zeit an Ägypten. Untersuchungen hatten ergeben, dass die Provenienzangaben und die Ausfuhrgenehmigungen des Stückes, das 2017 von einem Pariser Antikenhändler angekauft worden war, gefälscht waren. Tatsächlich war der Sarkophag 2011 geraubt worden. 

An den ägyptischen Botschafter in Amsterdam wurde eine Kalksteinstatue zurückgegeben, die in den 1990er Jahren illegal ausgegraben worden war und dann in die Niederlande gelangt war: 

Massnahmen gegen illegale Landnahme


Die ägyptische Regierung hat begonnen, durch Abrissmassnahmen die Ausbreitung von Slums im Gebiet eines 1200 Jahre alten Friedhofs im Kairoer Viertel Bassatine zu verhindern.


Teile der Lehmziegelmauer zum Schutz des Khnum-Tempels von Esna brachen am 13.2.19 zusammen. Grund dafür war das Eindringen von Abwässern eines benachbarten Slumviertels. Die Mauer war 1993 errichtet worden, um die Ausbreitung des Viertels in das Gebiet des antiken Tempels zu verhindern. Der Wiederaufbau soll in Angriff genommen werden. 

Tempel von Esna
(Foto: J. Zerres, Januar 2013)


Baudenkmalpflege


Bulgarische Touristen hatten mit Entsetzten Anfang Januar ein Graffito in kyrillischer Schrift an der großen Pyramide von Gizeh entdeckt und ein Foto davon in sozialen Netzwerken gepostet:.

und sonst …


2014 wurde viel über den Verkauf der Statue des Sekhemka aus dem Stadtmuseum von Northampton berichtet worden, der großen Unmut bei Denkmalschützern in Großbritannien und darüber hinaus erregt hatte. Nun wurden neue Details zum Hergang des Verkaufs bekannt (Archaeologik berichtete: http://archaeologik.blogspot.com/2014/08/good-bye-sekhemka-agyptens-kulturguter.html

Egypt Today, 14.2.2019 berichtet, dass der prominente Ägyptologe Zahi Hawass die Rückgabe von herausragenden Stücken, die sich in ausländischen Msueen befinden wie z. B. dem Stein von Rosette, der sich im British Museum befindet und dem Kopf der Nofretete aus Berlin fordert:  

Interne Links

Samstag, 9. März 2019

Leichenhandel

Ein Würzburger Auktionshaus bietet heute - 9.3.2019 - auf einer Auktion einen übermodellierten Ahnenschädel aus Papua-Neuguinea an:
Das Angebot ist moralisch und rechtlich mehr als fraglich:
Es handelt sich um menschliche Leichenteile, deren Handel zwar offenbar nicht grundsätzlich explizit verboten ist, der aber  eindeutig gegen die guten Sitten verstößt, womit das Rechtsgeschäft ungültig sein müsste (BGB, §138, Abs. 1). 

In einem ähnlichen Fall 2014 in München kam das Bestattungsgesetz zur Anwendung und verhinderte eine entsprechende Auktion.

Es ist davon auszugehen, dass solche Ahnenschädel von der ursprünglichen Gemeinschaft nicht freiwillig in den Handel gegeben wurde, sondern ein Fall von geraubtem Kulturgut vorliegt. Die im Netz zugänglichen Provenienzangaben reichen zuverlässig nur bis 2013 zurück, als der Ahnenschädel in Brüssel versteigert wurde (Katalog online). Davor soll er in Privatbesitz und seit etwa 1960 in einer niederländischen Galerie gewesen sein. Der Schädel wurde also nach 2007 nach Deutschland eingeführt, insofern müsste hier auch das neue Kulturgutschutzgesetz greifen.
Ahnenschädel aus Papua-Neuguinea, Ethnographic Collection Wellcome Library, London
(Foto: WellcomeImages [CC BY 4.0 ] via / WikmediaCommons)

In öffentlichen Museen wird derzeit heftige Anstrengungen unternommen, der Kunsthandel zeigt sich unberührt und handelt fröhlich mit Leichenteilen:

Es sind übrigens zum Teil dieselben Akteure, die auch mit Antiken handeln.

Freitag, 8. März 2019

SABA 2019 rückt näher!

Bekanntermaßen findet vom 25. – 27. April 2019 in der Weltkulturerbestadt Bamberg SABA 2019 statt.

SABA ist ein von Studierenden für Studierende ausgerichtetes Symposium, das es “angehenden Wissenschaftler_innen ermöglichen [soll], ihre Bachelor- oder Masterarbeit zu präsentieren und sich an einem konstruktiven Diskurs zu beteiligen." SABA trägt dazu bei, dass Studierende lernen, Forschungsarbeiten auf Tagungen, ggf. auch auf Englisch zu präsentieren.


SABAs meinen übrigens “Jeder ist willkommen. Anmeldung einfach formlos an die eMail Adresse info.saba19@gmail.com ist aber keine Pflicht, hilft uns nur beim Planen.“
Jetzt gibt es mehr Info zum Programm:


Tagungsprogramm

Call for Posters“

und weiterhin auf
dem Blog
und Twitter

Interner Link


Mittwoch, 6. März 2019

Archäologie, die begeistert: Das Sensationsnarrativ "älter, größer, wichtiger"

In Forchheim haben Grabungen am Rathaus möglicherweise das Umfeld des aus der schriftlichen Überlieferung bekannten Areals von Pfalz und Königshof erfasst. Prinzipiell ist das keineswegs eine Sensation, denn die schriftlichen Quellen berichten sehr deutlich von der frühmittelalterlichen Bedeutung Forchheims.
805 begegnet Forchheim im Diedenhofener Kapitular Karls des Großen als ein wichtiger Handelsplatz für den Handel mit den Slawen im Osten. Belegt sind mehrere Königswahlen, so 900 die Wahl von Ludwig dem Kind, die Wahl Konrads I. 911 und schließlich 1077 die Wahl Rudolfs von Rheinfelden als Gegenkönig gegen Heinrich IV.  Dass irgendwann irgendwo in oder bei Forchheim die Reste von Königshof/Pfalz angetroffen werden, war also zu erwarten. 
Rathaus Forchheim
(Foto: R. Schreg, 2019)

Das ist nun aber die wissenschaftliche Sicht. Wenn der Grabungsleiter Claus Vetterling davon spricht, die  aktuellen Grabunsgergebnisse  könne man in jedem Fall "als sensationell betrachten", so ist das dennoch nicht falsch, denn der Bezugsrahmen ist ein anderer. Zum einen geht es konkret um die noch offene Frage, ob die Grabungen eher den Hinterhof mit Gruben und Pfosten eines Handwerksviertels oder eben einen Teilbereich des Königshofs erfasst haben, an dem zahlreiche Handwerker beschäftigt worden waren. Zum anderen geht es um die lokalhistorische Perspektive, für die das Materielle der archäologischen Funde eine größere Realität und Vorstellungskraft schafft, als die für das Publikum sehr abstrakten, kaum lesbaren Schriftquellen. Es klärt sich auch die historische Topographie, die aus einer Lokalperspektive natürlich nochmals ganz wesentlichen Einfluß auf die Wahrnehmung der Heimatstadt haben kann.

Die aktuelle Meldung zur Grabung zeigt, wie die greifbaren archäologischen Funde eine Begesiterungskraft entfalten können, wenn sie, wie im vorliegenden Fall wohl geschehen, von den Kollegen geschickt kontextualisiert und präsentiert werden. 
"Als Claus Vetterling am Donnerstag die Stadträte über den Stand der Grabungen informierte, wurde sein Vortrag plötzlich von Applaus unterbrochen. Nämlich genau in dem Moment, als Vetterling sagte, dass 'die Funde auf ein Zentrum in Forchheim hindeuten, das bedeutender als Bamberg sein könnte'." 
Dass dieses Sensationsnarrativ aber kritisch ist, weil es eben von sehr unterschiedlichen Assoziationsrahmen  abhängt, zeigt das Beispiel auch. Die in der Archäologie häufige Meldung "älter, größer, wichtiger" zieht eben auch nur in einem bestimmten Rahmen und hängt auch von modernen Befindlichkeiten ab.

Literaturhinweis

M. Hoffmann (Hrsg.), Forchheim - älter als der Rest?! Begleitheft zur Ausstellung im Pfalzmuseum Forchheim vom 19.07.-28.10.2018 (Bamberg 2018).
 

Samstag, 2. März 2019

Gefängnisstrafe fürs Absammeln archäologischer Stätten

Zehntausende Artefakte von präkolumbischen archäologischen Stätten auf öffentlichem Grund hat ein Sammler zusammengetragen - ohne Genehmigung und Dokumentation. Das Gericht verurteilte des Sammler zu mehr als einem Jahr Gefängnis. Nach Expertenurteil geht es um einen “irreplaceable loss of unique historical information.” 
Ein Vertreter der 'indianischen' indigenen Washoe Gemeinschaft in Kalifornien und Nevada spricht davon, dass die illegalen Grabungen ihre Vergangenheit vernichtet hätte und ihne Möglichkeiten einschränke, ihren Kindern etwas von ihrer Geschichte und Kultur zu vermitteln. 

Änderungsvermerk (2.3.): bessere Ausformulierung

Freitag, 1. März 2019

"Wenn eine Fundstelle befreit wurde, ist sie noch lange nicht sicher" - Kulturgut in Syrien und Irak (Januar 2019)

Anfang 2019 sollen nun die letzten Gebiete von Daesh befreit sein.  Das Interesse an Syrien und Irak erlahmt zusehends. Die Geschichten des Wiederaufbaus, der ja keineswegs in einem Frieden stattfindet, sind offenbar zu wenig "explosiv" und erschreckend alltäglich. Das Land liegt in Ruinen und wieder gewinnt das Kulturerbe propagandistischen Wert - allerdings nicht zuletzt für das Ausland und die staatlichen Institutionen, auch des syrischen Assad-Regimes. 
Humanitäres Engagement lässt sich heute gut mit der Denkmalpflege in Szene setzen. Jedenfalls bemängelt das ein  bereits im dezember 2018 erschienener Beitrag der Plattform The Hyperallergic. Er berichtet aus Mosul, wo am 17.Dezember 2018 zum einen der Beginn der Restaurierungsarbeiten an der Al Nusri-Moschee berichtet wurde (https://www.npr.org/2018/12/17/677291063/iraq-lays-cornerstone-to-restore-al-nuri-mosque-as-mosul-rebuilds), zum anderen aber die unbeachteten Nöte der Einwohner thematisiert wurden, die hungern und in der zerstörten Stadt ohne vernünftige Wohnungen leben (https://www.newyorker.com/magazine/2018/12/24/iraqs-post-isis-campaign-of-revenge). Weil die Einwohner von Mosul während der Daesh-Herrschaft mit diesen sympathisiert hätten, würde der irakische Staat den Wiederaufbau nun aus Rache verschleppen und sich stattdessen lieber publikumswirksam mit Unterstützung der UNESCO um den Wiederaufbau der kulturellen Monumente bemühen.


Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Mosul

Erste Ausstellung nach der Zerstörung des Museums:
Finanzielle und materielle Unterstützung für Mosul von allen Seiten

    Palmyra



      Aleppo

      Schadensbilder, gepostet via facebook

      Schadensmeldungen

      Seit Mai 2018 ist keiner der Weekly/Montly Reports von ASOR mehr erschienen. Auch der Damage Newsletter der Gruppe Heritage for Peace erscheint nun deutlich seltener. War er in den vergangenen Monaten alle zwei Wochen erschienen, liegt für den Zeitraum Januar/Februar 2019 nur ein Damage Newsletter vor:

      Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit

      Stipendien für Museums-Wissenschaftler aus Syrien, Irak, Lybien und Jemen für einen Forschungsaufenthalt am  bei der Association for Research into Crimes against Art (ARCA) in Italien 
      Wissenschaftliches Asyl in Jena:
      Ausstellung im Pergamon-Museum
        Die 3D-Illusion. Die originale Quelle ist trotzdem futsch:
        Kulturerbe war Thema bei Staatsbesuch des italienischen Premierministers Conte im Irak:
        Ein Überblick über die Schäden anläßlich einer Ausstellung im Institut du Monde Arabe in Dubai:

        Antikenhehlerei und Kunsthandel

        "Eckhard Laufer, a participating police officer from Germany, said many private collectors and some museums often did not question the provenance of artifacts. “It is one of the biggest problems in crime.”"
        "Deslandes said sites inside Iraq were still at risk. “When a site is liberated, it doesn’t mean the looting has finished."”
        Aufregung um den Verkauf von Reliefs aus dem Palast von Ashurnasirpal II in Nimrud, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Newbattle Abbey in Schottland befunden haben - lange Zeit galten sie als kitschige Repliken, ehe 2006 ihre Echtheit bestätigt wurde und sie nun des Geldes wegen, das man für den Erhalt des Gebäude bräuchte, ins Ausland an einen ungenannten Käuferverkauft wurden. Interessanterweise hält gerade das BM den Verkauf für anrüchig, weil damit nationales Kulturerbe verhökert würde - den Ankauf im Bagdad wird aber nicht hinterfragt.
        Rückgabe von während des Irakkriegs gestohlenem Museumsgut
        aus Jordanien:

         Weitere Berichte

        Zum Tod der irakischen Archäologin Lamia Al-Gailani

          Vor dem Krieg:

          Links

          frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak


        • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
          - Stand April 2017



        • Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.  
           

                Dienstag, 19. Februar 2019

                Ist das eine Quelle? - oder kann das weg?

                Was muss man archivieren? 
                Ergibt sich das Problem nur aus den Quantitäten, oder nicht auch aus kaum noch reflektierten Standardfragen, die insbesondere in der Rettungsarchäologie einfach abgearbeitet werden, ohne klare Strategie, wie denn die Auswertung anschließend aussehen soll? 
                Sind die Scherben noch wichtig oder brauchen wir heute nicht eher die Mäusezähne? Oder eben doch beides?

                Eine Lösung für das Platzproblem wird kosten - dafür müssen wir aber auch klarer zeigen, was am Ende heraus kommt. Was bringt uns in einer stadt die 300. Latrine in einer Stadt? Nichts, wenn wir nur die klassische Typologie betreiben, aber sehr viel, wenn wir nach sozialen Lebenswelten fragen.

                Freitag, 8. Februar 2019

                Mönche als Pioniere in der Wildnis

                Die Zisterzienser gelten als besonders engagiert bei Rodung und Urbarmachung im Rahmen des mittelalterlichen Landesausbau. Auch ihren frühmittelalterlichen Vorgängern beispielsweise im Schwarzwald wird nachgesagt, dass Klöster gezielt zur Sicherung und Erschließung ganzer Landschaften angelegt wurden. Neben diesem weltlichen Aspekt tritt aber auch der der kontemplativen Einsamkeit, indem bewusst die Einsamkeit in der Wildnis gesucht wurde.

                Kloster Bebenhausen
                (Foto: R. Schreg)
                Landschaftsarchäologische Studien an Klöstern aus Südwestdeutschland (u.a. Bebenhausen, Eußerthal, Faurndau)  helfen, Ideal und Wirklichkeit zu durchschauen. Vielfach zeigt sich, dass wir eine frühere Landnutzung annehmen müssen, die aber kaum in den Schriftquellen aufscheint und wohl systematisch ausgeblendet wurde. Dies erinnert an den kolonialistischen Umgang mit der einheimischen Bevölkerung, deren Lebens- und Wirtschaftsweise oft auch heute noch nicht ernst genommen wird.

                Dazu nun erschienen und open access online:


                Montag, 4. Februar 2019

                Petition zum Erhalt des Römerlagers Wilkenburg

                Seit 1990 ist durch Luftbilder bei Wilkenburg im Leine-Tal südlich Hannover ein römisches Marschlager bekannt, das im Bereich einer geplanten Auskiesung liegt. Aus einer örtlichen Römer AG Leine (RAGL) ging nun eine Petition auf den Seiten des Niedersächsischen Landtags an den Start. Sie steht 6 Wochen bis zum 15.3.2019 zur Zeichnung offen und ist auf 5000 Mitzeichner angelegt, die erforderlich sind, damit sich der Petitionsausschuss des Landtages in einer mündlichen Anhörung mit dem Thema befasst.
                Zum Hintergrund der Petition:
                Grabungsschnitt mit ausgeschältem Spitzgraben
                (Foto Axel Hindemith [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

                Das öffentliche Intersse und Engagement ist der Unterstützung wert, auch wenn die Berufung auf "unsere geschichtlichen Vorfahren, die germanischen Cherusker" etwas konstruiert und wissenschaftlich befremdlich wirkt.

                Erste Medienresonanz

                Links

                Samstag, 2. Februar 2019

                Alte Gene und ihre Probleme

                Genetische Studien sind hipp - und in Vielem tatsächlich ein entscheidender Durchbruch für unser Bild der Vergangenheit. Leider gibt es einige Probleme, angefangen mit der Ethik der Beprobung, über die sensationsheischende Vermarktung durch populäre Vorabveröffentlichung bis hin zur unreflektierten Stärkung alter Rasseideen, die den menschenverachtenden und ausgrenzenden Ideen der Neuen Rechten vermeintlich wissenschaftliche Argumente liefern.
                Hier einige Beiträge der letzten Wochen und Monate:
                • M. E. Prendergast/E. Sawchuk, Boots on the ground in Africa's ancient DNA ‘revolution’. Archaeological perspectives on ethics and best practices. Antiquity 92/363, 2018, 803–815. -  DOI: 10.15184/aqy.2018.70.
                • F. A. Kaestle/K. A. Horsburgh, Ancient DNA in anthropology. Methods, applications, and ethics. American Journal of Physical Anthropology 119/S35, 2002, 92–130. -  DOI: 10.1002/ajpa.10179. 
                • S. Eisenmann/E. Bánffy/P. van Dommelen/K. P. Hofmann/J. Maran/I. Lazaridis/A. Mittnik/M. McCormick/J. Krause/D. Reich/P. W. Stockhammer, Reconciling material cultures in archaeology with genetic data. The nomenclature of clusters emerging from archaeogenomic analysis. Scientific Reports 8/1, 2018, 13003. -  DOI: 10.1038/s41598-018-31123-z.

                Skelettreste in den Katakomben von paris
                (CC0 via https://pxhere.com/de/photo/575209)

                Interne Links zum Thema

                Dienstag, 29. Januar 2019

                „Circulating artefacts“ - British Museum gründet Task Force gegen illegalen Handel mit Aegyptiaca

                Ein Beitrag von Jutta Zerres

                Das renommierte British Museum in London hat sich mit der Einrichtung eines internationalen Expertenteams zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Antiken aus Ägypten und dem Sudan einer neue Aufgabe gestellt. Das Projekt beginnt offiziell im Februar und trägt den Namen „Circulatiing artefacts“. Es sollen sowohl frisch ausgegrabene Stücke aufgespürt als auch Provenienzgeschichten von Funden, die nach 1970 (also nach dem Inkraftreten des UNESCO-Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut 1970“) in Umlauf gekommen sind, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Basis der Recherche bildet eine Datenbank, die legale und illegale Fund sowie solche mit unbekanntem Status enthält und Querverweise ermöglicht. Sie soll öffentlich einsehbar sein und jedermann kann sich mit Hinwesen und Bildern an Aufbau beteiligen. Im Fokus der Beobachtung stehen neben Auktionshäusern und Sammlern auch Internetplattformen wie Ebay. Das Team steht in engem Kontakt zu Experten in Kairo und Khartoum und arbeitet mit Scotland Yard und den Zollbehörden zusammen. Britische Fachleute begrüßen unter Verweis auf ihre Erfahrungen mit der Nachlässigkeit des Kunsthandels bei der Überprüfung von Provenienzen die Einrichtung der Expertengruppe.
                Eingangshalle des British Museum London
                (CC0 via Pixabay.de)
                Nur ein einziger Fall aus Deutschland, der 2015 bekannt wurde, mag hier exemplarisch angeführt sein, der die Wichtigkeit dieser Massnahme unterstreicht:


                Änderungsvermerk (31.1.2019): Fehler im Titel und Text korrigiert (circulating statt falsch circulation)

                Sonntag, 27. Januar 2019

                "Unsere Erinnerungskultur bröckelt" - #HolocaustRemembrance

                Zum Holocaust-Gedenktag am 27.1.2019 hat Bundesaußenminister Heiko Maas für die Welt am Sonntag einen Gastbeitrag verfasst. Er warnt vor einem Brökeln der Erinnerungskultur unter dem Druck der Rechtsextremen und beklagt das "Unwissen gerade der jungen Deutschen". 

                Bald werden keine Zeitzeugen mehr von der Pogromnacht berichten können, bald wird es keine Holocaust-Überlebenden mehr geben. "Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können." Maas weisst aber auch auf die wachsende zeitliche Distanz hin, die dazu führt, dass für den, der heute geboren ist, für den (...) etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt" sei, wie bei seiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck.

                Die Konsequenz daraus ist, dass  die Gedenkkultur daran angepasst werden muss. Natürliche lassen sich mit dem Medium der Schrift, der Ton- und Filmdokumente Unterrichtsmaterialien schaffen, aber eine Betroffenheit lässt sich damit nicht erreichen. "Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden."

                Einfahrt ins KZ Auschwitz
                (Bundesarchiv, Bild 175-04413
                [CC-BY-SA] via WikimediaCommons)

                "Die Archäologie der Zeitgeschichte hebt verdrängte oder schlicht vergessene Vorgänge verschärft ins Bewußstein. Der Spaten holt Geschichte in die Gegenwart zurück." schrieb schon 1988 der Münchner Zeithistoriker Ulrich Linse mit Blick auf die NS-Zeit. "Geschichte meint eben nicht nur Tod und Ende, sondern auch die Pflege der Erinnerung, das Fortleben im Gedächtnis. Aufdecken und Rekonstruieren, Bewahren und Schützen sind hier Mittel, die das stete Verlebendigen und Vergegenwärtigen der Vergangenheit bewirken möchten." Das war damals schon ein Plädoyer für eine Archäologie der Zeitgeschichte, die inzwischen an Bedeutung gewonnen hat. Archäologie der Zeitgeschichte wurde hier in Zusammenhänge der Erinnerungsarbeit und der Geschichtsdidaktik gerückt, ein Thema, das in vielen neueren Publikationen zu Tatorten oder der Archäologie des Terrors ausgesprochen blass bleibt.

                Die Auseinandersetzung mit derVergangenheit - egal ob 6000 Jahre zurück oder 75 - hat immer eine gesellschaftspolitische Dimension, denn sie vermittelt immer auch Menschenbilder. Insofern ist Archäologie ein wichtiger Teil der Umweltbildung, wie auch der politischen Bildung. In der Archäologie der Zeitgeschichte ist dies eine immer wichtigere gesellschaftliche Aufgabe.

                Wenn Heiko Maas eine Anpassung der Gedenkkultur anmahnt, so gehört dazu, dass die jungen Generationen mit unmittelbaren Zeugnissen der NS-Zeit konfrontiert werden müssen, wenn sie keine Überlebenden mehr persönlich treffen können. Da reicht es aber nicht, wenn die Archäologie in gewohnter Weise ihre Notgrabungen durchführt und Fundkataloge publiziert. Hier müssen andere Formate gefunden werden, bei denen Wissenschaftler Schüler und Bürger an Fundorte der NS-Zeit heranführen - die Archäologie kann und muss sich in diese Anpassung der Gedenkkultur einbringen.

                Literatur


                Samstag, 26. Januar 2019

                Privatisierung griechischen Kulturerbes (nur) teilweise abgewendet

                Die Privatisierung des Kulturerbes in Griechenland in Rahmen der Maßnahmen gegen die Staatsverschuldung ist zumindest teilweise abgewendet. 

                Der Weiße Turm in Thessaloniki
                (Foto:  Berthold Wenner [CC BY SA 3.0]
                via WikimediaCommons)
                Erst vor Kurzem hatte der griechische Finanzminister Euclid Tsakalotos verkündet, dass  2,330 historischen Stätten der griechischen Vermögensverwaltung (PPCo SA) zur Vermarktung übertragen werden, um diese wirtschaftlich zu nutzen. Nun hat die griechische Regierung auf Proteste von Archäologen und Denkmalschützern reagiert und "Hunderte" archäologischer Fundstellen wieder aus dem Staatsvermögen gestrichen. Im Oktober 2018 hatten Museen und archäologische Stätten aus Protest geschlossen; betroffene Gemeinden hatten protestiert. Angesichts der nach wie vor großen Staatsverschuldung Griechenlands drohte eine Privatisierung und “Disneyfizierung” vieler Fundstellen. Eine genaue Liste der betroffenen historischen Stätten wurde nicht vorgelegt, doch ist speziell vom minoischen Palast von Knossos auf Kreta sowie dem Weissen Turm in Thessaloniki die Rede, aber auch von den wichtigsten archäologischen Stätten des Landes, darunter UNESCO-Weltkulturerbe.
                Mit der jetztigen Entscheidung scheinen nur die prominentesten Stätten aus der Verwaltung der PPCo herausgenommen zu sein, was mit den zahlreichen anderen passiert scheint nach den vorliegenden Medienberichten unklar.

                Olympia
                (Foto: R. Schreg 1991)
                Die griechische Vermögensverwaltung PPCo SA (http://www.etasa.gr/versions/eng/page.aspx) wurde im Rahmen der griechischen Finanzkrise geschaffen. Sie gehört zu 100% der Hellenic Corporation of Assets and Participations (HCAP) S.A. (http://www.hcap.gr/?q=en), die von einem Board of Directors geleitet wird. In diesem Board sind ausschliesslich Banker und Finanzexperten vertreten, soziale, ökologische oder kulturelle Expertise fehlt hier vollständig. Dementsprechend dürften die Erwartungen an einen kompetent-verantwortungsvollen Umgang mit den Vermögenswerten nicht allzu hoch anzusetzen sein. Die HCAP untersteht nur bedingt staatlicher Kontrolle, sondern soll vielmehr im Interesse der Gläubigher dafür sorgen, dass aus dem staatlichen Besitz bestmöglicher Profit geschlagen wird.  Zahlreiche griechische Staatsbetriebe wurden über HCAP privatisiert.

                Archäologische Funde als Vermögenswerte

                Die Problematik, die sich aktuell in Griechenland zeigt, tritt immer wieder auf, wenn etwa Museen aufgefordert werden, Teile ihrer Bestände aus wirtschaftlichen Gründen zu verkaufen (vergl. Kultur als Kapital. Archaeologik [12.2.2014]).

                In ihrer Bedeutung als historische Quelle und Teil der historischen Erinnerung gehören archäologische Funde ethisch gesehen der Öffentlichkeit. Fragwürdig ist es aber, wenn sie zu Vermögenswerten erklärt werden, da sie damit auch zur Deckung von Staatsschulden herangezogen werden können. Die Idee, sie gegebenenfalls auch zu verkaufen, liegt da nicht mehr weit. Eine finanzielle Bewertung archäologischer Funde ist indes gar nicht möglich, denn “Marktwerte” folgen irrelevanten Kriterien, die sich an meist privaten Sammlern orientieren. Die Hoffnung, dass durch Schätzwerte auch eine Wertschätzung der Funde durch Politiker ergebe, ist wohl eher illusorisch, zu groß scheint das Risiko, dass man versucht, wie nun eben in Griechenland, sie als gewinnbringende Investition zu nutzen und zu kommerzialisieren, was immer auf Kosten der Originalsubstanz und des Quellenpotentials geht.
                Übrigens wurden in den vergangenen Jahren auch in verschiedenen deutschen Bundesländern, so in Baden-Württemberg oder Hessen archäologische Funde in Museen, aber auch Depots der Denkmalpflege geschätzt, um die Vermögenswerte zu bestimmen.

                Donnerstag, 17. Januar 2019

                Eine Million!

                Gestern hat Archaeologik nach der Google-Zählung die Marke von einer Million Zugriffe genommen. Die halbe Million war am 28.2.2016 erreicht worden. Nachdem ich laufenden Monat etwas mehr Blogposts eingestellt hab, liegen die täglichen Zugriffszahlen bei rund 250.

                Montag, 14. Januar 2019

                Die Archäozoologie der Pest - #ArchInf

                Ptolemaios Dimitrios Paxinos
                Die Archäozoologie der Pest. 
                Die Auswirkungen des Schwarzen Todes (1347-1350) auf Tierhaltung und Viehnutzung im Gebiet des heutigen Deutschland
                Documenta Archaeobiologiae 12
                Rahden: Leidorf 2017.

                Hardcover, 318 S., 101 Abbildungen, 81 Tabellen.
                ISBN 978-3-89646-628-0

                Rezension im Original in:
                Archäologische Informationen 42, 2019, im Early View, online publiziert 12. Jan. 2019 im Early View als PDF unter CC BY 4.0


                Die Archäobiologie hat in den vergangenen Jahren wichtige neue Beiträge zur Geschichte der Pest geliefert. Genetische Studien haben das Bakterium Yersinia pestis als Erreger des Schwarzen Todes im 14. Jahrhundert bestätigt, dabei aber auch gezeigt, dass es kurz vor dem beprobten Massengrab von London-Smithfield zu einer Mutation des Erregers gekommen ist (Bos u. a., 2011; Bos u.a., 2012). Damit stellt sich die Frage nach den Voraussetzungen der Epidemie und speziell nach dem Einfluss der Kulturlandschaft. Diese war nach dem sog. Landesausbau und den regional verschiedenen Prozessen der Dorfgenese in den vorausgehenden Generationen unter den Bedingungen der beginnenden Kleinen Eiszeit im 14. Jahrhundert starkem ökologischem Stress ausgesetzt. Langfristige Veränderungen ihrer Biotope, aber auch kurzfristige Extremwetter wie die sog. Magdalenenflut kurz vor der Ernte 1342 haben sicher auch die Nager als Reservoir und Überträger von Yersinia pestis – die ja eigentlich eine Nagerkrankheit ist – betroffen.
                Das Thema der Dissertation von Ptolemaios Dimitrios Paxinos sind aber weder die archäogenetischen Nachweise von Yersinia pestis noch die Voraussetzungen oder Auswirkungen des Schwarzen Tods selbst. Ziel ist es vielmehr, mit den Methoden „konventioneller“ zooarchäologischer Forschung zur Pest herauszufinden, wie die Menschen mit der viel umfassenderen Krise umgegangen sind. Welche mittel- und langfristigen Veränderungen ergaben sich daraus für Viehwirtschaft und Ernährung? Ob man die Entwicklung des 14. Jahrhunderts tatsächlich als „Krise“ begreifen möchte oder nicht (Schreg, 2011), spielt hier eine untergeordnete Rolle.
                Paxinos gliedert seine Arbeit in vier Teile. Teil 1 umfasst die Einführung in das Thema, die Darstellung der Quellenlage und der angewandten Methoden (S. 15-46). Teil 2 (S. 47-78) präsentiert die regionale Skalenebene, für die die Untersuchungen an den Tierknochen zweier konkreter Fundplätze vorgestellt werden. Das sind zum einen der Kölner Dom und zum anderen der Fischmarkt in Konstanz, wobei Paxinos erstere auf Grundlage eigener Bestimmungen, letztere auf Basis der Publikation von Priloff (2000) sowie der zur Verfügung gestellten Primärdaten analysiert.
                Teil 3 (S. 79-118) betrifft die überregionale Ebene und vergleicht dazu die Tierknochenfunde von 173 Fundplätzen. Der abschließende Teil 4 (S. 119-138) liefert die Diskussion der Befunde und schließlich folgt ein umfangreicher Anhang mit Tabellen, aber ohne Bereitstellung weiternutzbarer digitaler Daten.
                Das methodische Vorgehen, um einen aussagekräftigen Vorher-Nachher-Vergleich zu erhalten, ist schlau ausgeklügelt. Paxinos teilt seine Fundkomplexe in vier Perioden A bis D (S. 33 ff.), die jeweils weiter in 50-Jahresblöcke unterteilt werden – außer Periode B, welche die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, also die Zeit unmittelbar nach der großen Pestepidemie von 1347 ff. umfasst. Bei diesem Perioden-System handelt es sich nicht um relativchronologische Stufen, wie wir sie als Archäologen gewohnt sind, sondern um eine Klassifikation der Fundkomplexe nach ihrer absoluten Datierung und der Möglichkeit ihrer chronologischen Zuweisung. Periode A bezeichnet im Allgemeinen den Zeitraum vor dem Schwarzen Tod. Er ist in vier Stufen unterteilt, wobei die Perioden A2 bis A4 den besonders relevanten Zeitraum zwischen 1200 und 1350 abdecken.
                Periode A1 ist länger als die sonst angesetzten 50-Jahresschritte, da in der Realität viele, nämlich 57 Fundkomplexe auch noch ältere, frühund hochmittelalterliche Knochen beinhalten, die eben in dieser Periode A1 zusammengefasst sind.
                Periode B beschränkt sich allein auf den kurzfristigen Zeitraum unmittelbar nach dem Schwarzen Tod, in dem sich Bevölkerungsrückgang und Wüstungsprozess fortsetzten. Daten, die in diese Periode fallen, zeigen also die kurzfristigen Auswirkungen der Pest. Nur in zwei Fundkomplexen – in dem des Kölner Doms und dem des Fischmarkts in Konstanz, die in Teil 2 detailliert ausgewertet werden – lassen sich tatsächlich Funde auf Periode B eingrenzen. Periode C ermöglicht mit insgesamt 19 Fundkomplexen die Erfassung langfristigerer Trends, da sie zweigeteilt das 15. Jahrhundert umfasst. Insgesamt 17 Komplexe sind dem 16. Jahrhundert als Periode D zuzuweisen.
                Fundstellen mit geeigneten chronologisch differenzierbaren Funden des 14. Jh. sind also nicht besonders häufig. Auch Köln und Konstanz spiegeln aufgrund der jeweiligen Sekundärablagerung in der Kirche bzw. einer Landgewinnung am Seeufer nicht unmittelbar das Konsumverhaltens eines einzelnen Haushalts. Hinzu kommt, dass Handwerkerabfälle eine besondere Rolle spielen. So ist es trotz zahlreicher stadtarchäologischer Grabungen bisher nur bedingt gelungen, eine solide Datenbasis zu schaffen, die für eine gezielte übergreifende Fragestellung, wie sie Paxinos verfolgt, wirklich ausreichend wäre. Die besonders wichtigen Funde aus ländlichen Siedlungen fallen für eine Auswertung sogar völlig aus. Paxinos stellt S. 88 fest, dass sich die Datenbasis für ländliche Siedlungen gegenüber der Synthese von Benecke (1994) vor fast 25 Jahren kaum verbessert habe. Ländliche Siedlungen sind v.a. nach 1350 noch immer unterrepräsentiert (S. 33), obgleich die Wüstungsforschung seit dem 19. Jahrhundert ein nicht ganz unwesentliches Forschungsfeld darstellt. Angesichts des immensen Zuwachses denkmalpflegerischer Maßnahmen im Rahmen der immer wichtigeren privatwirtschaftlichen Archäologie ist das sehr bedenklich, denn offenbar gelingt es nicht, die zahllosen Rettungsgrabungen effektiv als historische Quellen in Wert zu setzen. Problematisch ist auch, dass gerade Latrinen und Brunnen, die Archäologen immer als besonders spannend erachten, im Hinblick auf die Praxis der Tierhaltung kaum auszuwerten sind, da hier besondere Prozesse einer primären Formation vorliegen.
                Paxinos vergleicht auf Basis dieser chronologischen Einteilung (sowie einer regionalen Differenzierung) die Statur der Tiere, repräsentiert durch Robustheit und Widerristhöhe, die Geschlechtszusammensetzungen und die Altersspektren.
                Die Analyse der Daten zeigt vielfältige Veränderungen auf. Das Rind beispielsweise nimmt in den Perioden A1 bis A3 mehr als die Hälfte des Fundmaterials ein, sinkt in Periode A4 bis B auf 44 % und steigt im 15. Jahrhundert kurzfristig auf 46,7 %, ehe es in Periode D nur noch bei 37,5 % liegt (S. 91). Auffallend – aber noch nicht ausreichend untersucht – ist die Beobachtung, dass Katzenfunde insbesondere in Latrinen nach der Pest zunehmen, sodass es zumindest denkbar erscheint, dass man der „bösen“ Katze eine Mitschuld an der Katastrophe gab und sie in der Folge häufiger tötete und im Müll entsorgte (S. 93). Allerdings könnte es auch sein, dass die steigende Zahl von Katzen mit einem erhöhten Rattenvorkommen zu tun hat. Letzteres kann Paxinos mit seinen Fundkomplexen nicht überprüfen. Hier deutet sich aber an, wie wichtig archäo-zoologische Untersuchungen auch an Kleintieren wie Nagern, aber auch Vögeln wären, da sie für das Verständnis von Epidemien, aber auch von Landschaftswandel gerade im Spätmittelalter grundlegend sind.
                Basierend auf seiner Datenanalyse eröffnet Paxinos die Diskussion (Teil 4) mit der Arbeitshypothese, dass „die spätmittelalterliche Krise im Allgemeinen und der Schwarze Tod im Besonderen [...] kurz- und/oder langfristig zu Veränderungen in der Viehnutzung des Spätmittelalters [führte]. Diese Veränderungen spiegeln sich nicht nur in einer Verschiebung der wirtschaftlichen Bedeutung der einzelnen Nutztiere, sondern auch in einer Änderung ihres Phänotyps wider.” (S. 121). Die Kapitel 12 und 13 werten die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen bzw. der überregionalen Untersuchung aus und zeigen, dass es im 14. Jahrhundert die postulierten kurz- und langfristige Veränderungen tatsächlich gegeben hat. Die Untersuchung der Größenparameter Robustheit und Größe belegt Veränderungen bei der Haltung und Fütterung der wichtigsten Nutztiere während des Spätmittelalters. Die Rinder aus Köln und Konstanz beispielsweise sind im Zeitraum von hundert Jahren nach der Pest deutlich kleiner und zierlicher.
                Letztlich kann der Band die Frage nicht klären, inwiefern der beobachtete Wandel tatsächlich ursächlich mit der Pest zusammenhängt. Methodisch hat Paxinos hier den Weg einer Korrelation beschritten, der bestenfalls ein zeitliches und räumliches Zusammenfallen feststellen, aber keine Aussagen zu Wirk- und Kausalzusammenhängen liefern kann. Der fragestellungsorientierte Fokus auf das 14. Jahrhundert wird hier insofern problematisch, als kaum zu erfassen ist, wie stark die normale Variabilität in der Zeit ist und inwiefern dem 14. Jahrhundert tatsächlich die Qualität einer Zäsur zukommt.
                Plausible Erklärungen sind nur aus der Perspektiveder Humanökologie zu gewinnen, diedann in Hypothesen und konkrete Fragen umzusetzensind. Möchte man die tatsächlich wichtigeFrage nach der Krise des 14. Jahrhunderts klären,so muss mittels DNA-Untersuchungen die Geschichteund Verbreitung von Yersinia pestis weiter geklärt und der Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft auf seine Auswirkungen auf Biotope, Biodiversität, Mikroklima und Böden untersucht werden (vgl. Schreg, 2011). Die Routinearbeit der Denkmalpflege, die allein die nötige Quantität an Daten liefern könnte, ist damit hoffnungslos überfordert, denn es müssten beispielsweise gezielt auch die Knochen von kleinen Nagern und Vögeln ausgeschlämmt werden, Proben für die Genetik bereitgestellt werden, archäobotanische Umweltrekonstruktionen realisiert und Off-site-Archive viel mehr in den Fokus der Denkmalpflege genommen werden als es derzeit denkmalpolitisch und finanziell zu leisten ist.
                Noch aber scheint auch im Fach – egal ob an den Universitäten oder der Denkmalpflege – kaum Bewusstsein für die Bedeutung dieser „theoretischen” Fragen und für die methodischen Ansätze vorhanden zu sein. Paxinos deutet die weiteren Zusammenhänge nur an, doch zeigt seine Arbeit mustergültig, welches historische Potenzial in der Archäozoologie steckt, und dass sie mehr ist als eine Artenliste der Tierknochenfunde – sofern den Knochen bei Ausgrabung und Publikation die gebührende Aufmerksamkeit und Sorgfalt geschenkt wird. Paxinos leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung von Fragestellung und Methoden und es ist zu wünschen, dass die auf den ersten Blick sehr spezielle Arbeit breit rezipiert wird.

                Literatur

                • Benecke, N. (1994). Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung in Mitteleuropa und Südskandinavien von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter. (Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 46). Berlin: Akademie-Verlag.
                • Bos, K. I., Schuenemann, V. J., Golding, G. B. u. a. (2011). A draft genome of Yersinia pestis from victims of the Black Death. Nature 478, 7370, 2011, 506–510.
                  https://doi.org/10.1038/nature10549
                • Bos, K. I., Stevens, P., Nieselt, K., Poinar, H. N., DeWitte, S. N., Krause, J., Gilbert, M. T. P. (2012). Yersinia pestis: New Evidence for an Old Infection. PLoS ONE 7,11, 2012, e49803.
                  https://doi.org/10.1371/journal.pone.0049803
                • Prillof, R.-J. (2000). Tierknochen aus dem mittelalterlichen Konstanz. Eine archäozoologische Studie zur Ernährungswirtschaft und zum Handwerk im Hoch- und Spätmittelalter. (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 50). Stuttgart: Theiss.
                • Schreg, R. (2011). Die Krisen des Späten Mittelalter - Perspektiven, Probleme, Potentiale. In F. Daim, D. Gronenborn & R. Schreg (Hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. (RGZMTagungen 11). (S. 195-214). Mainz: RGZM.

                 Rainer Schreg