Donnerstag, 23. August 2018

Fake News des Antikenhandels

Auf EU-Ebene steht eine Neuregelung des Kulturgüterschutzes an. Der Kunsthandel bringt sich in Stellung - mit den altbekannten Argumenten.

Natürlich möchte der Kunsthandel nicht mit Terrorismusfinanzierung in Verbindung gebracht werden und so erklärt sich auch, dass er sie als "Mär" bezeichnet. Es gibt indes einige Beweise und Indizien dafür, dass IS/ Daesh tatsächlich Geld mit Raubgrabungen und Antikenhandel gemacht hat, etwa die Dokumente des Abu Sayyaf. Das ist übrigens auch die Aussage des niederländischen Berichts, der keineswegs bestreitet, dass IS in Raubgrabungen und Handel involviert ist, sondern nur die bisherigen Schätzungen in Frage stellt: "Despite flawed media reports, it is clear that IS destroys cultural heritage sites and is involved in the illegal trade of cultural property..." - http://iadaa.org/wp-content/uploads/2016/05/Cultural-Property-War-crimes-and-Islamic-State-2016.pdf)
Die Summen sind freilich schwer einzuschätzen, denn die Mehrzahl der illegal ausgegrabenen Funde wird erst in den kommenden Jahren mit falschen Provenienzen in den Markt sickern. Einstweilen liegen sie bei Zwischenhändlern oder vielleicht auch schon in Freihandelslagern. Daesh hat nur punktuell selbst die Raubgrabungen durchgeführt, er hat sie vielmehr in seinem Territorium legalisiert und hoch besteuert. Damit hat er nicht von den hohen Marktpreisen profitiert, aber zeitnah und vor allem wohl für die große Masse der Raubgrabungsfunde kassiert. "Blutantiken" sind nicht die teuren exzeptionellen Stücke, sondern alle unter IS/Daesh ausgegrabenen Funde. Es liegt in der Natur der Sache, dass Daesh nie als Provenienzangabe zu finden sein wird.
Und es geht längst nicht nur um IS/ Daesh.

Plünderung in Isin im Irak, 2003
(Foto: United States Department of Defense [PD] via WikimediaCommons)

So wird wieder einmal auf die alten Sammlungen verwiesen - in den Provenienzangaben der Auktionskataloge ist eine" alte" Sammlung indes oft nur wenige Jahre alt.  Problematisch sind hier vor allem die juristischen Konstruktionen des gutgläubigen Erwerbs, der beispielsweise bei einer Auktion in Anspruch genommen werden kann. Vergessen wird dabei, dass etwa im Osmanischen Reich - mit einer berüchtigten Bürokratie - schon seit den 1860er Jahren die Ausfuhr von Antiken verboten war.

Im konkreten Falle des geometrischen Pferdchens ist genau das das Problem. Griechenland hat es aus einer Auktion bei Sothebys zurückgefordert, aber es war juristisch durch frühere Verkäufe gewaschen. Der Rückforderung mit dem Argument zu begegnen, dass ja keine klare Provenienz angegeben werden könne, ist dreist, denn die Vernichtung der Fundkontexte und ihrer Kenntnis ist ja genau der Schaden, den es durch die Bekämpfung des Antikenhandels zu verhindern gilt. "Angaben dazu, wann oder wo das Objekt gestohlen worden sein soll, waren dem Schreiben nicht beigefügt." Wie sollten sie auch?
Für illegale Funde aus Raubgarbungen kann logischerweise kein Nachweis über den Fundort geführt werden, der wird schließlich mit nichtssagenden Provenienzangaben gezielt verschleiert - sehr wohl aber für legale Exporte, die eigentlich eben schon lange genehmigungspflichtig waren.

Wenn mit rhetorischen Fragen impliziert wird, dass Rechtsanspruch und Rückgabeansinnen ungerechtfertigt seien, so spielt das auch mit der falschen Vorstellung, es gehe nur um einzelne singuläre Objekte. Die große Masse der Funde im Handel ist problematisch und unter der derzeitigen Rechtslage ist es mit den verfügbaren Ressourcen gar nicht möglich, dass die Behörden jeweils ihre Ansprüche geltend machen können.
"Warum also blieb Griechenland trotz zweier nachweislicher Veröffentlichungen über Jahrzehnte untätig, selbst wenn vergleichbare Objekte versteigert wurden? Weil davon laut Experten geschätzt 1100 existieren, die sich seit Jahrzehnten in institutionellen Sammlungen wie dem Louvre (Paris, seit 1912) oder dem Metropolitan (New York, seit 1921) und teilweise seit Jahrhunderten in Privatkollektionen befinden?"
Eher: Weil gar nicht die Kapazitäten da sind, dem Massenphänomen gerecht zu werden! So konzentriert man sich in der Verfolgung auf die Fälle, wo eine gewisse Aussicht besteht, dass man die Fake-Provenienzen aufdecken kann.
Ob eine Rückgabeforderung gerechtfertigt ist oder nicht, ist auch nicht abhängig davon, ob ein Fund vergleichbar massenhaft im Umlauf ist (wie bei Münzen). Derzeit kann das nur dort pragmatisch versucht werden, wo Unstimmigkeiten oder andere Indizien zu den Provenienzen bekannt sind.
Insgesamt ist auch die Rückgabe nicht die Lösung des Probems. Die Funde sollten nicht undokumentiert aus dem Boden gerissen werden, Geländedenkmale nicht ohne wissenschaftlich angemessene Dokumentation zerstört werden.

Interne Links


Dienstag, 14. August 2018

Von der Grubenhütte zum Pfarrhaus

H. Wiegand/ K. Wirth (Hrsg.)

Von der Grubenhütte zum Pfarrhaus.
Archäologie und Geschichte der Parzelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim

Sonderveröffentlichung der Mannheimer Geschichtsblätter Band 10
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 68

Mannheim 2017

ISBN 978-3-95505-069-4

248 S.


“Mit den Ausgrabungen in der Oberdorfstraße 3 in Heddesheim gelang es in den Jahren 2013/14 erstmalig, mit Hilfe archäologischer Methoden eine lückenlose Aufeinanderfolge von Bebauungsspuren vom Hochmittelalter (11./12. Jahrhundert) bis ins 20. Jahrhundert nachzuweisen“ (K. Wirth, S. 99). Damit ist die Bedeutung des Bandes grundsätzlich umrissen.

In 12 Beiträgen wird die Geschichte des ehemals an zentraler Stelle im Dorf gelegenen Hauses beschrieben. Dabei spielen die Bewohner, insbesondere der 1848er Revolutionär Georg Friedrich Schlatter ebenso eine Rolle wie die Hausgeschichte und die an Gegenständen des ehemaligen Inventars greifbare Kulturgeschichte. Neu ist, dass archäologische Forschungen dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Da solche interdisziplinäre Studien innerhalb dörflicher Siedlungen dermaßen Mangelware sind, dass noch kaum Erfahrungen und - wie beispielsweise in der Stadtarchäologie - etablierte Fragelisten vorliegen, lohnt, es sich, einen genaueren Blick auf die Publikation und die ihr zugrunde liegenden archäologischen Daten zu werfen.

Dorfforschung


Die bisherige weitgehende Vernachlässigung der Dorfkerne in der Forschung ist der Tatsache geschuldet, dass man diese für uninteressant oder gar irrelevant hielt. Dem ländlichen Raum billigte man keine historische Bedeutung zu, da man dachte, das Leben der Bauern hätte gefangen im ewigen Wechsel von Aussaat und Ernte kaum Veränderungen gesehen und große, interessante Geschichte sei ohnehin von den Mächtigen und nicht von Bauern gemacht worden. Übersehen hat man damit nicht nur die Komplexität der mittelalterlichen Dorfgenese, sondern auch die sozial- und umweltgeschichtliche Bedeutung gerade der Bauern.

Zwar ging man davon aus, dass zumindest im Altsiedelland die frühmittelalterliche Besiedlung unter den heutigen Dörfern zu suchen sei, doch rechnete man - in bemerkenswertem Gegensatz zu den Erfahrungen aus der Stadtarchäologie - nicht damit, dass sich Befunde erhalten hätten. Früh- und hochmittelalterliche ländliche Siedlungen seien eher in Wüstungen zu erforschen (was übrigens auch nicht in ausreichendem Maß geschehen ist). Seit längerem weiß man jedoch, dass die Dorfgenese weit komplexer war und ein entscheidender Beitrag zu ihrem Verständnis aus einer Dorfkernarchäologie kommen muss.

Grabungsaufschlüsse in Ortskernen, die wie derjenige in Heddesheim die Übergangsphase vom Hoch- zum Spätmittelalter erfassen und zudem auch noch Funde des Frühmittelalters liefern, ist hier eine Schlüsselrolle zuzubilligen. Leider aber geht der Band darauf nicht ein, so dass viele grundlegende Informationen einfach fehlen. Selbst eine Verortung der Parzelle in der historischen Ortstopographie ist erst in der Mitte des Bandes im Beitrag von Klaus Wirth zu finden, in dem Abb. 3 auf S. 100 (leider sehr klein reproduziert) einen Übersichtsplan der Gemarkung zeigt. Nichts erfährt man über die siedlungsgeschichtlichen Zusammenhänge wie etwa die von der Gemarkung bereits bekannten merowingerzeitlichen Grab- und Siedlungsfunde. Immerhin sind im näheren Umfeld von Heddesheim zwei merowingerzeitliche Gräberfelder bekannt, die auch zugehörige Siedlungsstellen nahelegen. Wie passen da die Funde von der Parzelle ins Bild? Unklar bleibt daher auch die Situation in der Ortstopographie, ob die untersuchte Parzelle im Bereich alter Höfe oder einer Ortserweiterung, zwischen großen Bauernhöfen oder kleinen Taglöhnerhäusern lag und wie sie sich zur benachbarten Kirche verhielt. Hier ist es nicht unbedeutend, dass die benachbarte evangelische Kirche eben nicht die alte Pfarrkirche ist, die etwa 250 m weiter westlich liegt, sondern erst nach der Reformation entstanden ist.

Die Dokumentation der Keramikfunde durch Uwe Gross zeigt, dass eine kontinuierliche Besiedlung erst im 11./12. Jahrhundert einsetzt und aus dem Beitrag von Klaus Wirth wird deutlich, dass in der Tat frühe Befunde fehlen. Die beiden vorliegenden Scherben der Merowingerzeit deuten wohl an, dass im Umfeld sehr wohl eine frühmittelalterliche Besiedelung existierte, diese jedoch eher locker und fluktuierend gewesen sein dürfte. Dieses Bild würde sehr gut in allgemeine Überlegungen zur mittelalterlichen Dorfgenese passen, wonach die Ortskerne um die Kirche erst spät entstanden sind.


Die Baubefunde


Baubefunde werden in mehreren der Beiträge des Bandes thematisiert. Sie behandeln die Bauforschung, die Ausstattung des Hauses sowie Schriftquellen zu seiner Nutzung und natürlich auch die archäologischen Grabungsbefunde.

Die älteste Bebauung, die auf der Parzelle Oberdorfstraße 3 nachweisbar ist, besteht aus Pfostenbauten und einem Grubenhaus. Der Beitrag von Klaus Wirth (S.99ff.) beschreibt diese Befunde genauer, die in einer Grabungsfläche versetzt zu dem 2012 abgerissenen Pfarrhaus gelegen, gefunden wurden.

Auch zu der folgenden spätmittelalterlichen Bauphase des 13. bis 15. Jahrhunderts gehört noch ein Grubenhaus. Es handelt sich um ein Firstpfostenhaus, wie sie im Hochmittelalter den älteren Sechspfostentyps ablösten. Generell wurden Grubenhäuser im Spätmittelalter durch andere Bauformen ersetzt, allen voran durch Keller oder Weberdunken. Das fragliche Heddesheimer Grubenhaus, das wohl zu den jüngsten dieses Typs zählt, scheint tatsächlich noch ein separater Bau gewesen zu sein. Reste von Steineinbauten oder einem Kellerhals wurden nicht identifiziert.

Im Befund zeichneten sich etwas vom Grubenhaus abgesetzt Spuren eines ebenerdigen Gebäudes ab, von dem vor allem Reste eines Schwellbalkens bemerkenswert sind. Weitere Stakenlöcher, Gruben, Pfostengruben im Süden der Grabungsfläche erscheinen als “indifferente Ansammlung“, die hier einen Pfosten-(?) Bau vermuten lassen (S. 103). Möglicherweise wird hier ein Tausch der Nutzungsareale greifbar. Dort wo im Hochmittelalter ein Grubenhaus stand, wurde ein Pfostenhaus errichtet, wie auch andersrum.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden etwa 28 cm Erde aufplaniert. Darin befand sich ein annähernd vollständiges Gefäß des 15 Jahrhunderts, über dessen Funktion (S. 105) als Opfer- oder Nachgeburtsgefäß spekuliert wird. Leider fehlt ein Verweis auf die Kapitel der Fundbearbeitung, so dass der Leser nicht weiß, um welches Gefäß es sich genau handelt und ob es in dem Band überhaupt irgendwo abgebildet ist.

Die Bauten, die schließlich in der frühen Neuzeit über der Planierschicht errichtet werden, unterscheiden sich strukturell vom Vorausgehenden. Von den anzunehmenden Gebäuden haben sich keine Spuren der Wände erhalten, wohl aber ein Keller und ein Holzfußboden.

Ins 17. Jahrhundert gehört eine erneute Planierschicht aus Bauschutt, in der einige Steine und Ziegel Rußschwärzungen aufweisen. Hier wird vorsichtig die Frage aufgeworfen, ob damit schriftlich belegte Zerstörungen in Heddesheim 1674 und 1689 identifiziert werden können. Auf der genannten Planierschicht entstand nun der inzwischen abgerissene, als Schule und dann al Pfarrhaus genutzte Bau. Das Gebäude selbst wurde bauhistorisch untersucht (Beitrag Stadler S. 35ff.) Seine Bauzeit lässt sich archivalisch und durch eine Bauinschrift in das Jahr 1710 datieren. Die Bauhölzer datieren überwiegend bereits 1708.

Die bauhistorischen Untersuchungen konnten geringe Reste eines Vorgängerbaus erfassen. Das Kellergewölbe aus Backstein war auf älteres Feldsteinmauerwerk gesetzt worden und auch im Erdgeschoss war das Gebäude von 1710 teilweise auf ältere Fundamente gesetzt. Nach 1710 lassen sich sechs weitere Bauphasen differenzieren, die mit verschiedenen, auch in den Archivalien greifbaren Umnutzungen des Gebäudes zusammenhängen. Gebaut als Wohnhaus auf einem bäuerlichen Anwesen wurde es 1753 (die Tabelle S. 37 gibt falsch für Phase III nochmals 1708 an) von der reformierten Gemeinde gekauft und als Schulhaus genutzt. 1807 wurde es zum Pfarrhaus. Von der napoleonischen territorialen Neugliederung wurde auch die reformierte Kirchenverwaltung betroffen, was es möglich machte, dass Heddesheim zur eigenständigen Pfarrei erhoben wurde. Bei den anstehenden Umbauarbeiten entstand ein detaillierter Plan des Anwesens und im Übergabeprotokoll eine genaue Beschreibung des Zustands beim Einzug des ersten Pfarrers.

In einem eigenen Beitrag diskutiert Herbert Anzinger (S. 69-99) die schriftlichen Quellen zum Anwesen. Sie zeigen uns die Bewohner, aber auch die Veränderungen am Gebäude. Neben einer Bauinschrift von 1710 gibt es Urkunden zu Grundstücksgeschäften, Eingaben der Pächter wegen Bauschäden, Notizen in Kirchenbüchern, Übernahmeprotokolle und verschiedene Unterlagen zu Umbaumaßnahmen. So erfahren wir 1834 vom Neubau einer Waschküche. Nach der Umnutzung des Stalles, in dem man bislang gewaschen hatte, argumentierte Pfarrer Schlatter, man sei "wegen des viel zu beschränkten Raumes in der Küche jedesmal genöthigt, unter freiem Himmel zu waschen, und da bei einer Familie von 10 bis 11 Personen die Nothwendigkeit hierzu sehr oft eintritt, so ist leicht zu begreifen, wie sehr wir dadurch genirt sind, namentlich wenn dieses Geschäft bei regnerischem Wetter vorgenommen werden muss". Von solchen Alltagsproblemen erfährt man auch 1874, als sich der damalige Pfarrer beklagt, dass der jetzige Abtritt gesundheitsgefährend sei und durch den Schlauch zur Dunggrube unangenehme Düfte ins Haus drängen.  Anzinger verfolgt so die Baugeschichte bis 1909, als ein neues Pfarrhaus bezogen werden konnte. Die Geschichte des Hauses im 20. Jahrhundert, die weitere Reparaturen und Umbauten sah, bleibt außen vor. Nachdem schließlich die letzten Reparaturen in den 1970er Jahren erfolgten, waren tragende Stützen und Deckenbalken verfault und das Gebäude durch einen gefährlichen Schimmelpilz befallen. 

Die Parzelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim nach der Neubebauung
(Foto: R. Schreg, 2018)

Der Heddesheimer Grabungsbefund stellt eine erste wichtige Fallstudie zu Fragen des Übergangs von der Pfosten- zur Fachwerkbauweise dar, der hier möglicherweise später erfolgte, als allgemein vermutet wird. Letztlich bleiben die Befunde relativ unklar, was für Dorfkerngrabungen aber nicht untypisch scheint. Sehr viel öfter als im städtischen Bereich scheint es zu baulichen Umstrukturierungen zu kommen und die Gebäude sind weniger massiv. Latrinen, die im städtischen Bereich meist den rückwärtigen Teil der Parzelle markieren und so auch in kleinen Grabungsflächen noch eine grobe Orientierung bieten, fehlen in den Dörfern für gewöhnlich. Hier in Heddesheim ist - mit Ausnahme eines wohl erst ins 19. Jahrhundert zu datierenden Befundes - ebenfalls keine der Gruben eindeutig als Latrine zu bestimmen.


Die Funde

Uwe Gross kommentiert die Keramikfunde (S. 115ff.) wobei er sich an den gängigen Warenarten orientiert. Die Funde werden in klassischen Strichzeichnungen vorgelegt. In seinem Beitrag spricht Gross einleitend zwar davon, dass die Funde getrennt nach Fundkomplexen und auch annähernd vollständig vorgelegt würden, doch dann werden die Fundkomplexe keineswegs klar angesprochen. Tatsächlich fehlt in vorliegender Publikation eine Verknüpfung der Funde mit den Befunden weitgehend. In den als Abbildungslegenden gestalteten Katalogtexten wird zwar die Befundnummer angegeben, die aber mangels eines Befundkatalogs und angesichts sehr kleiner Nummern in den Befundplänen nur einen mühsamen Abgleich ermöglichen. Das ist aber nicht unwichtig, denn letztlich hängt an den stratifizierten Keramikfunden die Antwort darauf, wie lange die Pfostenbauten und Grubenhäuser noch genutzt worden sind und wie sich die baulichen Veränderungen in den Prozess der Dorfgenese einpassen. M.E. wird es für die Keramikforschung in Südwestdeutschland absehbar zum Problem, dass Keramikfunde meist nur in knappen Beiträgen oder Vorberichten in Auswahl, meist ohne Kontextualisierung und nur mit kurzen Bemerkungen zu den jeweiligen Warenarten vorgelegt werden, die selten systematisch auf den neuen Forschungsstand referenzieren. Da die südwestdeutsche Forschung in den vergangenen Jahrzehnten von der methodisch eigentlich zwingend erforderlichen Relativchronologie, wie sie noch Uwe Lobbedey oder Barbara Scholkmann in Sindelfingen verfolgt hatten, weitgehend abgegangen;ist, geben solche Kurzvorlagen meist direkt absolute Datierungen ohne genauere Begründungen, Daten- bzw. Katalogvorlage und Fundstatistiken. Der Forschungsstand wird dadurch immer schwerer nachvollziehbar und die Keramikfunde laufen Gefahr isoliert zu werden, da der Kontext aus dem Blickfeld gerät.

Die beiden Aufsätze von Eva Blanc behandeln Steinzeugflaschen (S. 175ff.) und Funde von Steingut, die aus einer Abfallschicht der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen (S. 189ff.). Da diese Funde im Beitrag von Uwe Gross nicht erwähnt werden, stellt sich die Frage, wie die dort behauptete Vollständigkeit zu verstehen ist. Offenbar wurden die Funde des 20. Jahrhunderts nicht gleichwertig als archäologisches Fundmaterial akzeptiert.
Eva Blanc vermeidet einige der angeführten Schwierigkeiten, da hier Farbfotos, genauere Beschreibungen und Fundnummern geboten werden. Die Funde werden in beiden Beiträgen jeweils vorgelegt und anschließend unter Heranziehung zeitgenössischer Reklame eingeordnet und als kulturgeschichtliche Quelle diskutiert.

Weitere Fundkapitel behandeln die Tierknochen (Carola Oelschlägel, S. 156ff.) und Münzfunde (Matthias Ohm, S. 151ff.).

Sozialgeschichte


Neben die bisher angesprochenen Beiträge, die im Zusammenhang mit den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen zu sehen sind, treten weitere Artikel, die sich auf Basis schriftlicher Quellen dem Haus und seinen Bewohnern annähern. Die bereits genannten Beiträge von Eva Blanc zur neuzeitlichen Keramik wie eine Darstellung der Befunde zur historischen Farbgestaltung (Wilfried Maag, S. 55-68) schlagen auch hier die Brücke zur materiellen Überlieferung.

Schon der erste Beitrag des Bandes widmet sich Pfarrer Georg Schlatter (1799-1875), der von 1832 bis 1844 in Heddesheim wirkte und mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnte. Nachdem Schlatter schon in Heddesheim die sozialen Zustände kritisiert hatte, wurde er 1844 nach Mühlbach strafversetzt. Im Revolutionsjahr 1848/49 wurde er als Abgeordneter Alterspräsident bei der Eröffnung der  „konstituierenden Landesversammlung“ in Karlsruhe. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde Schlatter in Rastatt der Prozess gemacht, der ihn wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilte. Der Beitrag von Gritt Arnscheidt und Peter Galli (S. 5-34) stellt seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1850 vor, die seine Zeit im Rathausturmgefängnis und dann im Amtsgefängnis in Durlach schildern. So hat der Beitrag letztlich wenig mit dem Haus in Heddesheim zu tun, doch vermittelt er die spezielle Alltagsperspektive, wie sie mit der Analyse eines einzelnen Gebäudes verbunden ist.

Fazit


Mit dem Band wird eine Dorfkerngrabung aus Südwestdeutschland monographisch vorgelegt. Erst vor kurzem haben die Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim schon einmal eine Dorfkerngrabung vorgelegt und damit erste Erfahrungen gesammelt. Eine Einordnung der im Band angesprochenen Funde und Befunde in das Themenfeld der Dorfkernarchäologie hätte dem Band gut und gerne eine Bedeutung verschafft, die über die Regionalgeschichte hinaus geht. Während es für die Stadtarchäologie längst zahlreiche Vorbilder für eine Publikation und damit einen Kanon von Fragestellungen und Themen gibt, sind die Themen für die Dorfforschung noch nicht so offensichtlich. Die strikt quellenorientierte Bearbeitung der Befunde und Quellen zu dem ehemaligen Gebäude Oberdorfstraße 3 ohne eine ausgreifendere Einordnung und Reflektion der Forschungsperspektiven und -fragen hat wissenschaftliches Potential verspielt.
Wichtig für die Analyse einer Dorfparzelle ist genau so wie in der Stadt die bauliche Entwicklung, nur dass im Dorf der siedlungsgeschichtliche Rahmen meist noch sehr viel unklarer ist, als in der Stadt. 
Interessant wird es auch sein, zu beobachten, wie die Befundlage im Dorf sich generell darstellt. Im Vergleich zur Stadt sind Gebäude aber oft weniger stark fundamentiert, Keller sind weniger häufig und Latrinen eher die Ausnahme. Auch ist die bauliche Dynamik auf dem Dorf zwar wohl eher größer - dennoch hat sich entgegen früherer Meinung durchaus in manchen Dörfern auch mittelalterliche Bausubstanz von ländlichen Gebäuden erhalten -, aber durch die spezifischen Formationsprozesse sind die archäologischen Überreste unscheinbarer. Es gibt nicht die Planierschichten, die man von mancher städtischer Parzelle kennt, vielleicht weil, wie bei den fehlenden Latrinen auch zu beobachten, Schutt und Abfall außerhalb der Siedlung entsorgt wurde.
Die Befundsituation der Oberdorfstraße 3 in Heddesheim scheint also nicht untypisch für Grabungssituationen im Dorf.



Inhaltsverzeichnis

  • Grit Armscheidt/ Peter Galli: “Ich werde Heddesheim nie vergessen…“‘ Unbekannte Tagebuch-Aufzeichnungen des Pfarrers Georg Friedrich Schlatter von 1850 - S. 5-34
  • Benedikt Stadler: Bauhistorische und archäologische Untersuchungen am ehemaligen Pfarrhaus in Heddesheim - S. 35-54
  • Wilfried Maag: Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - Historische Farbgestaltungen im Innenbereich - S. 55-68
  • Herbert Anzinger: “Diese alte, viele Jahre hindurch völlig verwahrloste Pfarrwohnung…“ Auswertung archivalischer Quellen zur Geschichte des Heddesheimer Schul- und Pfarrhauses im 18. und 19. Jahrhundert - S. 69-98
  • Klaus Wirth: Zur Bebauungsgeschichte der Parzelle Oberdorfstraße 3 nach archäologischen Quellen - S. 99-114
  • Uwe Gross: Mittelalterliche und neuzeitliche Keramikfunde aus Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - S. 115-150
  • Matthias Ohn: Schüsselpfennig, Kreuzer und Heller. Die Fundmünzen aus dem Gebäude Oberdorfstraße 3 in Heddesheim - S. 151-155
  • Carola Oelschlägel: Die Tierknochenfunde der Fundstelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim - S. 156-173
  • Eva Blanc: Flaschen aus Steinzeug - Die Funde aus Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - S. 174-188
  • Eva Blanc: Keramische Funde der Steingutfabrik JACOBI, ADLER & CO., Neuleiningen, aus einer Abfallschicht in Heddesheim - S. 189-194
  • Jutta Neuhaus: Der Flaschenfund von Heddesheim - S. 195-241
  • Klaus Wirth und Autoren: Zusammenfassung - S. 243-247

Interner Link



Mittwoch, 8. August 2018

Zum Tod von Hansjürgen Müller-Beck

Am 2. August ist in Bern Prof. Hansjürgen Müller-Beck verstorben. Er hatte bis 1995 den Tübinger Lehrstuhl für Urgeschichte inne. Seine Perspektive war wahrhaft global und allumfassend. Bekannt vor allem für seine Forschungen zum Mittelpaläolithikum, hat er auch ethnoarchäologische Forschungen zu arktischen Jäger- und Sammlergruppen durchgeführt.

 
Hansjürgen Müller-Beck bei Bohrungen im Burgäschisee.
(Foto: Ernst Klöthi, Zentralbibliothek Solothurn / Diasammlung Ernst Klöti
[CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Ausgrabungen an der jung- und endneolithischen Station Burgäschisee-Süd 1957.
Hansjügen Müller-Beck war damals Assistent von Prof. Hans-Georg Bandi an der Abteilung für Ur-
und Frühgeschichte des Bernischen Historischen Museums und fortan an den Auswertungen beteiligt.

(Foto: Ernst Klöthi, Zentralbibliothek Solothurn / Diasammlung Ernst Klöti
[CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Eine Vorlesung und ein begleitendes Seminar, die Müller-Beck im Wintersemester 1992/93 in Tübingen abgehalten hat, beleuchteten "Entwicklung und Zustand anthropogener Ökosysteme. Zur historischen Dimension der Humanökologie". Er beschränkte sich nicht auf Jäger und Sammler, sondern war der Meinung, dass man diese Perspektive anthropogener Ökosysteme auf jüngere Perioden übertragen und bis zur Gegenwart verfolgen müsste. Unter den Referatsthemen, die er im Seminar vergeben hat, war auch die frühmittelalterliche Höhensiedlung des Runden Bergs bei Urach. Dieses Referat habe ich übernommen und rückblickend hat Müller-Beck damit meine eigenen Forschungen, wenn auch mit Mittelalter und Neuzeit in ganz anderen Perioden, entscheidend mit geprägt.

Mit Müller-Beck geht dem Fach eine Persönlichkeit verloren, die mit ihrem überlegten Weitblick, fachlicher Breite und Tiefe und gesellschaftlichem Engagement hoffentlich auch künftig noch möglichst vielen Kollegen ein Vorbild ist.

Link

Mittwoch, 1. August 2018

Zwei Extremsommer: 2018 n. Chr. und 5106/5105 v. Chr. - Was können wir aus den Erfahrungen vor 7000 Jahren lernen?

von Detlef Gronenborn und Hans-Christoph Strien

Nicht nur, dass sich täglich, ja stündlich die Nachrichten mit immer weiteren Meldungen über die teils bereits verheerenden Auswirkungen der diesjährigen extremen Temperaturen und die ebenfalls verheerenden Auswirkungen der lang andauernden Trockenheit überschlagen, wir spüren die Auswirkungen auch tagtäglich selbst in unserem Alltagsleben. Die Wohnungen sind aufgeheizt, die Büros stickig, in Werkhallen ohne ausreichende Kühlung ist es kaum auszuhalten. Gärten und Parks sind verdorrt, Bäche werden zu Rinnsalen und die Flüsse sinken soweit, dass die Lastkähne ihre Fracht reduzieren müssen, um nicht auf Grund zu laufen.

Temperaturabweichung vom Tagesmittelwert (Beobachtungsphase 1979-2000) vom 1. August 2018.
(Bild- und Datenquelle: Climate Reanalyzer, Climate Change Institute, University of Maine [https://climatereanalyzer.org])


Mittlerweile meldeten sich die Bauernverbände zu Wort, denn der mangelnde Niederschlag führt zu teils massiven Ernteeinbußen, die Bundesregierung muss helfen, die Beratungen laufen. Noch, so scheint es, ist aber die Lebensmittelversorgung gesichert, einstweilen.

Erkenntnisse aus der Vergangenheit

Der letzte Punkt regt an, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, denn Extremsommer sind in Mitteleuropa zwar selten, aber auch schon lange vor den globalen Auswirkungen der durch den Menschen verursachten Erwärmung, immer wieder vorgekommen.
Über die Extremsommer aus den schriftlich dokumentierten Perioden, also in Mitteleuropa im Wesentlichen die Zeit ab dem hohen Mittelalter, sind wir einigermaßen gut unterrichtet. Sie finden sich in zahlreichen Dokumenten wie Kirchenbüchern oder Chroniken (Pfister 1999; Glaser 2008).
Auswahl relevanter Klimaproxydaten für das südliche Mitteleuropa und die archäologische Chronologie (Gronenborn/Terberger 2014, dort auch die weitere Literatur).
Um 8500 v. Chr. stiegt die Temperatur über das Mittel des 20. Jhs. und sank nach 3500 v. Chr. wieder darunter. Diese Periode ist das holozäne Klimaoptimum mit weitgehend wärmeren Temperaturen als im 20. Jhd. und auch höhren Baumgrenzen in den Alpen. Das Klimaereignis 5.1 (5100 v. Chr.) wird genauer besprochen. JPL – Jungpaläolthikum, FML – Frühmesolithikum, SML – Spätmesolithikum, ANL – Altneolithikum, MNL, Mittelneolithikum, JNL, Jungneolithikum, SNL, Spätneolithikum, ENL, Endneolithikum, BZ – Bronzezeit, EZ – Eisenzeit, RKZ – Römische Kaiserzeit, MA – Mittelalter, NZ – Neuzeit, PBO- Präboreale Oszillation, EHE – Early Holocene Event.
Schwieriger wird es für die Jahrtausende davor, obwohl es gerade in diesen Zeiten durchaus häufiger Extreme gegeben haben dürfte, denn die erste Hälfte des Holozän, die Periode nach der letzten Eiszeit, war durch starke Schwankungen gekennzeichnet, weil der Rückzug der Gletscher immer wieder die Intensität des Golfstromes beeinflusste, die erst etwa nach 6000 v. Chr. abklangen (Teller u. a. 2004). Möglicherweise beeinflusst von Schwankungen in der Sonnenintensität aber auch der Erwärmung, kam es zu fast zyklischen und offensichtlich massiven Abtauereignissen des Eissschildes, die wiederum Süßwasser in den Nordatlantik brachten, was den Golfstrom erheblich beeinträchtige. Man nennt sie die ice-rafting-events (IRD-Ereignisse) (Bond u. a. 2001; Wassenburg u. a. 2016). Das gravierendste dieser Ereignisse ist das sogenannt 6.2-Ereignis (um 6200 v. Chr.), das für mehrere hundert Jahre eine deutliche Abkühlung mit sich brachte (Prasad u. a. 2009). Allerdings sind die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die frühen Sammler-Jäger-Gemeinschaften und die ersten Bauern im Nahen Osten umstritten (Flohr u. a. 2016; Gronenborn 2017).

Besser sind wir aber über eine etwas spätere Schwankung und ihre Auswirkung unterrichtet. Sie fällt in eine archäologisch hervorragend aufgearbeitet Periode, in der wir auch mit besonders fein aufgelösten archäologischen Zeitreihen arbeiten können, die sich gut mit den Daten der Klimaforschung abgleichen lassen:
Um 5200 v. Chr. geht wiederum ein IRD-Ereignis zu Ende, was in Mitteleuropa von einer zunehmenden Trockenheit begleitet wird. Zu dieser Zeit haben sich im gesamten südlichen und gemäßigten Europa bäuerliche Kulturen aus dem Nahen Osten stammend (link zu Migration$), ausgebreitet. In Mitteleuropa ist es die nach ihrer Keramikverzierung sogenannte bandkeramische Kultur. Grundlage war eine auf Getreideanbau und Viehzucht beruhende Landwirtschaft. Man lebte in Weilern und Dörfern verstreut auf den besten, für die Landwirtschaft geeigneten Böden (Gronenborn/Sirocko 2009; Gronenborn/Strien 2014). Es waren Gesellschaften, die unter anderem in Verwandtschaftsverbände organisiert waren. Solche sozialen Informationen wurden durch Motive auf der Keramik symbolisiert (LBK-Topf), und zwar so genau, dass wir heute Unterschiede und Entwicklungen im Motivschatz nachvollziehen können (Strien 2000). So lässt sich bei einem Fallbeispiel aus Württemberg feststellen, dass auf eine eher homogene und wenig diverse Anfangsphase ein Anstieg der Diversität folgt, und gegen Ende der kulturellen Entwicklung wiederum eine deutliche Tendenz zur Homogenisierung der Verzierungen folgt. Diese Dynamik lässt sich, auch aufgrund ähnlicher Vorgänge in anderen, vergleichbaren Gesellschaften, als eine Veränderung der sozialen Diversität deuten: Waren die Gesellschaften Anfangs homogen organisiert, so kommt es im Verlaufe zu einem Aufblühen gesellschaftlicher Vielfalt, und schließlich wiederum zu einer Homogenisierung und stärkeren Kohäsion (Gronenborn u. a. 2014; Gronenborn u. a. 2017). Gesellschaften folgen also zunächst festen Ordnungsschemata und sozialen Regelwerken, diese brechen dann allerdings auf und führen zu einer Lockerung, was aber wiederum zu rigideren Regelwerken führt, die im ungünstigsten Fall für die Fortentwicklung hinderlich sind (sogenannte rigidity traps; van Dick u. a. 2008).
Keramikgefäss der späten Bandkeramischen Kultur aus Tiefenellern bei Bamberg.
Die bandartige Verzierung kodiert soziale Informationen
(Kopie aus der Sammlung der Römisch-Germanischen Zentralmuseums ,
Foto: Volker Iserhardt, RGZM).

Entwicklung der Moitivdiversität und der daraus abzulesenden sozialen Diversität in Württemberg. Gezeigt werden Klimadaten aus der Bunkerhöhle im Sauerland sowie vom steinzeitlichen Brunnen in Kückhoven im Rheinland
(verändert aus Gronenborn u. a. 2017, dort auch die weitere Literatur).

Beim Vergleich mit regionalen Klimadaten zeigt sich nun deutlich, dass die Homogenisierungstendenz durch eine bekannte deutliche Trockenperiode um 5106/5105 v. Chr. (Helle/Heinrich 2012) stark zunimmt. Offensichtlich hat dieser Extremsommer vor 7000 Jahren eine bereits bestehende gesellschaftliche Tendenz verstärkt. Die sicherlich für diese einfachen Bauern erheblichen Ernteeinbußen und vielleicht auch daraus resultierenden Hungersnöte führten zu einer zunehmenden Rigidität und auch zu einer Ausweitung bereits bestehender Konflikte (Gronenborn u. a. 2017). In Folge dessen lassen sich für die kommenden Jahrzehnte etliche Massengräber nachweisen, bei denen deutlich wird, dass sich die Dörfer und Weiler gegenseitig bekämpften und wohl auch ausrotteten (Meyer u. a. 2015).

Wenngleich sich die klimatischen Verhältnisse später wieder besserten, haben sich diese einfachen bäuerlichen Gesellschaften nie mehr erholt, um 4900 v. Chr. verschwand die Bandkeramische Kultur, ging teilweise in nachfolgenden Kulturen auf.

Was lässt sich von einfachen Bauern vor 7000 Jahren lernen?

Welche Schlüsse lassen sich nun aus diesen archäologischen Daten für uns heute ziehen? Es waren ja nur einfache Bauerngesellschaften mit einer simplen, steinzeitlichen Technologie. Und auch wenn wir deutliche Bevölkerungszuwachsraten feststellen können, waren die Gruppen immer noch klein, umfassten maximal wenige hundert Menschen.
Allerdings waren es Menschen wie wir, die sich in der genau der gleichen Weise verhielten. Die Extremsommer von 5106/5105 v. Chr. hatten eine gesellschaftliche Tendenz zu einer stärkeren Rigidität noch beschleunigt, wohl weil die Auswirkungen der damaligen Trockenheit erheblich waren. Für 2018 sind solche gravierenden Versorgungsprobleme bislang noch nicht zu erwarten, weil wir über unsere ausgebauten Verkehrswege mittlerweile global Ausgleich schaffen können, auch ist die Vorratshaltung um ein Vielfaches besser als vor 7000 Jahren. Einen Sommer sollten wir also, auch wenn die Auswirkungen noch nicht abgeschätzt werden können, verkraften können. Was aber, wenn 2019 ähnlich verläuft? Und 2020? Und wenn auch in anderen Ländern Ernten ausfallen?

Unschwer lässt sich erkennen, dass sich die bestehende globale Tendenz zu gesellschaftlicher Rigorosität (vergl. Archaeologik 9.11.2016 und Archaeologik 26.7.2018), zu mehr Gewalt und mehr Konflikten, auch für unsere heutige Zeit ein Problem darstellt, sie würde mithin deutlich verstärkt werden, nicht nur in armen und Schwellenländern, sondern auch bei uns. Das Verhaltensmuster der Bauern vor 7000 Jahren legt das bereits sehr nahe.

Traurige Erkenntnis…

Einen einzigen, allerdings sehr traurigen Unterschied gibt es: die Menschen vor 7000 Jahren hatten keinen Einfluss auf das Klimageschehen gehabt. Ihre Verhaltensmuster wurden von externen Faktoren beschleunigt. Heute ist das anders, der globale Klimawandel ist menschengemacht, so dass die klimatischen Einflüsse auf unsere zukünftige Entwicklung mittlerweile auch von uns selbst beeinflusst werden. Die gegenwärtigen und zukünftigen historischen Prozesse werden somit nicht mehr durch externe „natürliche“ Faktoren beschleunigt, sondern durch menschengemachte. Und so müssen wir uns vielleicht fragen: Ist das die wirkliche Errungenschaft der „Zivilisation“?

Literatur

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Prof. Dr. Detlef Gronenborn
arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.

Dr. Hans-Christoph Strien
ist ausgewiesener Experte für die Linearbandkeramik, der insbesondere Keramikfunde für eine detaillierte Analyse der ersten bäuerlichen Gesellschaft nutzt. Derzeit forscht er an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.