Freitag, 15. Juni 2018

Ungarische Regierung nimmt der Akademie der Wissenschaften ihre finanzielle Unabhängigkeit

Der derzeit im ungarischen Parlament verhandelte Staatshaushalt für 2019 sieht vor, dass nicht mehr die Akademie der Wissenschaften, sondern direkt das Ministerium für Technologie und Innovation über die interne Mittelverteilung und Ausgaben entscheidet. Bislang konnte die Akademie die ihr zugewiesenen Mittel unabhängig von der Politik für seine Institute und Forschungsprojekte einplanen. Nun entscheidet das Ministerium über einen Großteil der Mittel.

Damit wird die Freiheit der Wissenschaft an einem entscheidenden Punkt weiter untergraben.

Für die Geschichtswissenschaften, die nicht der nationalistischen Legendenbilding folgen wollen, verheißt das nichts Gutes, auch wenn der zuständige Minister beteuert, über die Mittelvergabe werde ein Gremium von Wissenschaftlern entscheiden.

Interner Link

Mittwoch, 13. Juni 2018

CfP - Ruralia XIII Conference Stirling 2019: deutsche Fassung des Calls

Hier nun die Übersetzung des Ruralia-Calls (vgl. Archaeologik 1.6.2018):

Saisonale Siedlungen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen ländlichen Raum

Stirling (Schottland, Großbritannien)
9. – 15. September 2019

RURALIA ist ein internationaler Verband von Archäologen, die zu ländlichen mittelalterlichen Besiedlungen und Wirtschaftsweisen arbeiten. RURALIA bietet ein Forum für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus fast allen europäischen Ländern. Der Verband fördert den Gedankenaustausch über aktuelle Fragestellungen im Rahmen der Archäologie im ländlichen Raum sowie Vergleichsstudien. Ein besonderes Anliegen ist es zudem, die Ergebnisse archäologischer einschlägiger Forschungen anderen Disziplinen zugänglich zu machen. Die Konferenzsprache ist Englisch. Die internationale Konferenz RURALIA XIII wird in Stirling (Schottland, Großbritannien), stattfinden. Das Konferenzthema lautet:
Saisonal Settlement in the Medieval and Early Modern Countryside / Saisonale Siedlungen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen ländlichen Raum
Während der Tagung von Montag bis Freitag werden neben den Vorträgen eine halbtätige und eine ganztätige Exkursion durchgeführt, eine optionale zweitägige Exkursion in die schottischen Highlands findet im Anschluss statt. Die Konferenz wird gemeinsam von Piers Dixon, Kirsty Owen, Mark Gardiner, Niall Brady und Claudia Theune organisiert und wird finanziell unterstützt vom Historic Environment Scotland, der Historic Rural Settlement Group und Sachleistungen der Universitäten Stirling, Aberdeen und den Highlands and Islands sowie der Universität Wien.

Montag, 11. Juni 2018

Historische Prozesse

Rainer Schützeichel - Stefan Jordan (Hrsg.)

Prozesse. 
Formen, Dynamiken, Erklärungen.

(Wiesbaden: Springer  2015).

461 S., 7 Abb.

ISBN 978-3-531-17660-4 (Softcover): 59,99€
ISBN 978-3-531-93458-7 (ebook): 49,99€

Prozesse, so sollte man denken, sind für Historiker und mindestens ebenso für Archäologen eine alltägliche Kategorie, so grundlegend, dass sie längst bis ins letzte durchdrungen ist.  Weit gefehlt: Der Begriff ist ungenügend definiert und kaum reflektiert, obwohl er zahlreiche Assoziationen weckt und sehr viele grundsätzliche Fragen aufwirft. 


Das von Rainer Schützeichel und Stefan Jordan herausgegebene Buch nimmt sich vor, eine Bestandsaufnahme der interdisziplinären Prozessforschung im Hinblick auf deren Resultate vor allem aber auch Probleme zu machen. Sogleich im einleitenden Kapitel distanzieren sich die beiden Herausgeber aber auch gleich von dem Begriff, indem sie seine Tauglichkeit für soziologische und historische Forschungen in Frage stellen.  Ihrer Meinung nach verweist der Begriff des Prozesses auf ein grundsätzliches, methodisches und theoretisches Problem der Geschichts- und Sozialwissenschaften, nämlich auf das der zeitlichen Bedingtheit ihrer Gegenstände, die sich eben im Lauf der Zeit gegenseitig konstituieren.

Tatsächlich ist "Begriff" als fachwissenschaftliche Kategorie nur ungenügend durchdacht. Noch immer schwingen Implikationen aus dem Alltagsgebrauch oder aus Nachbardisziplinen mit, oft ins 18. und 19. Jahrhundert zurück reichend. Der Begriff des "Prozesses" scheint für Historiker deshalb wenig attraktiv, weil ihm oft etwas Deterministisches oder gar Teleologisches anhängt. Einerseits impliziert er Lenkbarkeit und Intention, andererseits sagt der Begriff nichts über Akteure und Faktoren und auch nichts darüber, ob es zwischen den Geschehnissen und Handlungen mehr gibt als eine zeitliche Abfolge, eine Kausalität oder Intentionalität oder andere komplexere Wechselwirkungen. Aufgrund dieser Unbestimmtheit liefert der Begriff per se keinen besonderen Beitrag zum Verständnis historischer Veränderung, doch verweist er auf eben diesen Fragen- und Problemkreis der inneren Zusammenhänge von Ereignissen und Strukturen, von Kausalität und Effekt. Demgegenüber bleiben andere konzeptionelle Begriffe wie "Entwicklung", "Geschehen", "Evolution", "Geschichte", "Kontinuität", "Gang der Dinge", "Bewegung", "historische Notwendigkeit", "Strom", "Dynamik" oder gar "Fortschritt" noch unbestimmter oder problematischer, so dass sie eben "auch nicht zu überzeugen vermögen" (S. 2).
Der Band vereint Positionen von Sozilogen und Historikern, die den Begriff unterschiedlich gebrauchen. Für die Soziologie ist in der Auseinandersetzung mit Prozessen dessen Opposition zum Begriff der Strukturen zu nennen, die für die Soziologie wichtig ist - einer der Punkte in denen sich die geschichtswissenschaftliche Perspektive von der der Soziologie unterscheidet. In den Geschichtswissenschaften wurde in der Theoriediskussion der 1970er Jahre Prozesse einer Ereignisgeschichte gegenübergestellt, wobei entgegen dem traditionellen Geschichtsbild eine Eigendynamik der Prozesse postuliert wurde. Anders die Soziologie, wo Prozesse im Unterschied zur Evolution stärker mit Handlungen und Ereignissen verbunden wurden.

Prozess und Geschichte

Prozesse lassen sich nach der zeitlichen Dimension von Ursachen und Wirkungen differenzieren oder aber anhand der Verlaufsmuster (zyklisch, pfadabhängig, diskontinuierlich...). Carsten Kaven (S. 233 ff.: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung) differenziert aus soziologischer Sicht zwischen Reproduktions- und Wandlungsprozessen.

Der Gewinn des  Prozessbegriffes liegt denn auch weniger in den Antworten, die er liefert, als in den Fagen, die er aufwirft. Es geht darum, zu untersuchen, ob hinter einer Reihe von historischen Ereignissen und Entwicklungen mehr steht als ein zufällige chronologische Abfolge. Zu fragen ist nach den zeitübergreifenden Zusammenhängen, nach Intentionalitäten, Kausalitäten und Effekten.

Die Beiträge beleuchten so die Dynamiken von Prozessem aber auch verschiedene Erklärungsmodelle. Dass hier soziale Prozesse und weniger ökologische Prozesse im Mittelpunkt stehen, die sich vielleicht gerade in der Archäologie als inspirierend erweisen können, ist dem fachlichen Hintergrund der Herausgeber geschuldet. Wichtig is die Perspektive komplexer dynamischer Systeme, wie sie Klaus Mainzer etwa an den Finanzmärkten erklärt. Er betont aber auch, dass es bisher keine abschließende nichtlineare Systemtheorie gäbe (S. 270), sondern diese eine interdisziplinäre Zukunftsaufgabe sei. So sind auch manche der Beiträge eher als kleine Bausteine zu einer Weiterentwicklung zu sehen, die zum Teil versuchen, heute separat betrachtete Ansätze, wie etwa Modellierungen (C. Kaven, S. 233ff.) oder Netzwerkanalysen (M Düring / L. von Keyserlingk, S. 337ff.) mit Ansätzen einer Prozesstheorie zu verbinden.

Für die Archäologie ist das Buch weit entfernt von den eigenen konkreten Themen, aber wichtig, denn gerade das Verständnis von langen Zeiträumen verlangt eine Auseinandersetzung mit Prozessen. Einzelne Schlagworte sind inzwischen auch schon Modebegriffe geworden, bei denen eine genauere methodisch-theoretische Reflektion zwingend geboten ist. Dabei mag der Band "Prozesse" wichtige Impulse liefern


Inhaltsverzeichnis


Rainer Schützeichel und Stefan Jordan: Prozesse – eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme - S. 1

Teil I Prozessformen

Ludger Jansen: Zur Ontologie sozialer Prozesse - 17

Gert Albert: Max Webers Grundbegriffe – eine Revision unter Beachtung der Kategorie der sozialen Prozesse - 45

Stefan Jordan: Was sind Historische Prozesse?  - 71

Rainer Schützeichel: Pfade, Mechanismen, Ereignisse. Zur gegenwärtigen Forschungslage in der Soziologie sozialer Prozesse - 87

Thomas Schwietring: Gesellschaft geschieht. Zeit und Geschichtlichkeit als begründende Kategorien des Sozialen - 149

Gunter Weidenhaus: Prozesse, die Zeit erschaffen? Empirische Betrachtungen zum Wechselverhältnis von sozialen Prozessen und geschichtlichen Strukturen - 169

Teil II Prozessdynamiken

Thomas Welskopp: Bewegungsdrang. Prozess und Dynamik in der Geschichte - 189

Bernhard Miebach: Theoretische und empirische Analyse sozialer Prozesse - 215

Carsten Kaven: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung - 233

Klaus Mainzer: Prozesse in komplexen dynamischen Systemen - 247

Achim Landwehr: Prozessbegriff und Kulturgeschichte - 273

Hendrik Vollmer: Schweigsame soziale Prozesse, historische Ereignisse, flüchtige Teilnehmer und sozialer Wandel - 303

Teil III Prozesserklärungen

Hella Dietz: Prozesse erzählen – oder was die Soziologie von der Erzähltheorie lernen kann - 321

Marten Düring - Linda von Keyserlingk: Netzwerkanalyse in den Geschichtswissenschaften. Historische Netzwerkanalyse als Methode für die Erforschung von historischen Prozessen - 337

Nina Baur: Theoretische und methodologische Implikationen der Dauer sozialer Prozesse - 351

Rainer Greshoff: Weites oder enges Prozessverständnis? Konzeptuelle Erörterungen auf der Basis einer kritischen Rekonstruktion des Luhmannschen Prozessbegriffes und unter Bezug auf soziale Mechanismen - 371

Peter Kappelhoff - Sozialkulturelle Prozesse aus Sicht eines methodologischen Evolutionismus - 409

Willfried Spohn: Europäisierung, Nation und Religion – Zur Transformation kollektiver Identitäten in einem sich erweiternden Europa - 435

Dienstag, 5. Juni 2018

USA: Politik beugt wissenschaftliche Freiheit der Archäologie

Der DGUF-Newsletter vom 31.5.2018 (PDF) berichtet ausführlich darüber, wie die Trump-Administration wissenschaftliche Kritik an seinen Maßnahmen unterdrückt. Ich zitiere den Newsletter:

“US-Behörde verhindert Teilnahme von Archäologen an Fachtagung der SAA

Das Bureau of Land Management (BLM), eine dem US-amerikanischen Innenministerium unterstellte Behörde zur Verwaltung und wirtschaftlichen Verwertung von öffentlichem Land, hat die Teilnahme von mindestens 14 BLM-Archäologen und weiterer BLM-Fachleute an der 83. Jahrestagung der Society for American Archaeology (SAA) im April verhindert; nur drei ausgewählte Kollegen wurden entsandt. Als Grund gab das BLM laut Washington Post die hohen Reisekosten an. Die BLM-Archäologen wollten ein Symposium mit dem Titel "Tough Issues in Land Management Archaeology" veranstalten; Chairs hätten die Kollegen Byron Loosle (beim BLM oberster Beauftragter für Kulturgut) und Laura Hronec (ebenfalls BLM) sein sollen. 
Im SAA-Programmheft sind 24 Teilnehmer für das Symposium aufgelistet, wovon laut Washington Post 17 Mitarbeiter des BLM sind. Die Veranstaltung musste abgesagt werden. Das Symposium sollte verschiedene umstrittene Themen behandeln, einschließlich der Durchsetzung des Antikengesetzes von 1906. Dabei hatte Barack Obama zahlreiche neue nationale Denkmäler benannt, die jetzt von Innenminister Ryan Zinke geprüft werden. Das von Theodore Roosevelt unterzeichnete Gesetz ermöglicht es, öffentliches Land einschließlich archäologischer Stätten für ökologischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Schutz zu sperren. Die damaligen Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton taten genau das, als sie in Utah die Nationaldenkmäler Bears Ears und Grand Staircase-Escalante errichteten; einer der Gründe war der Schutz kulturhistorischer Stätten für Ureinwohner. Ende 2017 beschloss Donald Trump, Bears Ears um 81% bzw. mehr als 1,1 Millionen Acres (knapp 4.500 Quadratkilometer) und Grand Staircase-Escalante um knapp 50% bzw. mehr als 800.000 Acres (mehr als 3.200 Quadratkilometer) zu verkleinern. Das begründete er am 4.12.2017 den Gesetzgebern und Bürgern Utahs u. a. mit diesen Worten: "Your timeless bond with the outdoors should not be replaced with the whims of regulators thousands and thousands of miles away. They don't know your land, and truly, they don't care for your land like you do. But from now on, that won't matter. I’ve come to Utah to take a very historic action to reverse federal overreach and restore the rights of this land to your citizens."
Einige Verbände werten den aktuellen Vorgang laut Washington Post als weiteren Beleg für das Bemühen des US-amerikanischen Innenministeriums, die Kommunikation von Forschern mit der Öffentlichkeit und Fachkollegen zu unterbinden. Die Zeitung benennt eine Quelle, die "aus Angst vor Vergeltung" anonym bleiben wolle und gesagt habe, dass die Mitarbeiter schon zu Obamas Zeiten ihre Konferenzbesuche über das Büro des BLM-Direktors zur Genehmigung vorgelegt hätten. Auch zuvor sei das Reisebudget eine Überlegung gewesen, aber unter Trump "wurden einzelne Ereignisse selbst und Themen, die abgedeckt werden sollten, genauer untersucht". SAA-Präsidentin Susan Chandler äußerte in einem öffentlichen Statement ihr Bedauern. U. a. sagte sie: "Preserving the US archaeological record is a charge entrusted to all Americans, often via our government agencies. BLM archaeologists handle large-scale, complex issues involving multiple stakeholders, and we were sorry to lose the chance to learn from their experience."


Interne Links

 

 


Freitag, 1. Juni 2018

CfP - Ruralia XIII Conference Stirling 2019: “Seasonal Settlement in the Medieval and Early Modern Countryside”

Insbesondere auch aus dem deutschen Raum sind Beiträge zu  saisonalen Siedlungen aus Mittelalter und Neuzeit für die nächste Ruralia-Konferenz gesucht.

By its very nature, ephemeral seasonal settlement is less well researched than permanent settlement. There has been a rash of recent work on transhumance a subject that has its own history and archaeology and has been variously researched in many parts of Europe. However, transhumance was only one facet of seasonal settlement. It was also necessitated by other forms of economic activity, such as fishing, following the movement of the herring shoals, or charcoal burning, as stocks of woodland are coppiced and burned, and even perhaps iron smelting with the exploitation of bog iron in Scotland, for example.

All of these leave particular forms of settlement and archaeology associated with the particular economic practice, and may vary in form according to the environment in which the activity is carried out: whether upland or lowland, coastal or inland, woodland or open pasture, mountain or plain (steppe). The types of buildings and structures that are constructed associated with summer settlement and the evidence for it being seasonal are key determinants of its relevance to this conference. The increased exploitation of resources in the medieval period with a growing population are drivers for this kind of activity which may have varied and developed according to the wider economy, of course, and should be reflected in the archaeology.

For Ruralia XIII Conference held in Stirling (Scotland, UK) 9th – 15th September 2019 we are seeking papers that address some of the questions outlined below that date to the longue durée of the medieval period. Sessions may be focused on particular areas of activity such as fishing or transhumance, or on particular chronological phases within the medieval period depending upon the level of interest shown. Papers which incorporate an interdisciplinary approach to landscape and land-use research are particularly welcome, for example, those combining geoarchaeology, palaeoenvironmental studies and historical documentary analysis.

Papers should address some of the following questions:
  • How do we recognise seasonal settlement? How do we know it is seasonal?
  • What form do these activities take and how was the associated settlement organised?
  • What is the environmental evidence for seasonal settlement? This may be proxy data such as pollen rain, physical evidence in the landscape of past land-use or environmental data from excavations of seasonal settlements of whatever kind.
  • What is the dating for these activities and how does it relate to other forms of evidence, including documentary sources?
  • How were these activities affected by economic drivers such as population growth and decline and consequent changes which may be reflected in the archaeology or in land-use change?
For more information at Ruralia and the modalities for participating at the conference please see: