Dienstag, 25. April 2017

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge - ein neues archäologisches Forschungsprojekt

Von den Veränderungen der Spätantike waren auch die fundamentalen Lebensbedingungen in vielfältiger Weise betroffen. Die Unsicherheit wuchs, die staatlichen Strukturen wurden geschwächt.
In den Städten frühbyzantinischer Zeit war eine “Ruralisierung“, oft verbunden mit einer Verlagerung oder Auflösung des Stadtkerns, wobei vielerorts kleine Häuschen in frühere öffentliche Gebäude oder gar deren Ruinen gesetzt wurden.
Ganz grundlegend war für die Menschen jedoch die Sicherung der Nahrungsversorgung. Spielte bis dato die staatliche Getreideversorgung eine zentrale Rolle, so musste nun selbst Vorsorge getrofffen werden.
Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien? Wie veränderte dies die Ernährungsgewohnheiten, wie die landwirtschaftliche Produktion?  Wie reagierten die Menschen auf die veränderten Lebensumstände, welche Maßnahmen ergriffen sie zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage? Diesem Fragenkomplex - oder vielmehr einer konkreten Fallstudie am Beispiel der Versorgung der spätantiken Stadt Caričin Grad widmet sich ab Sommer ein neues Forschungsprojekt: "Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad". Die Finanzierung dazu hat die Fritz-Thyssen-Stiftung bewilligt. Die Stadt Caričin Grad bietet eine perfekte Ausgangsbasis, um nach Antworten zu forschen. Sie wurde um 530 n. Chr. von Kaiser Justinian als Verwaltungsmittelpunkt gegründet, jedoch um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen.

Aus dem aktuell auslaufenden Projekt "Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang des frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)" wissen wir um Vorräte in verschiedenen Häusern, aber auch um die Aufbereitung von Getreide für die lokale Verarbeitung. Jetzt stehen im Rahmen einer serbisch-französichen Kooperation Ausgrabungen in dem Horreum der Stadt an, die das neu bewilligte Projekt nutzen will, um diesen Privaten Versorgungsstrategien mit der staatlichen Getreideversorgung der sog. Annona zu vergleichen.

Das Horreum in der nördlichen Oberstadt von Caricin Grad ist Gegenstand neuer Forschungen.
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad - Pressebild)


Im Kern des Projektes, das das RZM (meine Wenigkeit [Rainer Schreg]) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Wiebke Kirleis) gemeinsam beantragt haben, stehen archäobotanische Untersuchungen, die Dipl.-Prähistorikerin Anna E. Reuter durchführen wird. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch bodenkundliche Analysen, die nicht nur von erheblicher Bedeutung sind, wenn es darum geht, die Fundablagerungen einzuschätzen, sondern auch einen Betrag leisten, die Geschichte des Horreums und die dortigen Arbeitsabläufe zu verstehen. In dessen jüngster Phase sind dort eben solche kleine Einbauten entstanden, wie sie in der Sptantike vielfach zu beobachten sind.

Während der Ausgrabungen im Sommer werden systematisch Proben gesammelt, die dann in Mainz und Kiel ausgewertet werden. Die bodenkundliche Expertise liegt bei den Projektpartner vom Geographischen Institut der Johannes-Gutenberg Universität  (Prof. Sabine Fiedler, Dr. Jago Birk).

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Sonntag, 23. April 2017

"Die Wissenschaft darf nicht schweigen." - #BlogsforScience


Tausende Wissenschaftler haben am Earth Day weltweit dafür demonstriert, dass Fakten und Forschung weiterhin ernst genommen werden und politische Entscheidungen nicht aus dem Bauch raus getroffen werdn.
Entsprechende Veranstaltungen gab es weltweit.
In Panama ist der Caminata por la Ciencia vergleichsweise klein ausgefallen - mit geschätzt über 300 Teilnehmern ist das jedoch für ein Land, das eher mit Kanal, Tigerente, Briefkastenfirmen und Bananen gleichgesetzt wird, beachtlich.
"Ciencia no silencia" skandierten die Marschierer - frei übersetzt: Die Wissenschaft darf nicht schweigen.


Caminata por la Ciencia, Panama 22. April 2017
(Foto: R. Schreg)

Der Protest hatte hier auch deutlich eine soziale Komponente - Forderungen nach mehr Frauen in der Wissenschaft oder der Hinweis auf die Rolle für Bildung und Entwicklung waren zu lesen.  In dem zuletzt von Korruptionsskandalen gebeutelten Land fehlt es an Investitionen in das Bildungswesen.
Auffallend war aber auch: das Engagement von Firmen wie esri, denen man gerne unterstellen mag, dass es natürlich auch um wirtschaftliche Interessen geht.




Interne Links

Samstag, 22. April 2017

US-Kongress: Forschungsförderung nicht mehr nach wissenschaftlichem Wert, sondern nach politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit - #MarchforScience

Die US-amerikanische National Science Foundation gibt nur 5% ihres Budgets für Sozialwissenschaften aus. 0,12% entfallen auf die Archäologie. Dennoch ist das dem Kongressabgeordneten und Vorsitzenden des Wissenschaftsausschuß Lamar Smith zu viel. Er will Mittelvergabe nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach deren politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit. Schon 2014 war Smith aufgefallen, dass ihm die Freiheit der Forschung und die Bedeutung der Sozialwissenschaften unverständlich ist.
 

Interne Links

Dienstag, 18. April 2017

Erklärung der G7-Kulturminister

Vom 20-21. 3. trafen sich die Kulturminister der G7-Staaten in Florenz. Dabei wurde eine Erklärung zum Kulturerbe beschlossen:
Die Erklärung konstatiert, dass Kulturerbe aus drei Gründen wichtig sei und zwar als:
  1. Identitätsstiftung
  2. Wirtschaftsfaktor 
  3. Faktor und Thema der Technologie.
Ich halte diese Liste für probematisch, denn Identitätsstiftung bedeutet immer auch Ausgrenzung. Archäologie und Geschichte haben da in der Forschungsgeschichte schon einige negative Erfahrungen gemacht. Sicher schafft Kulturerbe Identität, aber das ist durchaus nicht immer positiv besetzt. Auch die Terroristen, die Kulturgüter zerstören - der zentrale Thema der Erklärung - schaffen sich ihre Identität aus der Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe, indem sie es zerstören.
Kulturerbe kann und ist duchaus ein Wirtschaftsfaktor, aber es vor allem unter diesem Faktor zu betrachten ist gefährlich, denn das geht schnell an die Substanz der Quellen und zu Lasten einer seriösen Auseinandersetzung. 
Kulturerbe als Faktor und Thema der Technologie dürfte alle Freunde der Digital Humanities freuen, denn genauer heisst es in der Erklärung, dass das Kulturerbe einen Kontext bietet, die Potentiale und Möglichkeiten auszuloten, die sich im digitalen Zeitalter ergeben ("context for measuring the potentials and opportunities generated by the digital era"). Das ist m.E. richtig, aber sicher kein zentraler Punkt in der generellen Bedeutung des kulturellen Erbes.

Das Wichtigste, was Kulturerbe für die Gesellschaft leistet, fehlt hier, wie so oft: 
  1. Reflektions- und Orientierungswissen  zur Einschätzung unserer Gegenwart durch die Chance auf eine fundierte, (selbst)kritische Auseinandersetzung mit menschlichen Gesellschaften und ihren Mythen
  2. eine zukunftsgerichtete Sensibilisierung für die langfristigen Folgen menschlichen Handelns 
  3. ein Gespür für die Verantwortung in der Zeit.

Mittwoch, 12. April 2017

Dienstag, 11. April 2017

Mittelalterarchäologie im Mittelalterblog

ein Beitrag von Maxi Maria Platz

Interdisziplinarität ist das Schlagwort in allen Wissenschaften, da sich alle auf die Fahnen schreiben, die sich als Forschende verstehen. Ohne interdisziplinäre Kooperationen kommt so gut wie kein drittmittelfinanziertes Forschungsprojekt mehr auf den Weg und wer hat schon was gegen die spannende Zusammenarbeit mit Kolleg*innen benachbarter oder auch scheinbar nicht verwandter Fächer?

Die Mittelalterarchäologie musste in den 1970er und 80er Jahren ihre Daseinsberechtigung als Fach vor allem gegenüber der mittelalterlichen Geschichte erst beweisen. Laut waren die Vorbehalte zu Methoden, die man für vorgeschichtliche Zeiträume kannte und für historische Epochen als unnötig betrachtete.

Günter Fehring widmete in seiner Einführung in die Mittelalterarchäologie ein ganzes Kapitel der Abgrenzung des Fachs gegenüber seiner Nachbardisziplinen (Fehring 2003, 13-17). In einem kürzlich von Barbara Scholkmann, Hauke Kenzler und Rainer Schreg herausgegebenen Handbuch dagegenfehlt ein solches Kapitel (Scholkmann - Kenzler - Schreg 2016). Das kann man als Manko betrachten, ist aber auch ein Zeichendafür, dass eine Rechtfertigung der Mittelalterarchäologie nicht mehr von Nöten ist. Sie hat sich zu einem vollständig anerkannten Mitglied der mediävistischen Fächerfamilie entwickelt.

(Foto: M.M. Platz)
Für ernsthaft arbeitende Historiker ist die Kommunikation mit Archäologen selbstverständlich geworden. Gelegentlich wünscht man sich zwar, dass archäologische Beiträge insbesondere in historischen Sammelbänden nicht ganz so isoliert wirken, doch hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren deutlich positiv entwickelt.

Für viele Fragestellungen in der mittelalterlichen Geschichte ist das Heranziehen von materiellen Quellen nicht immer notwendig, der Umgang mit Schriftquellen ist für den Archäologen jedoch unabdingbar. In der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Forschung werden von manchen Fachkollegen nach wie vor schriftliche Überlieferungen und deren Interpretation teilweise als Konkurrenz zu den „eigentlichen“ Quellen der Archäologie ‒ nämlich die Artefakte und ihre Stratigrafie ‒ betrachtet, wohingegen die englischsprachige Forschung das Verhältnis seit den 1970er Jahren eher entspannt kontextuell sieht. Ein Umstand, der sich langsam ändert, aber noch immer zu beobachten ist (Schreg 2007, 12-13; s.a. Scholkmann 2003).

Das interdisziplinär publizierende Mittelalterblog ist eine der wenigen Plattformen in der wissenschaftlichen Online-Landschaft, das alle mediävistischen Disziplinen, insbesondere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Sprach- und Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Theologie und Religionswissenschaften, Skandinavistik und Theaterwissenschaften zusammenbringt. Die Redaktion ist mit Fachwissenschaftlern besetzt, welche die Beiträge betreuen, im Vorfeld prüfen und damit die Qualität der Blogposts sichern.

Die Artikel erscheinen exklusiv online im Open Access, sind zitierbar und können als Online-Publikationen bei der VG-Wort angemeldet werden. Wissenschaftliche Artikel im engen Sinne (Miszellen, Aufsätze, Editionen) werden in den Regesta Imperii Opac (RI-Opac) aufgenommen.

Gerade in der Mittelalterarchäologie sind Online-Beiträge noch keine Selbstverständlichkeit, obwohl die Vorteile für sich sprechen: Hohe Sichtbarkeit bei Fachkollegen der eigenen und der Nachbarwissenschaften, konstruktiver Austausch in der moderierten Kommentarfunktion und sehr zeitnahe Publikation. Dabei versteht sich das Blog nicht als Werbeplattform für neu erschienene Monographien und Sammelbände, sondern als vollwertige Alternative zu Printmedien.

Die Mittelalterarchäologie, mit ihrer Offenheit gegenüber interdisziplinären Ansätzen von klassischer Arbeit mit Schriftquellen, Bauforschung, naturwissenschaftlichen Prospektions- und Datierungsmethoden bis hin zur Archäoinformatik, soll nun stärker in den Fokus der breiten Leserschaft des Mittelalterblogs rücken.

Somit ist dieser Beitrag als Aufforderung zu verstehen, Artikel zu laufenden Forschungsprojekten, Dissertationen und auch Grabungen mit außergewöhnlich guten mittelalterlichen Befunden und Funden im Mittelalterblog zu veröffentlichen. Es lohnt sich!


Social Media-Präsenzen


Twitter: @mittelalterblog

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Literaturhinweise

Fehring 2003
G. P. Fehring, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Eine Einführung (Darmstadt³ 2003).

Scholkmann 2003
B. Scholkmann, Tyrannei der Schriftquellen? Überlegungen zum Verhältnis materieller und schriftlicher Überlieferung in der Mittelalterarchäologie, in: M. Heinz/ M.K. Eggert/ U. Veit (Hrsg.), Zwischen Erklären und Verstehen? Tübinger Archäologisches Taschenbuch 2 (Münster/ NewYork/ Berlin/ München 2003) 239-257.

Scholkmann - Kenzler - Schreg 2016
B. Scholkmann/ H. Kenzler/ R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016).

Schreg 2007
R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 18, 2007, 9-20







Maxi Maria Platz ist Mittelalterarchäologin und lebt mit ihrem Mann in Duisburg. In ihrer im Februar an der Universität Bamberg angenommene Dissertation beschäftigte sie sich Ausgrabungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg.

Mittwoch, 5. April 2017

Angriff auf die Wissenschaft in Ungarn

Die ungarische Regierung - und die Parlamentsmehrheit  - erzwingen mit einem neuen Hochschulgesetz die Schließung der Central European University (CEU), einer in Budapest ansässigen amerikanischen-ungarischen Kooperation, die internationale Studienabschlüsse anbietet. Die Univsersität ist stark geisteswissenschaftlich ausgerichtet und mit ihrer internationalen Ausricht der nationalkonservativen Regierung Orbán ein Dorn im Auge. Die neuen gesetzlichen Bestimmungen sind gezielt gegen die CEU gerichtet, die von einer Stiftung getragen wird, die sich Demokratie und Liberalität auf die Fahnen geschrieben hat.

(CEU)
Der Gründer der CEU, der ungarischstämmige US-Milliardär George Soros (wikipedia), ein Überlebender des Holocaust hatte nach der Wende einen Großteil seines Gelds für den Aufbau demokratischer, liberaler und offener Gesellschaften in Osteuropa gespendet und dabei Anfang der 1990er Jahre auch die CEU gegründet, deren Ziel die Ausbildung einer neuen demokratischen Elite für die Region war.

In einer Rede vor dem Europaparlamemt kritisiert Bundespräsident Frank-Walter Stenmeier die ungarische Regierung. "Wenn wir ein Leuchtturm sein wollen für Rechtsstaat und Menschenrechte in der Welt, dann darf es uns nicht egal sein, wenn dieses Fundament im Inneren Europas wackelt." Mit Blick auf die CEU sagte er, Europa dürfe nicht schweigen, wenn einer Universität in Budapest "die Luft zum Atmen genommen werden soll".

Orbán, der einmal selbst von einem der Stipendien profitiert hat, wirft Soros vor, hinter der Flüchtlingswelle zu stecken und einen Austausch der Bevölkerung in Europa  anzustreben - Rassismus und Verschwörungstheorien feiern Auferstehung.



Medienberichte

Seite der CEU
Stellungnahme der Association of Hungarian Archaeologists (MRSZ) betont die Bedeutung der CEU für das Fach

nicht sonderlich engagiertes Statement der US-Regierung
Unterschreiben!

Petition


Links: Orbán und die Archäologie

Montag, 3. April 2017

Der Bock als Gärtner

https://wissenschaftkommuniziert.wordpress.com/2017/03/21/blogger-for-sciencefacts-blogs-setzen-ein-zeichen-gemeinsam/#BlogsforScience
Ausgerechnet der Vorsitzende des amerikanischen Wissenschaftsausschuss bezweifelt die Objektivität und Seriosität der Zeitschrift "Science". Ein weiteres Beispiel, dass sich die Wissenschaften positionieren müssen.

Links

Samstag, 1. April 2017

Kulturgut in Syrien und Irak, März 2017

Daesh/IS gerät immer stärker in Bedrängnis, nach den Kämpfen um Aleppo, Palmyra sind nun die Städte von Idlib, Mosul und auch Stadtteile im Osten von Damaskus, wo es vorher relativ ruhig geblieben ist. Damaskus war auch der Ort, an dem viele Objekte aus Syrien "in Sicherheit" gebracht worden sind. (Die Internetseite der syrischen Altertumsbehörde war am 30.3.2017 nicht mehr zuverlässig zu erreichen - deshalb laufen einige der unten angegebenen Links möglicherweise ins Leere).
Einige der  bislang verwendeten Quellen sind in den letzten Monaten weggebrochen, so z.B. die facebook-Seite Le patrimoine archéologique syrien en danger - https://www.facebook.com/Archeologie.syrienne/  oder
Auch die facebook-Seite des Nationalmuseums in Damaskus, die bis Mitte 2015 immer wieder - bisweilen durchaus propagandistische - Posts abgesetzt hat, ist seit langem still. Aktiv ist noch die facebook-Gruppe Archaeology in Syria - An eye over the WHL, wobei deren Website ebenfalls seit etwa einem Jahr auch keine Aktivitäten mehr zeigt. 

Eine Dokumentation der Maßnahmen und des internationalen Engagements zum Schutz des Kulturerbes bieten die Berichte Heritage for Peace. Der nun vorgelegte vierte Bericht bezieht sich auf den Zeitraum Oktober 2015 bis Dezember 2016. Hier ist unter den Reports und Databases auch Archaeologik aufgeführt.


Palmyra

1.3.2017
Erneutes Vordringen des russich-syrischen Militärs. Eingenommen wurde die Zitadelle und Gebiete im Westen der Stadt. Es bleibt zunächst unklar, ob das Ruinengelände bereits "befreit" ist.
Die russische Sicht:
Die inzwischen von Daesh zerstörte Bühne des Theaters von Palmyra
(Foto: M. Scholz, 1993)
2.3.2017
Die syrisch-russischen Kräfte haben Palmyra angeblich vollständig eingenommen. Daesh soll in der ganzen Stadt Minen deponiert haben.
3./4.3.2017
Erste Bilder aus der wieder befreiten antiken Stadt, aus der sich Daesh zwar zurückgezogen hat, deren Besetzung aber wegen Sprengfallen und Minen nur vorsichtig Schritt für Schritt erfolgt:



          Auf YouTube finden sich von RUPTLY mehrere Videos, die das Vordringen der syrischen Truppen zeigen:
          Russische Medien stellen die Rolle Russlands bei der Rückeroberung heraus:
          5.3.2017
          In Palmyra wird zu einem Pressetermin geladen.  Dabei entstehen Bilder mit Musikantinnen vor der zerstörten Bühnenwand des Theaters. Palmyra and Aleppo News Updates kommentiert auf facebook: "It is hard to dislike the photos of the musicians and surely the west will equal the absence of hijab with freedom and democracy but appearances are deceptive." Ein anderer Kommentar weißt darauf hin, dass die Berichte den Eindruck erweckten, Palmyra bestünde nur aus Archäologie und Sand, nicht aus Mesnchen.
          In einem Kommentar in The National, einer Zeitung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wird die aktivere Rolle der USA bei der Rückeroberung herausgestellt:
          ab 6.3.
          "We were afraid and we expected the worst scenarios; luckily, the terrorists did not have enough time to carry out more crimes against the human heritage. Where we have not spotted any new damage so far in the Tomb of the Three Brothers, Temple of Bel, Temple of Nebo, Camp of Diocletian, the Straight Street, Agora and other monuments."
          Ein Militärführer von Daesh, Anführer Abu Hamid al-Sukhni wurde bei Kämpfen getötet. Er soll für die Zerstörungen in Palmyra verantwortlich gewesen sein.

                  Mosul

                  DIe irakischen Truppen dringen im Häuserkampf in den Westen von Mosul vor.
                  Unter dem von Daesh 2014 zerstörten Jonas-Schrein wurden die Reste eines assyrischen Palastes entdeckt. Entgegen der Medienberichte war die Fundstelle durchaus schon bekannt, doch war auf Ausgrabungen an der Stelle des Schreines verzichtet wurde. Als die irakischen Streitkräfte die Region östlich von Mosul zurück erobert haben, wurden zahlreiche Stollen entdeckt, mit denen Daesh den Palast hat plündern lassen. Es ist schwer zu bestimmen, was geraubt wurde und wie dramatisch die Zerstörungen der bislang weitgehend unbekannten Anlage sind.
                  Das Museum von Mosul wurde von irakischen Streitkräften eingenommen. Es seien nur noch Trümmer vorhanden.
                  "Zuvor hatten die irakischen Behörden mitgeteilt, dass einige der vernichteten Artefakte Reproduktionen gewesen seien. Man habe einige Originale nach Bagdad evakuieren können. ... Es wurde auch bekannt, dass die Terroristen einige Kunstgegenstände auf dem Schwarzmarkt verkauften." /RT today)
                  Die Universität Mosul
                  Verwiesen sei auf die facebook-Gruppe Monuments of Mosul in Danger,  die immer wieder Berichte aus der Stadt liefert.

                    Zerstörungen

                    Bakhira, 2010
                    (Foto: Jim Gordon [CC BY 2.0] via WikimediaCommons)

                    Idlib und das nordsyrische Kalksteinmassiv

                    Die syrische Altertumsbehörde postet Bilder, die Raubgrabungen und Steinraub in Bakhira, einer der toten Städte im nordsyrischen Kalksteinmassiv und Teil des UNESCO-Weltkulturerbes zeigen.

                    Die Region Idlib ist in den Händen der Oppositionskräfte. Nach dem Fall von Aleppo und Palmyra scheinen sich die Kämpfe dort nun zu verschlimmern.

                    Für Idlib ist die facebook-Präsenz des Idleb Antiquites Center [sic!] zu nennen 

                    Aleppo

                    In Aleppo gibt es erste Bestandsaufnahmen der Zerstörung. Zu nennen sind v.a. Posts der facebook-Gruppe Aleppo Archaeology und Berichte der DGAM.

                      Anschlags- und Morddrohungen gegen  Kulturprogramm in Babylon

                      Im Irak drohen radikale Gruppen den Verantwortlichen der Stätte Babylon mit Anschlägen und Mord, wenn dort weiterhin ein Kulturprogramm angeboten werde.

                      Terrorfinanzierung

                      Die Diskussion, inwiefern die Raubgrabungen und der Antikenhandel mit Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht werden kann (und soll), hat erneut an Heftigkeit gewonnen. Ein Bericht über die Finanzierungslage des Daesh hatte im Februar festgestellt, dass keine Zahlen benannt werden können (Archaeologik 1.2.2017). Schon vor Jahren haben Stimmen gewarnt, die Verbindungen mit dem Terror zu stark herauszustellen, da sie natürlich nicht wirklich mit Beweisen hinterfüttert werden können und so die Glaubwürdigkeit leiden könnte. Anti-Terrormaßnahmen müssten auch nicht unbedingt den Interessen des Kulturgüterchutzes entsprechen (Archaeologik 9.8.2014, vergl. Der Beweis des Unbewieseneen. Archaeologik 28.11.2015).
                      Eine Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 24.3.2017 betont hingegen die Rolle des Kulturgüterschutzes für den Kampf gegen den Terrorismus. Erstmals kam die UNESCO in diesem UN-Gremium direkt zu Wort. Außerdem gab es ein Statement der italienischen Carrabinieri, nachdem allein im letzten Jahr in Italien im Kampf gegen illegalen Kulturgüterhandel 800.000 Objekte sicher gestellt worden seine. 
                      Sehr gut zum Thema Raubgrabungen und Terrorfinanzierung:

                          Maßnahmen


                          Die Schaffung eines internationalen Fonds

                          Auf der UNESCO-Tagung  "Safe-guarding Endangered Cultural Heritage" in Abu Dhabi im Dezember 2016 war beschlossen worden, einen Fond für den Schutz bedrohten kulturellen Erbes einzurichten. Dafür sollen 100 Mio. US-$ zur Verfügung gestellt werden, wovon Frankreich alleine 30 Mio zugesagt hat. Mit dem Fond sollen  die weltweite Initiative "Unite for Heritage" und die Bemühungen der UNESCO zum Schutz von Kulturgut im bewaffneten Konflikt unterstützt werden (siehe http://archaeologik.blogspot.de/2017/01/morden-und-restaurieren-in-aleppo.html).  Jetzt fand in Paris ein Nachfolgetreffen statt, bei dem es darum ging, die Geldgeber zusammen zu bekommen.

                           

                          UN-Resolution


                          Im Kontext der oben genannten Sitzung des UN-Sicherheitsrates wurde Resolution Nr. 2347 verabschiedet, die Kulturgutzerstörung als Kriegsverbrechen einstuft. Dabei wird explizit auf das Urteil des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag um Zerstörungen von Weltkulturerbe in Timbuktu verwiesen (http://archaeologik.blogspot.de/2016/08/groere-aufmerksamkeit-fur-das.html)
                          Die Resolution wendet sich explizit auch gegen Plünderung und Schmuggel von Kulturgüterm.
                          Deplores and condemnsthe unlawful destruction of cultural heritage, inter alia destruction of religious sites and artefacts, as well as the looting and smuggling of cultural property from archaeological sites, museums, libraries,archives, and other sites, in the context of armed conflicts, notably by terrorist groups.


                            Exil und Weiterbildung

                            Das Beispiel des syrischen Archäologen Mohamad Fakhro, früher Vizedirektor des Nationalmuseums in Aleppo und Grabungsleiter in Tell Halaf, jetzt an der Universität Tübingen

                            Artefaktmarker

                            Internationales


                              online-Ausstellung des Gettys:

                              dazu eine Kritik

                              Palmyra-Ausstellung in Hannover

                              Bel-Heiligtum in Palmyra
                              von Louis-François Cassas (1756-1827)
                               (Wallraf-Richartz-Museum, Köln,
                              Inv.-Nr. Hittorff-Nachlass, Ba. 011)
                              (gemeinfrei, via WikimediaCommons)
                              Jetzt im Kestner-Museum. 2016 war die Ausstellung in Köln zu sehen (vergl. http://archaeologik.blogspot.de/2016/04/die-befreiung-von-palmyra-syrienirak-im.html).

                              Wiederaufbauplanungen für Aleppo

                              G7-Kulturgipfel in Florenz


                                Sonstiges


                                  Links

                                  frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                  Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.