Freitag, 19. Mai 2017

Eine Zukunft in Aleppo?!

Mamoun Fansa /  Carola Simon / Lena Wimmer (Hrsg.)
Strategies to rebuild Aleppo
Mainz: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017

120 Seiten, 74 Abbildungen, Broschur
englisch

ISBN: 978-3-945751-96-1

€ 17,90 (D) / sFr 17,90 / € 18,40 (A)

Im Frühjahr 2017 ist die Belagerung Aleppos durch die Regime-Truppen zu Ende gegangen, die Kämpfe in der Stadt haben erst Mal aufgehört. Aber die einst prächtige Stadt ist zerstört, viele der Bewohner sind geflohen.

Aleppo im Dezember 2016
(Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
Министерство обороны Российской Федерации
[CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
Aleppo im Dezember 2016
(Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
Министерство обороны Российской Федерации
[CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
Zahlreiche aktuelle Bilder aus der Stadt zeigen das Ausmaß der Zerstörung, die kaum Wohnraum oder städtische Infrastrukturen zurück gelassen hat. Ein Wiederaufbau ist hier dringend von Nöten, doch da der Konflikt noch nicht beendet ist, ist das ein schwieriges Unterfangen. In Aleppo hat derzeit das syrische Regime den Sieg davon getragen, das zu unterstützen der Westen nicht bereit ist. 

Schon im April 2016 hat in Berlin am Deutschen Architekturzentrum (DAZ) eine Tagung stattgefunden, die sich mit den Möglichkeiten eines Wiederaufbaus befasst hat.

Vor dem Krieg war Aleppo ein Musterbeispiel einer Stadtsanierung unter Beteiligung der Einwohnerr. In den 1980er Jahren war die Altstadt von Aleppo von einer massiven Abwanderung betroffen. Die Anerkennung der Altstadt von Aleppo als UNESCO-Weltkulturerbe konnte diesen Prozess nur bedingt aufhalten. Seit den 1990er Jahren bis 2010 wurden etwa 90% der Altstadt saniert. Dabei wurden gezielt die Einwohner eingebunden. Darüber berichtet der einleitende Beitrag von Franziska Laue, "Aleppo Archive in Exile" (S. 22ff.). Als Aleppo Archive wird das Urban Historical Archive and Documentation Center ( UHADC) bezeichnet, das als Abteilung der Stadtverwaltung von Alt-Aleppo die Sanierungsarbeiten, Forschungen und Stadtentwicklung koordiniert hat. Der Beitrag stellt auch dar, wie seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges die Arbeiten eingestellt wurden, zugleich aber von Deutschland aus versucht wurde, das Netzwerk zu erhalten und auszubauen. Den umfangreichen digitalen Datenbestand des Aleppo Archive hat 2016 das Deutsche Archäologische Institut in seine Obhut genommen.

Die jetzige Initiative baut auf den Arbeiten des UHADC auf, dessen Daten wichtige Grundlagen für die künftigen Planungen sein werden. Die langfristigen Ziele sind (S. 14):
  • Eine Wiederherstellung der Altstadt nach dem Krieg. Dabei soll die Stadt als Ganzes betrachtet werden, also auch die Neustadt in die Überlegungen und Maßnahmen einbezogen werden.
  • Ene Rekonstruktion der Altstadt. Alte und neue Strategien, aber auch die historischen Quellen sollen die Grundlage dafür sein.
  • Ein Wiederuafbau der Neuustadt, der auf die Altstadt bezogen werden soll.
  • Eine Einbeziehung der Archäologie in den Planungsprozess und Durchführung von Ausgrabungen, um Kenntnisse über die älteren Stadtepochen zu erhalten. 
  • Die Beteiligung der Einwohner der Altstadt, für die zunächst provisorische Wohnungen auf Freiflächen außerhalb der alten Stadtbefestigung errichtet werden sollen.
  • Wiederbelebung des traditionellen Handwerks, das sowohl für den Wiederaufbau als auch für die Identität der Menschen von Bedeutung ist
  • Werbung für eine Berücksichtigung des Kulturerbes und der Identität der Altstadt
In mehreren Interviews ("Discussing Aleppo")  kommen verschiedene Architekten und Archäologen zu Wort, die ihre persönliche Sicht erläutern.

Das Bändchen - eher eine Hochglanzbroschüre - ist ein wichtiges Signal der Hoffnung für die Menschen in Aleppo. Es wirbt dafür, den Wiederaufbau wohl durchdacht und unter Betiligung der Bevölkerung vozunehmen. Bislang ist es nur eine Hoffnung, dass dies bald geschehen kann. Zwar laufen erste Wiederaufbaumaßnahmen bereits an, doch erfolgen diese unter dem Assad-Regime,, mit dem vom Westen keine Kooperation gewollt ist (die Altertumsbehörde macht da eine bemerkenswerte Ausnahme). So bleibt die Ungewissheit, ob es die politischen Voraussetzungen geben wird, um die Ideen und Ergebnisse vor Ort tatsächlich rechtzeitig einzubringen.




Inhaltsverzeichnis
  • Introduction
  • Welcome
  • Manifesto & Purpose
  • Who should participate in the reconstruction of Aleppo?
  • How should we start to reconstruct / rebuild / redevelop Aleppo?
  • Aleppo Archive in Exile (Franzsika Laue)
  • Summary of the panel discussions
  • Open discussion (Interviews)
  • Discussing Aleppo
  • Biographies
  • Past / present / future of Aleppo - an exhibition
  • Abbreviations
  • Participants of the conference
  • Acknowledgments
  • Imprint
 

Links


Montag, 15. Mai 2017

Anfänge der Holocaust Archaeology 1990/91

Die Wächter des Erbes - Initiativen zum Schutz des Kulturerbes in Libyen


Eine Doku auf ARTE schildertt die freiwilligen Wachen in der Ruinenstadt Leptis Magna:, die aus der ortsansässigen Bevölkerung gestellt werden:

Ein 5 min Beitrag über die Situation in Libyen mit speziellem Augenmerk auf dem Kulturgut - via  der US Botschaft in Libya auf facebook: 

Die ICOM Rote Liste für Libyen soll insbesondere des Zollbehörden helfen, potentielle Raubgrabungsgüter aus Libyen zu identifizieren.:

Sabratha in der Hand von Daesh

Freitag, 12. Mai 2017

GESUCHT: Mittelalterliche Textamulette

ein Beitrag von Konrad Knauber
 - for an English version see here

Seit Herbst 2015 gibt es am Heidelberger Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ ein Projekt, das sich mit „Magischer Schriftlichkeit und ihrer Deponierung in mittelalterlichen Gräbern“ beschäftigt. Das Ziel ist die Sammlung und Kontextualisierung physisch erhaltener Textträger aus archäologischem Befund, die in den Bereich der Magie und Volksreligion des christlichen Mittelalters gehören. Bereits nach kurzer Zeit ist hierbei eine Gruppe von Objekten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die bislang wenig erforscht ist und doch in großen Teilen Europas verbreitet gewesen sein dürfte. Es handelt sich um christlich geprägte Textamulette, die mit Bibelzitaten, Gebeten, Segenssprüchen oder Beschwörungen beschriftet und z. T. deutlich individualisiert wurden. Bestandteile dieser Formeln finden sich in einer großen Zahl vor allem medizinischer Handschriften, die in klösterlichen Skriptorien zirkulierten und als Vorlagen für die Anfertigung schutzbringender Artefakte gegen Krankheiten, dämonische Einflüsse und Unheil aller Art dienten.


Abb. 1  Noch zusammengefaltetes Amulett von der Burg Drevic (CZ), die unbeschriftete Außenseite fehlt (links im Fundzustand). Erkennbar sind die Passagen callidi diaboli (Z. 2: „…des listigen Teufels…“), Adiuro albis (Z. 4: „Ich beschwöre dich, ‚Elf‘…“) und et spiritum sanc[tum] (Z. 5: „und [beim] heiligen Geist…“). Romanische Minuskelschrift des 11./12. Jh.; zusammengefaltete Größe ca. 3,5 x 4,2 cm. (Fotos: Z. Šámal / D. Blažek)


Auch wenn andere Schreibmaterialien (vor allem Pergament, s. Abb. 3) vorkamen und in bestimmten Regionen deutlich verbreiteter gewesen sein dürften, sind beschriftete Bleibleche aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit und des Einsatzes von Metallsonden doch die Fundgruppe, bei der der größte Zuwachs zu erwarten ist. 2013 erschien eine erste Monographie von Arnold Muhl und Mirko Gutjahr, die acht Bleiamulette aus dem Untersuchungsgebiet Sachsen-Anhalt  beinhaltet und weitere 80 verwandte Objekte in ganz Europa –von der Spätantike bis zum Ausgang des Mittelalters- auflistet. Darunter sind sowohl am Körper getragene Amulette als auch andere Stücke, die nach Form, Größe und Textinhalt dazu gedacht waren, Häuser, Gräber oder andere Orte zu beschützen. Dabei zeigen sich neben regionalen Besonderheiten auch deutliche Lücken in der Verbreitung (v.a. Westeuropa und der alpine Raum, wo es aber durchaus entsprechende Texte in Manuskripten gibt), deren Zustandekommen momentan ebensogut mit der Verwendung vergänglicher Materialien wie mit der desolaten Forschungssituation erklärt werden kann, da das Thema exakt zwischen Archäologie, Epigraphik und Manuskriptforschung liegt und die Objekte im Fundzustand meist klein zusammengefaltet sind und unscheinbar bzw. unbeschriftet  wirken. Auf gezielte Nachforschung hin tauchen kontinuierlich entweder neu gefundene oder erst im Nachhinein erkannte bzw. bislang unbearbeitete Textamulette auf, sodass beispielsweise ein erster Fund in Tschechien (s. Abb. 1) demnächst publiziert wird und in Sachsen-Anhalt die Zahl binnen vier Jahren auf ca. 20 bekannte Stücke angewachsen ist (s. Abb. 2).

Abb. 2

Detail eines entfalteten Bleitäfelchens aus der Wüstung Seelschen bei Ummendorf (Lkr. Börde) unter polarisiertem Licht: Erkennbar sind die Worte ar/chang(e)los (Z. 1), m(arty)res (Z. 2), fa/mule d(e)i hazzg[a] (Z. 3.: „der Dienerin Gottes Hazzga“). Die Buchstabenhöhe beträgt ca. 1,5 mm; am Ende der Inschrift steht die Jahreszahl „1070“.
(Foto K. Knauber)


Im Hinblick auf die laufende Promotion würde ich mich freuen, möglichst viele noch un- oder wenig bekannte Amulette erfassen zu können. Einzelne Sammlungen und auch ehrenamtliche Sondengänger wurden von mir und hilfsbereiten Kollegen bereits sensibilisiert; flächendeckend und europaweit ist das aber in der Projektlaufzeit nicht zu leisten. Daher wäre ich für die Verbreitung dieses Aufrufs sehr dankbar und nehme Rückfragen und Rückmeldungen gerne unter der folgenden Mailadresse entgegen:
  • konrad.knauber [at] zaw.uni-heidelberg.de

Weitere Informationen finden Sie auch in der Projektbeschreibung (englisch/deutsch) und in einem einführenden Artikel (deutsch), der im Herbst 2016 im SPEKTRUM Sonderheft „Die Magie der Schrift“ erschienen ist und den ich Nicht-Academia-Mitgliedern auch gerne als .pdf zuschicke.

Abb. 3
Pergamentamulett der „Dobrozlava“ (14. Jh.) gegen das Viertagesfieber (Malaria?), gefunden bei Renovierungsarbeiten in der Georgsbasilika in Prag um 1900.

(nach V. J. Nováček, Amulet ƶe XIV. století, naleƶený v chrámu sv. Jiří na Hradě Praƶ̌ském, Český lid 10,/5, 1901, 353-354)



Links


Literatur

  • Katerina Blažková / Zdenek Šámal / Daniela Urbanová / Konrad Knauber / Dalibor Havel, Stredoveký olovený amulet z hradište Drevíc (k. ú. Kozojedy, o. Rakovník) / A medieval lead amulet from the Drevíc hillfort in Central Bohemia. Archeologické rozhledy 69, 121-142 (im Druck).
  • Klaus Düwel, Mittelalterliche Amulette aus Holz und Blei mit lateinischen und runischen Inschriften, in: Volker Vogel (Hg.), Ausgrabungen in Schleswig 15, Neumünster 2001.
  • Arnold Muhl / Mirko Gutjahr, Magische Beschwörungen in Blei. Inschriftentäfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2013).
  • Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Einführung und Überblick (Heidelberg 2003).
  • Don Skemer, Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages (University Park 2006).





Konrad Knauber ist Mitarbeiter im SFB 933 "Materiale Textkulturen" am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg und promoviert dort im Teilprojekt A03 "Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter" zum Thema "Magische Schriftlichkeit und ihre Deponierung in mittelalterlichen Gräbern".

WANTED: Medieval textual amulets

by Konrad Knauber

In autumn of 2015 a new project at the CRC 933 ‘Material Text Cultures’ (Heidelberg University) was started, dealing with ‘magical inscriptions and their deposition in mediaeval graves’. It aims at collecting and contextualizing text-carrying artefacts from the archaeological record connected to the sphere of magic and folk religion of the Christian Middle Ages. Since the initial project phase the main focus turned to an as-yet under-researched group of objects that were nonetheless probably quite common in wide parts of Europe: textual amulets with Christian influence, containing quotes from the Bible, prayers, blessings and incantations, sometimes appearing in very personalized versions. Elements of these textual formulas can be found in a great number of mostly medicinal manuscripts, which circulated throughout the monastic scriptoria and served as blueprints for the fabrication of protective artefacts against diseases, demonic influence and various other calamities.


fig. 1
Folded amulet from Drevic hillfort (CZ) with missing uninscribed outer face (finding situation on the left). Recognizable passages are callidi diaboli (line 2: ‘…of the cunning devil…’), Adiuro albis (line 4: ‘I conjure you, “elf”…’) and et spiritum sanc[tum] (line 5: ‘and [through] the Holy Spirit…’). Romanic minuscule of the 11th/12th cent. AD; folded size approx. 3,5 x 4,2 cm.

(photos by Z. Šámal / D. Blažek)


Although there were other writing materials (mostly parchment, see figure 3) in use and possible more common in certain regions, inscribed sheets of lead seem to be the find group with the most promise for a rise in numbers, since they are durable and reactive to metal detecting. In 2013, Arnold Muhl and Mirko Gutjahr wrote a first monography on the subject focusing on eight lead amulets from the federal state of Saxony-Anhalt (Germany), enlisting also 80 more comparable objects from all across Europe, dating from Late Antiquity to the end of the Middle Ages. Among them are amulets worn on the body as well as other pieces which, guessing from form, size or textual content, were rather meant to be protecting houses, graves or other fixed locations. The overview does not only show some regional distinctions, but also massive gaps in the general distribution (mainly western Europe and the Alps, though there are corresponding manuscript sources from these areas). For the moment, those might be explained with the use of organic writing materials just as well as with the poor general state of research, as the subject is placed in between archaeology, epigraphy and codicology, and the objects are mostly folded down to a small size in their finding state and often appear inconspicuous or uninscribed. Specific investigation regularly brings up newly found or unrecognized/unedited amulets: a new find from Czechia (fig. 1) will be published in the next months and, within four years, the number of known amulets from Saxony-Anhalt has risen to about 20 examples (fig. 2).
fig. 2
Detail of an unfolded lead tablet from the abandoned settlement of Seelschen near Ummendorf (Börde district, Germany) under polarized light: Recognizable words are ar/chang(e)los (line 1), m(arty)res (line 2), fa/mule d(e)i hazzg[a] (line 3: ‘the servant of God Hazzga’). Letter size is approx.. 1,5 mm; at the end of the inscription the year ‘1070’ is given.
(photo by K. Knauber)



With my ongoing dissertation in mind, I would be happy to include as many new or lesser known amulets as possible. With the help of some interested colleagues, several institutions as well as honorary field workers have been sensibilized towards the subject, but the same cannot be achieved by myself in the wider field of Europe in the remaining time for the project. Therefore I would be very grateful if you share this ‘call for finds’ with anyone interested and would gladly receive your any ideas and questions via the following email address:
  • konrad.knauber [at] zaw.uni-heidelberg.de

You can find more information in my project description (English/German) and in an introductory article (German), which appeared last autumn in the German journal SPEKTRUM, special issue “Die Magie der Schrift”. If you don’t have access to academia.edu, please contact me and I will send you a pdf.

fig. 3
Parchment amulet for ‘Dobrozlava’ (14. Jh.) against the four days fever (malaria?), found during renovation work at St. George’s basilica in Prague around 1900.
(after
V. J. Nováček, Amulet ƶe XIV. století, naleƶený v chrámu sv. Jiří na Hradě Praƶ̌ském, Český lid 10,/5, 1901, 353-354)



Links

German version of this post:

Further reading

  • Katerina Blažková / Zdenek Šámal / Daniela Urbanová / Konrad Knauber / Dalibor Havel, Stredoveký olovený amulet z hradište Drevíc (k. ú. Kozojedy, o. Rakovník) / A medieval lead amulet from the Drevíc hillfort in Central Bohemia. Archeologické rozhledy 69, 121-142 (in print).
  • Klaus Düwel, Mittelalterliche Amulette aus Holz und Blei mit lateinischen und runischen Inschriften, in: Volker Vogel (Hg.), Ausgrabungen in Schleswig 15, Neumünster 2001.
  • Arnold Muhl / Mirko Gutjahr, Magische Beschwörungen in Blei. Inschriftentäfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2013).
  • Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Einführung und Überblick (Heidelberg 2003).
  • Don Skemer, Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages (University Park 2006).




Konrad Knauber is a PhD candidate at Heidelberg University. Within the SFB 933 "Materiale Textkulturen" his research deals with magic signs and text deposited in medieval burials.

Montag, 8. Mai 2017

Klimawandel und Nahrungsmittelpreise - ein interdisziplinärer Blick zurück


J. Esper/ U. Büntgen/ S. Denzer/ P.J. Krusic/ R. Schäfer/ R. Schreg/ J. Werner: Environmental drivers of historical grain price variations in Europe.
Climate Research 72, 2017, 39–52



In der Diskussion um die Bedeutung des Klimas für die Geschichte werden sehr oft und pauschal Zusammenhänge postuliert, indem etwa "Klimaverschlechterung" für wirtschaftliche Schwierigkeiten verantwortlich gemacht wird. Tatsächlich ist dies viel zu simpel. Die Zusammenhänge von Klima und Geschichte sind höchst komplex, da Gesellschaften unterschiedlich vulnerabel oder resilient gegen Krisen sein können. Was für die einen schlecht ist, kann für andere eher vorteilhaft sein. So sind beispielsweise die Anlage und Verteilung der Felder, aber auch Systeme der Vorratshaltung oder der Solidarität historisch-kulturell bedingte Rahmenbedingungen, die die Folgen des Klimawandels in einem gewissen Rahmen puffern können.  Problematsch sind das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren sowie die Auswirkungen von Schwellenwerten aber auch die handlungsleitenden Weltbilder der Menschen. Reaktionen auf Klimawandel sind - wie heute die Trump-Administration demonstriert - nicht immer rational und möglicherweise sogar eher kontraproduktiv.
Um die Zusammenhänge zwischen Klima und Geschichte zu erfassen, bedarf es also einer Überprüfung, wie Klimawandel und historische Entwicklungen konkret zusammenhängen. Ein wichtiger Mittler dazu können Nahrungsmittelpreise sein, da sie prinzipiell Ernteschwankungen abbilden können. Solche Überlegungen waren der Anlass, für eine Studie auf Preisreihen zurück zu greifen, wie sie die Wirtschaftsgeschichte schon seit langem zusammen gestellt hat.

Roggen
(Foto: Alupus [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Schwankungen der Getreidepreise waren ein Charakteristikum der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Schon lange hat die Forschung daher Preisangaben für Gerste, Roggen und Weizen gesammelt. Trotzdem fehlt es an einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge zwischen der Preisentwicklung und klimatischen oder umweltbedingten Faktoren. Immer wieder war von Historikern gewarnt worden, solche Preisserien als Ausdruck genereller Konjunkturen heranzuiziehen, da sie oft lokalen politischen Einflüssen unterworfen waren und so hochgradig regional beeinflusst sein können. Mit der Betrachtung der Preise erfassen wir dennoch einen Faktor, der sehr direkt von den Ernteerträgen und der jährlichen Witterung abhängt. Die Notwendigkeit, regionale politische Faktoren auszufiltern und langfristige Trends im Vergleich mit den klimatischen Entwicklungen zu erfassen, führt zu einer primär statistischen Analyse der Datenserie.

Korrelation historischer Getreidepreise und klimatischen Entwicklungen

Jahrringe spiegeln die klimatische Entwicklung
(Foto: R. Schreg)
Ausgangspunkt war also das Problem, die beobachtbaren Korrelationen von Umweltfaktoren und langfristigen sozialen Prozesse enger aufeinander zu beziehen. Getreidepreise erweisen sich hier als guter Proxy. Der neu erschienene Artikel nutzt historische Preisreihen aus 19 Städten aus Mittel- und Südeuropa aus dem Zeitraum vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.  Wir haben dazu alte Sammlungen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Getreidepreise digitalisiert und mit den dendrologisch gewonnenen Klimakurven abgeglichen. Mittels GIS lassen sich regionale, politisch bedingte "Anomalien" ausfiltern.

Die darin auf einer zeitlichen Auflösung von einem Jahr bis zu mehreren Jahrzehnten erkennbare räumliche Variabilität wurde mit der Rekonstruktion der Sommertemperatur und hydroklimatischen Bedingungen verglichen, wie sie sich anhand dendrologischer Untersuchungen in Finnland ergeben. Diese Serie spiegelt sehr gut die Großwetterlagen in West-, Mittel- und Südeuropa wieder.
 

Kriege überlagern Umweltfaktoren

Direkte Korrelationen zwischen historischen Getreidepreisen und rekonstruierten Trockenheitsindices sind zwar gering; konzentriert man sich aber auf Extremereignisse ergeben sich deutliche Hinweise auf eine klimatische Beeinflussung großer Preisschwankungen. Unter Normalbedingungen sind also in der Tat politische Entwicklungen wichtiger als klimatische Einflüsse. Während ausgeprägter Trockenperioden erweisen sich Getreidepreise aber als extrem hoch und während Feuchtphasen extrem niedrig.  Die Getreidepreise in Europa sind eng mit Hungersnöten und Ernährungsengpässen verbunden, die zudem mit regionalen Sommerdürren zusammen.  Der normale Witterungsverlauf zeigt hingegen kaum eine Korrelation mit Preisen, nur größere Witterungsevents wirken sich auf Ernten und Getreidepreise aus. Zudem zeigt sich aber, dass Schwankungen der Getreidepreise durch mittelfristige Temperaturtrends beeinflusst werden.

Ein Ergebnis, das in dem Artikel besonders hervorgehoben wird: In Kriegszeiten schaft sich der Mensch so viel eigene Probleme, dass diese dann den klimabedingten Stress überlagern. Der Einfluß der Sommertemperaturen ist nach dem 30jährigen Krieg im Zeitraum von 1650 bis 1750 besonders stark. Während Kriegsperioden sind die Korrelationen zwischen den verschiedenen Regionen relativ gering, während sie danach immer wieder zunimmt. Während der Unruheperioden werden klimatische Faktoren von soziokulturellen zurück gedrängt und zeigen größere regionale Variabilität.
So zeigt sich gesellschaftlich/politische Faktoren und Umweltfaktoren komplex ineinandergreifen. In Friedenszeiten kommen Umweltfaktoren stärker zum Tragen als während Kriegen.
 

Archäologie als Mittler zwischen Historikern und Geowissenschaftlern

Auf den ersten (und wohl auch auf den zweiten) Blick hat das wenig mit Archäologie zu tun. Und dennoch war hier die Archäologie hier als Mittler zwischen Klimaforschern und Historikern ganz grundlegend. Letztlich war es nicht möglich, wie ursprünglich beabsichtigt, einen archäologischen Datensatz zur Siedlungsentwicklung mit der nötigen chronologischen Auflösung in die Überlegungen mit einzubeziehen, aber die traditionell engen Beziehungen der Archäologie sowohl zu den Natur- wie zu den Geschichtswissenschaften waren für die interdisziplinäre Verständigung außerordentlich hilfreich.
Der verfolgte methodische Ansatz hat weitere vertiefende Forschungspotentiale. Man wird nicht nur den Datensatz durch die Aufnahme weiterre Preisreihen noch ausbauen und regional differenzieren können, sondern auch versuchen können, weitere Faktoren ins Spiel zu bringen. Sind die Preisschwankungen in primär auf Getreidebau orientierten Landschaften anders als in Regionen mit stärkerer Viehwirtschaft? Lässt sich vielleicht eine Resilienz bestimmter Anbaupraktiken und Siedlungssysteme nachweisen? 
Hier kommen die historische Geographie sowie die Archäologie wieder stärker ins Spiel. Aufgrund der relativ schlechten chronologischen Auflösung, die man beispielsweise für die Datierung für Wüstungen erreichen kann, dürfte hier den räumlichen Korrelationen eine größere Bedeutung zukommen als den chronologischen.

Kurz: Schon allein das Nachdenken über Zeitreihen und langfristige Prozesse, wie es sich aus der Landschafts- und Umweltarchäologie ergibt, hat insofern einen Mehrwert, als es auch über das Fach hinaus Forschung anregen kann.

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Sonntag, 7. Mai 2017

US-Innenministerium stellt den Schutz archäologischer Monumente zur Disposition

Per Dekret hat POTUS D. Trump die Liste der nationalen Denkmäler zur Disposition gestellt. In einer Anhörung soll die Öffentlickeit über den weiteren Schutz abstimmen: Sachargumente haben dabei nur noch untergeordnete Bedeutung.  Argumentiert wird von Seiten der Republikaner unter anderem damit, dass der Bund damit Land besetze und beschlagnahme, was jedoch eine Verdrehung der Tatsache darstellt, dass der 1906 eingeführte Antiquities Act, um den es hier geht, prinzipiell nur für ohnehin schon in Staatsbesitz befindliches Land gilt. Auf Privatbesitz ist damit kein Schutz möglich.
Anasazi-Fundstelle "House on Fire Ruin" im upper Mule Canyon,
Teil des neuen Bears Ears Nationaldenkmals
(Foto:  snowpeak   [CC BY 2.0] via  Wikimedia Commons)
Explizit werden wirtschaftlche Interessen als möglicher Grund für eine Streichung der Monumente angeführt. Insbesondere stehen die seit 1996 ausgewiesenen Monumente auf dem Prüfstand.  21 Monumente, darunter Bears Ears werden explizit genannt.

Hier scheint es wichtig, dass bei der öffentlichen Anhörung sich auch die Wissenschaft einbringt!
Ab 12. Mai sollte die Anhörung unter https://www.regulations.gov/searchResults?rpp=25&po=0&s=DOI-2017-0002&fp=true&ns=true zugänglich sein.



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Samstag, 6. Mai 2017

Lebenslänglich für Raubgräber und Antikenhehler

Ägypten setzt die Strafen auf Raubgrabungen und illegalen Antikenhandel hoch:
Das gesetz muss noch vom Parlament gebilligt werden.
Der Artikel verweist explizit auf den Fall  der deutschen "Hobbyforscher", die 2013 eine Kartusche in der  Cheopspyramide ohne Genehmigung "beprobt" und beschädigt haben sollen.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Fünf Jahre Syrienberichte

Der Bürgerkrieg in Syrien dauert bereits mehr als 6 Jahre an. Im April 2011 setzte das Regime Truppen gegen Demonstranden ein. Erstmals wurde der Konflikt im Mai 2012 ein Thema auf Archaeologik, als syrische Truppen die Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers beschädigten. Waren dies noch Kollateralschäden der Kampfhandlungen so kam mit dem Erstarken des Daesh/IS bald die systematische Kulturgutzerstörung hinzu. Wie fast überall, wo die staatliche Autorität zerbricht, nahmen Plünderungen ein dramatisches Ausmaß an. gemessen an den zahllosen Raubgrabungslöchern, die aus Luftbildern und Berichten bekannt geworden sind, ist bisher relativ wenig auf dem Markt aufgetaucht. Wahrscheinlich sind viele Objekte noch zwischengelagert, ehe sie, ggf. auch restauriert und mit Fake-Papieren mit Gewinnsteigerung auf den Markt geworfen werden. Allerdings ist in den USA auch seit 2011 anhand der Statistiken des Zolls eine deutliche Steigerung der Einfuhr von Antiken aus dem Nahen Osten zu beobachten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in diesen Lieferungen sehr viele Raubgrabungsfunde der letzten Jahre befinden. Selbst wenn - wonach es immer noch nicht aussieht - der Bürgerkrieg rasch beendet und Daesh geschlagen sein sollte, werden die Plünderungen noch lange auf der Tagesordnung bleiben müssen. Die Schäden für die Erkenntnis der Vergangenheit sind jetzt schon irreparabel: Verlorenes Wissen, noch bevor es gewonnen werden konnte.
Beim ersten Blogpost hätte ich nie gedacht, dass mich das Thema so lange und so regelmäßig auf Archaeologik beschäftigen würde - zumal ich als Mittelalterarchäologe davon in meiner Arbeit nur randlich davon betroffen bin. Nach wie vor finde ich es bedauerlich, dass letztlich doch nur relativ wenige Kollegen, die sehr viel mehr mit den betroffenen Regionen befasst sind und sich dort auch wesentlich besser auskennen als ich, diese Kulturgutzerstörung thematisieren.

Die Archaeologik-Beiträge zu Syrien und Irak 

Als Überblick seien hier erneut die Beiträge zum Krieg in Syrien und  Irak, die auf Archaeologik seit 2012 bzw. 2014 erschienen sind, aufgelistet.

2017

2016

2015
2014
Säulenstraße in Apameia (2008)
(Foto: von Effi Schweizer [Public domain], Wikimedia Commons)
2013
2012

Links



Mittwoch, 3. Mai 2017

Kulturgut in Syrien und Irak im April 2017

Rückeroberung von Hatra im Irak

Im Frühjahr 2015 war die antike Stadt Hatra im Irak in die Hände des Daesh gefallen, der bald darauf ähnlich wie in Palmyra propagandistisch Zerstörungen in Szene gesetzt hat (vergl. IS-Zerstörungen in Hatra - ein neues Propaganda-Video. Archaeologik (4.4.2015).

 Das Museum in Mosul

Entsetzliche Bilder aus dem Museum von Mosul, in dem Daesh eine seiner ersten Kulturgutzerstörungen inszeniert hatte.


Wiederaufbau

Aleppo: Wiederaufbau

Aus Aleppo gibt es erste Meldungen über Wiederherstellungsmaßnahmen. Dabei geht es selbstverständlich noch nicht um denkmalpflegerische Maßnahmen, sondern um die Sicherung notwendiger Infrastrukturen.

Nimrud


Damaskus: Nationalmuseum unter Beschuß

Wie sich im Vormonat angedeutet hat, gerät Damaskus stärker ins Kriegsgeschehen. Die bisher als sicher erachtete Lage des Nationalmuseums geriet am 5. April erstmals unter Beschuss, wobei zunächst keine Schäden entstanden sind.

Raubgrabungen bei Hama


weitere Schadensmeldungen


Maßnahmen

Ausstellung in Damaskus über die Arbeit der syrischen Altertumsbehörde DGAM

Restaurierungsarbeiten

Im Gegensatz den oben genannten Wiederaufbauplänen in Aleppo und Mossul laufen an verschiedenen Orten bereits Restaurierungsarbeiten. Das zeigen mehrere Anfang April auf YouTube eingestellte Videos der Tourismusbehörde.

Die Türkei finanziert den Wiederaufbau von Moscheen - von denkmalpflegerischen Aspekten ist hier nicht die Rede.


Erklärung der G7-Kulturminister

Sonstige Berichte/ Interviews

Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

Dienstag, 25. April 2017

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge - ein neues archäologisches Forschungsprojekt

Von den Veränderungen der Spätantike waren auch die fundamentalen Lebensbedingungen in vielfältiger Weise betroffen. Die Unsicherheit wuchs, die staatlichen Strukturen wurden geschwächt.
In den Städten frühbyzantinischer Zeit war eine “Ruralisierung“, oft verbunden mit einer Verlagerung oder Auflösung des Stadtkerns, wobei vielerorts kleine Häuschen in frühere öffentliche Gebäude oder gar deren Ruinen gesetzt wurden.
Ganz grundlegend war für die Menschen jedoch die Sicherung der Nahrungsversorgung. Spielte bis dato die staatliche Getreideversorgung eine zentrale Rolle, so musste nun selbst Vorsorge getrofffen werden.
Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien? Wie veränderte dies die Ernährungsgewohnheiten, wie die landwirtschaftliche Produktion?  Wie reagierten die Menschen auf die veränderten Lebensumstände, welche Maßnahmen ergriffen sie zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage? Diesem Fragenkomplex - oder vielmehr einer konkreten Fallstudie am Beispiel der Versorgung der spätantiken Stadt Caričin Grad widmet sich ab Sommer ein neues Forschungsprojekt: "Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad". Die Finanzierung dazu hat die Fritz-Thyssen-Stiftung bewilligt. Die Stadt Caričin Grad bietet eine perfekte Ausgangsbasis, um nach Antworten zu forschen. Sie wurde um 530 n. Chr. von Kaiser Justinian als Verwaltungsmittelpunkt gegründet, jedoch um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen.

Aus dem aktuell auslaufenden Projekt "Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang des frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)" wissen wir um Vorräte in verschiedenen Häusern, aber auch um die Aufbereitung von Getreide für die lokale Verarbeitung. Jetzt stehen im Rahmen einer serbisch-französichen Kooperation Ausgrabungen in dem Horreum der Stadt an, die das neu bewilligte Projekt nutzen will, um diesen Privaten Versorgungsstrategien mit der staatlichen Getreideversorgung der sog. Annona zu vergleichen.

Das Horreum in der nördlichen Oberstadt von Caricin Grad ist Gegenstand neuer Forschungen.
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad - Pressebild)


Im Kern des Projektes, das das RZM (meine Wenigkeit [Rainer Schreg]) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Wiebke Kirleis) gemeinsam beantragt haben, stehen archäobotanische Untersuchungen, die Dipl.-Prähistorikerin Anna E. Reuter durchführen wird. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch bodenkundliche Analysen, die nicht nur von erheblicher Bedeutung sind, wenn es darum geht, die Fundablagerungen einzuschätzen, sondern auch einen Betrag leisten, die Geschichte des Horreums und die dortigen Arbeitsabläufe zu verstehen. In dessen jüngster Phase sind dort eben solche kleine Einbauten entstanden, wie sie in der Sptantike vielfach zu beobachten sind.

Während der Ausgrabungen im Sommer werden systematisch Proben gesammelt, die dann in Mainz und Kiel ausgewertet werden. Die bodenkundliche Expertise liegt bei den Projektpartner vom Geographischen Institut der Johannes-Gutenberg Universität  (Prof. Sabine Fiedler, Dr. Jago Birk).

Links

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Sonntag, 23. April 2017

"Die Wissenschaft darf nicht schweigen." - #BlogsforScience


Tausende Wissenschaftler haben am Earth Day weltweit dafür demonstriert, dass Fakten und Forschung weiterhin ernst genommen werden und politische Entscheidungen nicht aus dem Bauch raus getroffen werdn.
Entsprechende Veranstaltungen gab es weltweit.
In Panama ist der Caminata por la Ciencia vergleichsweise klein ausgefallen - mit geschätzt über 300 Teilnehmern ist das jedoch für ein Land, das eher mit Kanal, Tigerente, Briefkastenfirmen und Bananen gleichgesetzt wird, beachtlich.
"Ciencia no silencia" skandierten die Marschierer - frei übersetzt: Die Wissenschaft darf nicht schweigen.


Caminata por la Ciencia, Panama 22. April 2017
(Foto: R. Schreg)

Der Protest hatte hier auch deutlich eine soziale Komponente - Forderungen nach mehr Frauen in der Wissenschaft oder der Hinweis auf die Rolle für Bildung und Entwicklung waren zu lesen.  In dem zuletzt von Korruptionsskandalen gebeutelten Land fehlt es an Investitionen in das Bildungswesen.
Auffallend war aber auch: das Engagement von Firmen wie esri, denen man gerne unterstellen mag, dass es natürlich auch um wirtschaftliche Interessen geht.




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Samstag, 22. April 2017

US-Kongress: Forschungsförderung nicht mehr nach wissenschaftlichem Wert, sondern nach politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit - #MarchforScience

Die US-amerikanische National Science Foundation gibt nur 5% ihres Budgets für Sozialwissenschaften aus. 0,12% entfallen auf die Archäologie. Dennoch ist das dem Kongressabgeordneten und Vorsitzenden des Wissenschaftsausschuß Lamar Smith zu viel. Er will Mittelvergabe nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach deren politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit. Schon 2014 war Smith aufgefallen, dass ihm die Freiheit der Forschung und die Bedeutung der Sozialwissenschaften unverständlich ist.
 

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Dienstag, 18. April 2017

Erklärung der G7-Kulturminister

Vom 20-21. 3. trafen sich die Kulturminister der G7-Staaten in Florenz. Dabei wurde eine Erklärung zum Kulturerbe beschlossen:
Die Erklärung konstatiert, dass Kulturerbe aus drei Gründen wichtig sei und zwar als:
  1. Identitätsstiftung
  2. Wirtschaftsfaktor 
  3. Faktor und Thema der Technologie.
Ich halte diese Liste für probematisch, denn Identitätsstiftung bedeutet immer auch Ausgrenzung. Archäologie und Geschichte haben da in der Forschungsgeschichte schon einige negative Erfahrungen gemacht. Sicher schafft Kulturerbe Identität, aber das ist durchaus nicht immer positiv besetzt. Auch die Terroristen, die Kulturgüter zerstören - der zentrale Thema der Erklärung - schaffen sich ihre Identität aus der Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe, indem sie es zerstören.
Kulturerbe kann und ist duchaus ein Wirtschaftsfaktor, aber es vor allem unter diesem Faktor zu betrachten ist gefährlich, denn das geht schnell an die Substanz der Quellen und zu Lasten einer seriösen Auseinandersetzung. 
Kulturerbe als Faktor und Thema der Technologie dürfte alle Freunde der Digital Humanities freuen, denn genauer heisst es in der Erklärung, dass das Kulturerbe einen Kontext bietet, die Potentiale und Möglichkeiten auszuloten, die sich im digitalen Zeitalter ergeben ("context for measuring the potentials and opportunities generated by the digital era"). Das ist m.E. richtig, aber sicher kein zentraler Punkt in der generellen Bedeutung des kulturellen Erbes.

Das Wichtigste, was Kulturerbe für die Gesellschaft leistet, fehlt hier, wie so oft: 
  1. Reflektions- und Orientierungswissen  zur Einschätzung unserer Gegenwart durch die Chance auf eine fundierte, (selbst)kritische Auseinandersetzung mit menschlichen Gesellschaften und ihren Mythen
  2. eine zukunftsgerichtete Sensibilisierung für die langfristigen Folgen menschlichen Handelns 
  3. ein Gespür für die Verantwortung in der Zeit.

Mittwoch, 12. April 2017

Dienstag, 11. April 2017

Mittelalterarchäologie im Mittelalterblog

ein Beitrag von Maxi Maria Platz

Interdisziplinarität ist das Schlagwort in allen Wissenschaften, da sich alle auf die Fahnen schreiben, die sich als Forschende verstehen. Ohne interdisziplinäre Kooperationen kommt so gut wie kein drittmittelfinanziertes Forschungsprojekt mehr auf den Weg und wer hat schon was gegen die spannende Zusammenarbeit mit Kolleg*innen benachbarter oder auch scheinbar nicht verwandter Fächer?

Die Mittelalterarchäologie musste in den 1970er und 80er Jahren ihre Daseinsberechtigung als Fach vor allem gegenüber der mittelalterlichen Geschichte erst beweisen. Laut waren die Vorbehalte zu Methoden, die man für vorgeschichtliche Zeiträume kannte und für historische Epochen als unnötig betrachtete.

Günter Fehring widmete in seiner Einführung in die Mittelalterarchäologie ein ganzes Kapitel der Abgrenzung des Fachs gegenüber seiner Nachbardisziplinen (Fehring 2003, 13-17). In einem kürzlich von Barbara Scholkmann, Hauke Kenzler und Rainer Schreg herausgegebenen Handbuch dagegenfehlt ein solches Kapitel (Scholkmann - Kenzler - Schreg 2016). Das kann man als Manko betrachten, ist aber auch ein Zeichendafür, dass eine Rechtfertigung der Mittelalterarchäologie nicht mehr von Nöten ist. Sie hat sich zu einem vollständig anerkannten Mitglied der mediävistischen Fächerfamilie entwickelt.

(Foto: M.M. Platz)
Für ernsthaft arbeitende Historiker ist die Kommunikation mit Archäologen selbstverständlich geworden. Gelegentlich wünscht man sich zwar, dass archäologische Beiträge insbesondere in historischen Sammelbänden nicht ganz so isoliert wirken, doch hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren deutlich positiv entwickelt.

Für viele Fragestellungen in der mittelalterlichen Geschichte ist das Heranziehen von materiellen Quellen nicht immer notwendig, der Umgang mit Schriftquellen ist für den Archäologen jedoch unabdingbar. In der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Forschung werden von manchen Fachkollegen nach wie vor schriftliche Überlieferungen und deren Interpretation teilweise als Konkurrenz zu den „eigentlichen“ Quellen der Archäologie ‒ nämlich die Artefakte und ihre Stratigrafie ‒ betrachtet, wohingegen die englischsprachige Forschung das Verhältnis seit den 1970er Jahren eher entspannt kontextuell sieht. Ein Umstand, der sich langsam ändert, aber noch immer zu beobachten ist (Schreg 2007, 12-13; s.a. Scholkmann 2003).

Das interdisziplinär publizierende Mittelalterblog ist eine der wenigen Plattformen in der wissenschaftlichen Online-Landschaft, das alle mediävistischen Disziplinen, insbesondere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Sprach- und Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Theologie und Religionswissenschaften, Skandinavistik und Theaterwissenschaften zusammenbringt. Die Redaktion ist mit Fachwissenschaftlern besetzt, welche die Beiträge betreuen, im Vorfeld prüfen und damit die Qualität der Blogposts sichern.

Die Artikel erscheinen exklusiv online im Open Access, sind zitierbar und können als Online-Publikationen bei der VG-Wort angemeldet werden. Wissenschaftliche Artikel im engen Sinne (Miszellen, Aufsätze, Editionen) werden in den Regesta Imperii Opac (RI-Opac) aufgenommen.

Gerade in der Mittelalterarchäologie sind Online-Beiträge noch keine Selbstverständlichkeit, obwohl die Vorteile für sich sprechen: Hohe Sichtbarkeit bei Fachkollegen der eigenen und der Nachbarwissenschaften, konstruktiver Austausch in der moderierten Kommentarfunktion und sehr zeitnahe Publikation. Dabei versteht sich das Blog nicht als Werbeplattform für neu erschienene Monographien und Sammelbände, sondern als vollwertige Alternative zu Printmedien.

Die Mittelalterarchäologie, mit ihrer Offenheit gegenüber interdisziplinären Ansätzen von klassischer Arbeit mit Schriftquellen, Bauforschung, naturwissenschaftlichen Prospektions- und Datierungsmethoden bis hin zur Archäoinformatik, soll nun stärker in den Fokus der breiten Leserschaft des Mittelalterblogs rücken.

Somit ist dieser Beitrag als Aufforderung zu verstehen, Artikel zu laufenden Forschungsprojekten, Dissertationen und auch Grabungen mit außergewöhnlich guten mittelalterlichen Befunden und Funden im Mittelalterblog zu veröffentlichen. Es lohnt sich!


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Literaturhinweise

Fehring 2003
G. P. Fehring, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Eine Einführung (Darmstadt³ 2003).

Scholkmann 2003
B. Scholkmann, Tyrannei der Schriftquellen? Überlegungen zum Verhältnis materieller und schriftlicher Überlieferung in der Mittelalterarchäologie, in: M. Heinz/ M.K. Eggert/ U. Veit (Hrsg.), Zwischen Erklären und Verstehen? Tübinger Archäologisches Taschenbuch 2 (Münster/ NewYork/ Berlin/ München 2003) 239-257.

Scholkmann - Kenzler - Schreg 2016
B. Scholkmann/ H. Kenzler/ R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016).

Schreg 2007
R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 18, 2007, 9-20







Maxi Maria Platz ist Mittelalterarchäologin und lebt mit ihrem Mann in Duisburg. In ihrer im Februar an der Universität Bamberg angenommene Dissertation beschäftigte sie sich Ausgrabungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg.