Donnerstag, 29. Dezember 2016

Kulturgutschutzgesetz fördert illegalen Handel

Die ebenfalls negative Einschätzung von Michael Müller-Karpe zu neuen Kulturgutschutzgesetz in einem Interview der Deutschen Presseagentur dpa:
Die schon im Vorfeld der Verabschiedung des Gesetzes bemängelte Fristenlösung öffnet die Tür zur effektiven Antikenwäsche, stärkt den Handel und verspricht den Raubgräbern auch künftig gute Absatzchancen.

Interne Links

Sonntag, 25. Dezember 2016

Archäologie für den Frieden: neue Website von Emek Shaveh

Emek Shaveh hat eine neue Website online:
Emek Shaveh ist eine israelische NGO, die sich gegen eine Politisierung der Archäologie im Kontext des Israelisch-Palästinensischen Konflikts wehrt und die Überreste der Vergangenheit als gemeinsames Kulturgut aller Menschen, unabhängig von Nationalität und Religion ansieht. Archäologie wird im Gegenteil als eine Ressource gesehen, die Brücken zwischen Völkern und Kulturen bauen kann.

Die Website bietet zahlreiche Informationen als OA-Publikationen oder Videos.  Sie wenden sich an Fachleute wie insbesondere an ein breiteres Publikum, wie zum Beispiel das Video zur Geschichte Jerusalems:



Links

Montag, 19. Dezember 2016

Sonntag, 18. Dezember 2016

18


Adventskalender 2016

Zum 4. Advent leider kein Bild, sondern das Weihnachtsgedicht...





Text: Rainer Schreg/ Brigitte Schreg, Sprecher: Axel Weiss (Besten Dank!!)


Donnerstag, 15. Dezember 2016

Aufruf zur Wahl des „Wissenschafts-Blog des Jahres 2016“

Reiner Korbmann ruft zur Wahl des Wissenschaftsblogs 2016  auf:
Am Start sind dreißig Wissenschaftsblogs, darunter Archaeologik, das überraschend den Titel für 2015 gewonnen hatte. Nominiert ist auch das Mittelalter-Blog unter Hypotheses und mit dem Pfahlbaublog auch ein weiteres archäologisches Blog.

Interner Link

15

Adventskalender 2016


Mittwoch, 14. Dezember 2016

14

Adventskalender 2016

Die waren bestimmt auch nur geschichtsinteressiert!??

Bronzezeitliche Bestattungen in einer Ausgrabung durch Raubgräber geplündert:
Übrigens  geht es nicht darum, dass Archäologen um ihren Fund gebracht sind. Viel wichtiger ist, dass damt auch die Chance vernichtet wurde, die Gräber als wichtige Referenzpunkte in einem künftigen Forschungsprojekt zu nutzen, das Verwandtschaftsbeziehungen, Mobilität und Ernährungsmuster im Alpenvorland erfassen und so ganz wesentlich zum Verständnis dieser vorgeschichtlichen Periode beitragen könnte. Allzu viele geeignete Proben gibt es da nicht. Das hätten wohl welche sein können.

Montag, 12. Dezember 2016

12

Adventskalender 2016

Deutsche Archäologie in der Global Archaeology



Claire Smith (Hrsg.)

Encyclopedia of Global Archaeology

(Cham, Heidelberg: Springer 2014)

ISBN 978-1-4419-0426-3 
11 Bände, über 8000 Seiten, 791 schwarz-weiß Abbildungen, 1828 Farbabbildungen
4494,00€ (e-book 4998,00€)


Vorab: Ich habe die Publikation nicht vollständig gelesen. 11 Bände mit insgesamt über 8000 Seiten sind zu viel des Guten. Aber es soll auch eine Enzyklopädie zum Nachschlagen sein. Das Werk umfasst Einträge zu Fachbegriffen, zu ganzen Perioden, zu Methoden und Theorien, aber auch zu Forschern und Institutionen. Die Herausgeberin Claire Smith lehrt in Adelaide, Australien und war über Jahre hinweg Präsidentin des World Archaeological Congress.
Eine detaillierte Besprechung des Werkes ist aufgrund des Umfangs also nicht möglich. Ich möchte daher gezielt fragen, wie sich der deutsche Beitrag zur Global Archaeology darstellt.

Themen der Global Archaeology

Deutschland nimmt nur einen kleinen Teil der Erdoberfläche ein und so relativiert sich auch der Anteil deutscher Forschung in der Global Archaeology. Schaut man aber auf die Vielfalt der Themen, die die Enzyklopädie behandelt, so fällt doch auf, wie umgekehrt eben auch viele Themen hierzulande gar nicht präsent sind.
So finden sich Artikel zu theoretischen Konzepten, die in Deutschland bisher so gut wie gar nicht, oder jedenfalls nur in sehr geringem Maße berücksichtigt werden. Zu nennen sind zum Beispiel:
  • Agency in Archaeological Theory,
  • Landscape Domestication,
  • Materiality in Archaeological Theory,
  • Social Memory
Der Eintrag von Charles Orser zu "Race in archaeology" wirkt aus deutscher Sicht etwas befremdlich, übergeht er doch völlig die Erfahrungen, die die Archäologie schon einmal mit einer Rassenforschung gemacht hat. Nach Orser stellt das Konzept der "Race" die Weiterentwicklung der überholten - aber in Deutschland durchaus noch üblichen - Forschungsfragen nach Ethnizität und Identität dar. Aus deutscher Sicht ist dies gerade anders herum. Orser sieht 'race' dabei freilich nicht als eine feststehende Identität, sondern ihm geht es um die 'racialisation', die Zuweisung von Bevölkerungsgruppen zu vermeintlichen Rassen.

Bemerkenswert sind auch einige Einträge zu umwelthistorischen Themen, die zweifellos von großer Bedeutung sind, aber in der deutshcen Archäologie ebenfalls kaum Aufmerksamkeit besitzen. Zu nennen ist hier der Beitrag "Hedges in Historical Archaeology" (S. 3235), der auf das wichtige Thema der Altfluren verweist (vergl. Beiträge auf Archaeologik).

Ein weiteres Themenfeld ist die Praxis der archäologischen Forschung (publication, recording etc.), wie auch ihr Verhältnis zur gegenwärtigen Gesellschaft. Auch hier finden sich Lemmata, die Themen anreißen, die in Deutschland meines Wissens bislang kein nennenswertes Thema sind. Dies gilt zum Beispiel für "Activism and Archaeology" (S. 18), dessen Grundproblem, welche Rolle politisches Handeln in der Archäologie spielt, in Deutschland eigentlich mit Blick sowohl auf die Forschungsgeschichte, als auch auf die Gegenwart höchst aktuell ist.
  • Preserving Heritage: The Role of the Media
  • Legislation and Archaeology
  • Marketing Heritage
  • Media and Archaeology mit einem Kapitel zu Pitfalls and Advantages of Archaeology on Television
Hinzu kommt auch das Themenfeld des Kulturgüterschutzes, zu dem beispielsweise Einträge rechnen, wie der zu  SAFE/ Saving Antiquities for Everyone  (S. 6426). Diese non-profit-Organisation wird auf immerhin 8 reich bebilderten Seiten vorgestellt is, wobei die Autorin des Lemmas, Cindy Ho, die  Gründerin der Organisation ist. Weitere Schlagworte gelten verschiedenen Formen der Repatriation, die insbesondere in den USA eine große Bedeutung in den Beziehungen zu Indianerstämmen darstellen. Die wichtigsten internationalen Konventionen wie die "Charter for the Protection and Management of the Archaeological heritage (1990)", die "Convention for the Protection of Cultural Property in the Event of Armed Conflict (1954)", die "Convention for the Safeguarding of Intangible Cultural Heritage (2003)", die "Convention on the Means of Prohibiting and Preventing the Illicit Import, Export and Transfer of Ownership of Cultural Property (1970) und die "Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage (2001)" sind mit Beiträgen aufgeführt.

Fazit 1: Insgesamt hat die Encyclopedia of Global Archaeology eine sehr anglophone amerikanische Perspektive, nicht nur in der insgesamt eher geringen Referenz auf nicht-englische Werke, sondern auch in den Begriffsdefinitionen. Der Eintrag zur Historical Archaeology in Western Europe lässt sich lange über den abweichenden Sprachgebrauch in Europa aus. Einen zentralen Beitrag zu Medieval Archaeology gibt es nicht, erfasst ist unter dem Schlagwort lediglich die Zeitschrift des Namens. Zum Teil gibt es aber länderspezifische Artikel z.B. "Italy: medieval Archaeology" (S. 4145) oder "France: medieval archaeology" (S. 2899). Einen entsprechenden Eintrag "Germany: medieval archaeology" gibt es nicht, wohl aber einen für die "Deutsche Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit.

Die deutsche Forschung in der global archaeology 

Schaut man umgekehrt, welchen Stellenwart deutsche Forschung in dem Werk hat, so fällt die Bilanz mager aus.
Nur wenige deutsche Forscher sind mit einem Eintrag erfasst, meist solche, die ihre Karriere dann in den USA gemacht haben.
Karl W. Butzer (Karriere in den USA)
Heinrich Schliemann
Friedrich Max Uhle
Angela von den Driesch
Franz Weidenreich (Karriere in den USA)
Johann Joachim Winkelmann
Martin H. Wobst (Karriere in den USA)
Etwas Erstaunen verursacht der Blick auf die deutschen Fundorte, die mit einem Eintrag erfasst sind:
Andernach-Martinsberg und (!) die Berliner Mauer. Ob man so Plätze wie die Heuneburg an der oberen Donau in solch einem Werk erfassen muss, mag man tatsächlich bezweifeln, aber das Aach- und Lonetal mit seinen paläolithischen Kunstwerken, die Pfahlbauten oder der Limes dürfte man als Welterbesstätten (in spe) jedenfalls erwarten. Aus Österreich ist Willendorf vertreten, aber nicht Hallstatt.
Ich habe exemplarisch in der von Springer als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellte online-Version nach Zitaten aus der Germania, der Prähistorischen Zeitschrift, dem Archäologischen Korrespondenzblatt und der Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters gesucht:
Germania:  4 x
Prähistorische Zeitschrift: 1 x
Archäologisches Korrespondenzblatt: 2 x
Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters: 2 x
Eine Gesamtzahl, der in dem Werk abgedruckten Zitate habe ich nicht ermittelt, aber klar ist, dass die wichtigsten deutschen Zeitschriften eigentlich keine Rolle spielen. Im Unterschied beispielsweise zur Zeitschrift Vestígios. Revista Latina-Americana de la Arqueologia Histórica ist keine von ihnen mit einem eigenen Eintrag vertreten.

Fazit 2: Deutsche Forschung ist im Spiegel dieser Enzyklopädie an einer Global Archaeology so gut wie nicht beteiligt. Zwei Dinge dürften hier eine wichtige Rolle spielen:
1.) der Fokus der Enzyklopädie auf die englischsprachige Forschung und eine fehlende Rezeption nationaler Forschungstraditionen. Hier scheint Deutschland mit den durchaus globalen Arbeiten etWa des Deutschen Archäologischen Instituts ja gar nicht so schlecht aufgestellt, wenngleich der in der Enzyklopädie zum Ausdruck kommende hohe Stellenwert einer historischen Archäologie in Deutschland tatsächlich keine Basis hat (gerade mal 3 Lehrstühle für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit) .
2.) scheint das deutsche Interesse trotz internationaler Arbeit an einer historischen Archäologie recht gering. Sie beinhaltet eine vergleichende Perspektive, die in der Enzykloädie an mancher Stelle sichtbar wird, die aber der deutschen Vorstellung von Archäologie als einer Geschichtswissenschaft widerspricht. Der Stellenwert der histoischen Archäologie ist in dem band sehr hoch - die deutsche Forschung scheint da mit ihren vier Lehrstühlen für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit abgehängt.

Zusammenfassendes Fazit

Die Encyclopedia bietet mit ihrer globalen Ausrichtung eine wichtige Möglichkeit, die eigene Perspektive zu erweitern. Viele Themen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt. So gibt es gleich vier Artikel, die "Gender, Feminist and Queer Archaeologies" (S. 2968) einmal aus australischer, einmal aus europäischer, spanischer und US-amerikanischer Perspektive behandeln. Da es sich um eigenständige Artikel handelt, ist es allerdings schwer, den Überblick zu behalten. Das wird noch schwieriger, wenn etwa Medieval Archaeology in mehreren regionalen Artikeln behandelt wird, aber nicht als Oberbegriff. Sie fehlt auch in einem Artikel, der ansonsten die verschiedenen archäologischen Disziplinen charakterisiert: "Archaeology and the Emergence of Fields: Historical and Classical" (S. 408), wobei sich nicht richtig erschließt, worauf dieser Artikel angesichts zahlreicher Paralleleinträge abzielt.
Nicht ganz klar sind mir auch die Kriterien bei der Auswahl der Personen und Fundorte. Auch bei den Personeneinträgen gibt es oft doppelte Artikel, so etwa zu Lewis Binford (S. 870), der einmal mit Blick auf Hunter-Gatherer and Mid Range Societies und einmal mit Blick auf Theorie einen Eintrag gefunden hat. Beide Artikel beginnen mit Basic Biographical Information...

Für ein Werk, das eine globale Perspektive auf die Archäologei einnehmen will, ist die Zentrierung auf die anglophone Forschung ein echtes Defizit. Ähnlich, wie die deutsche Forschung nicht rezipiert wird, scheint dies beispielsweise auch für die französische oder skandinavische sowie chinesische, japanische oder russische Forschung zu gelten, auch wenn versucht wurde, durch regionale Artikel tatsächlich global alle Regionen abzudecken.

Warum solch eine dicke Enzyklopädie heute noch primär als Buch publiziert wird, mit einem Buchhandelspreis von rund 4500,-€, erschließt sich mir nicht. Ein Buch zur erholsamen Lektüre ist das Werk nicht und sein Gehalt wäre digital leichter zu erschließen. Von einem Open Access-Webprojekt hätten mehr Nutzer und die ganze Wissenschaft profitiert und es hätte auf mittlere Sicht ausgleichend ergänzt werden können. Immerhin gibt es von Springer auch eine digitale Version als pdf, die kostet aber schlappe 5000,-€. Die vom Verlag für eine Rezension zur Verfügung gestellte online-Version des Werkes ist mit ihrer Navigation reichlich unübersichtlich und bietet keine vernünftigen Arbeitsvoraussetzungen.

Wenn die Enzyklopädie nicht so teuer und frei zugänglich wäre, könnte sie vielleicht dazu beitragen, die deutsche Forschung mehr an die glonalen Themen heranzuführen. So ist viel Potential verschenkt und die Enzyklopädie hat die Chance zum Geheimtipp für all jene zu werden, die sich für Theorien und Konzepte in der Archäologie interessieren.


(kleinere Überarbeitung nach Freischalten am 12.12.2016)

Samstag, 10. Dezember 2016

Der Schatz liegt unterm Birnbaum... ein Survey-Tag in Südserbien

Meine Stimmung war nicht besonders gut - der Mietwagen kaputt und der Tag zuvor war bereits vermatscht, um das Problem in Griff zu bekommen (Untertürkheimer Modell, das in Serbien keiner reparieren will, weil es zu kompliziert ist und für eine Kleinigkeit der ganze Motorblock ausgebaut werden muss). Eigentlich war eine größere Exkursion mit Übernachtung geplant gewesen, die nun aber den Auto-Problemen zum Opfer gefallen war. Ausserdem war bei mir eine Erkältung im Anflug. Immer wieder waren wir die Tage zuvor ziemlich nass geworden...
Also nur Plan B:  Die kaiserliche Villa von Mediana bei Niš. Wir starten erst spät mit dem Privatauto eines Kollegen. Erste Zwischenstation: die Ruinen einer mittelalterlichen Kirche nur wenige Kilometer von Caričin Grad entfernt. Wie bei fast allen alten Kirchenstellen in Südserbien, findet man Zeichen lebendiger Religiosität: Kleine Opfer von Geld (Münzen und Scheine), Kerzen und Rakia (oft in alten Cola-Flaschen). Die Ruine ist heute zugewuchert, liegt aber inmitten einer offenen fruchtbaren Landschaft. Als Altar dient, wie bei vielen vergleichbaren Ruinen eine Spolie, die vielleicht aus Caričin Grad stammt. Die Mehrzahl entsprechender Kirchenruinen ist bis heute nicht dokumentiert, so dass recht unklar ist, wie alt sie denn tatsächlich sind. Die frühere Forschung hat sie meist byzantinisch datiert, doch scheinen irgendwann die byzantinischen Spolien systematisch über die umliegenden Kirchen verteilt worden zu sein. Vom Grundriß und von der Lage her gibt es klar zu unterscheidende Typen, die es Wert wären, einmal in einem Forschungsprojekt näher untersucht zu werden, da sich damit mit Sicherheit Einblicke in langfristige Veränderungen der Siedlungslandschaft gewinnen lassen.

Münzopfer auf einem byzantinischen Kapitell in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
(Foto: R. Schreg/RGZM)
Eigentliches Ziel der Fahrt: Mediana bei Niš - die archäologischen Ausgrabungen der kaiserlichen Villa Constantins des Großen. Wenn man schon an einer Kaiserstadt in Serbien arbeitet, so muss man das auch gesehen haben - und in den Jahren zuvor hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Aber auch diesmal sollte es nichts werden: "wegen Rekonstruktionsarbeiten geschlossen".

Was nun? Ein kurzer Blick auf den Schädelturm in Niš, vor allem aber die Gelegenheit für einen kurzen Abstecher zu einer Höhensiedlung. nordwestlich von Caričin Grad. Eigentlich wollten wir sie schon in der ersten Woche unserer Survey-Kampagne besuchen, aber die Zeit hatte dann doch nicht gereicht. Eine halbe Stunde sollte eigentlich genügen, um einen knappen Überblick zu gewinnen, denn die Fundstelle liegt eigentlich zu weit weg von Caričin Grad, als dass sie für unsere Forschungen zum direkten Umland dieser Stadtgründung des 6. Jahrhunderts unmittelbar relevant wäre. Aber hier gab es ausnahmsweise Grabungen, die wenigstens eine vage Vorstellung über Ausgestaltung und Funktion einer kleineren spätantiken, ins 6. Jahrhundert reichenden Höhensiedlung geben. Natürlich gehört eine Kirche dazu, eventuell sogar zwei. Und trotz eines bescheidenen Forschungsstandes gibt es deutlich mehr Inschriften als aus der großen Stadt Caričin Grad. Grund genug also, den Platz im Rahmen unserer Forschungen zum Umland von Caričin Grad in Augenschein zu nehmen.
Wir waren nun freilich unvorbereitet: Weder Literatur noch Karte waren zur Hand, also wollten wir uns einfach im benachbarten Dorf durchfragen. Dieses erwies sich wie so viele andere im Süden Serbiens selbst schon als halbe archäologische Stätte. Schon auf der Anfahrt fielen die vielen aufgelassenen, teils bereits wiederbewaldeten Äcker auf. Rund 20 km weiter südlich, im näheren Umfeld von Caričin Grad hatten die Ortschaften 2002 meist nur noch ein Drittel, oft nur noch ein Fünftel der Einwohnerschaft, die in den 1950er Jahren zu verzeichnen war. Stolze Bauernhäuser der 1930er Jahre, öffentliche Bauten, wie Schulen, größere Läden, Gemeindehallen und Kriegsdenkmäler zeugen von einem gewissen Wohlstand im alten Jugoslawien. Heute steht das alles leer und verfällt. Auch viele der bäuerlichen Mehrhausgehöfte, deren Haupthaus ein meist als Stall genutztes Erdgeschoss aus Bruchsteinen sowie bescheidene Wohnräume in einem Obergeschoss aus Lehm umfasst. Daneben gibt es weitere Ställe und oft ganz ansehliche Scheunen für Heu, Getreide und Mais. Einige solche Höfe hatten wir uns immer wieder angesehen, denn die Zerfallsprozesse, die man hier beobachten kann, können wir in unseren Grabungen ganz ähnlich voraussetzen. Erst stürzt das Ziegeldach herunter, dann zerfließt die Lehmwand und zuletzt kippen dann auch noch die Steinwände des Erdgeschosses um, so dass eine Art verkehrte Stratigraphie entsteht.
aufgegebene Felder
(Foto: R. Schreg/RGZM)
Aber Menschen, die man nach dem Weg fragen können? Kaum zu finden. Erst vor dem kleinen Laden in der Ortsmitte sitzen ein paar ältere Männer im Schatten. Wir müssen noch ein Dorf weiter!
Das ist deutlich belebter: Hunde, Katzen, Hühner, Rinder und Schafe, aber auch spielende Kinder. Viele der alten Häuser wurden durch moderne Bauten aus Ziegel und Beton ersetzt, dennoch wirkt der Ort noch ärmer als der vorige. Die Straße ist hier nur noch unbefestigt. Bald haben wir den (zugewucherten) Friedhof und das letzte Haus passiert und stehen etwas ratlos da. Niemand da, den man fragen könnte. Von einer Kollegin erhalten wir per Telefon (ein moderner Sendemast steht prominent zwischen den heruntergekommenen Häusern) eine vage Beschreibung und den Tipp, nach der alten Kirche zu fragen. Wir kehren um und treffen im Dorf dann auch tatsächlich jemanden, der uns weiter helfen kann. Der Mann war uns zuvor nicht afgefallen, denn er lag unter einem alten Auto und schraubte daran herum. Die Straße weiter, nach einem halben Kilometer gäbe es noch ein paar Häuser, dort sollten wir nochmals fragen, aber nicht beim ersten Hof, denn da würden wir gezwungen, erst mal kräftig einen zu trinken.

Wir erreichen diesen letzten Ortsteil. Er besteht aus vier einfachen Gehöften. Am letzten Hof bellt sich ein Hund heiser, ansonsten ist weit und breit niemand zu sehen. Nur im ersten Hof scheint jemand zuhause. Dort hört man zankendes Geschrei aus den Haus.
Mangels anderer Möglichkeiten gehen wir dort auf dem Hof und machen auf uns aufmerksam. Es Erscheint ein alter Mann in blauem Arbeitskluft, roter Nase und einer mächtigen Fahne. Aber nach einem kurzen Gespräch erklärt er sich bereit, uns die Ruinenstadt zu zeigen.

Die Höhensiedlung 'Kale' im Gebüsch in Bildmitte liegt auf einem Sporn über einem Tal
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Wir gehen bergab, quer über ein mäßig bewachsenes Feld. Der Bauer beäugt uns misstrauisch, glaubt uns nicht, dass wir Archäologen seien, sondern hält uns für Goldsucher. Die kämen öfters hier vorbei.
Wir erreichen den Waldrand. "Wir betreten jetzt die alte Stadt" gibt uns der Bauer zu verstehen. Tatsächlich zeichnen sich beidseits des Weges Reste von Wall und Graben ab. Dahinter folgt rechter Hand eine kleine Lichtung, auf der unter einer Wiese Steinhaufen zu erkennen sind. Mehrere Löcher zeigen, dass es sich um Gebäudereste handelt. Die Löcher, erklärt uns der Mann, habe er selbst gegraben, er wollte wissen, was da zu finden sei. Gefunden hätte er aber nur Mauern. Im Aushub liegt Keramik.
Ziegelfragment mit Marke
aus einem Raubgrabungsloch
(Foto: R. schreg/ RGZM)

Wir gehen einen Waldweg entlang. Nach 20 m braucht unser Führer eine Pause. Eine Zigarette, einen Schluck. Er erzählt ununterbrochen. Ich kann kein serbisch und mein serbischer Kollege kommt nur hin und wieder dazu, mir eine Zusammenfassung zu geben. Ganz kurz: "Das war hier einmal eine blühende Stadt und hier gab es Schätze. Gefunden habe er aber noch keine" Neben unserem Rastplatz liegt ein weiteres Loch: Ziegel im Abraum, einer mit einer Marke.
Wenige Schritte weiter ist der Weg weitgehend zugewachsen. Wir folgen unserem Führer, der mit überraschend sicherem Schritt durch das zunehmende Dickicht geht. Links und rechts des Wegs sind immer wieder Unebenheiten zu erkennen. An der Hangkante zeichnet sich deutlich ein Wall ab. Ein Graben war aber nur dort vorhanden, wo wir - von der angrenzenden Hochfläche kommend - die Anlage betreten hatten. Wir kommen auf eine Lichtung. Unser Führer warnt uns vor den Schlangen, die hier häufig seien. Zwischen dem Gestrüpp ragt ein großer Mauerblock vor. Das sei die Kirche. Ich bin irritiert, erkenne erst gar nichts. Dann wird mir klar: hier ist alles restlos zerwühlt. Die Mauer ist keine Mauer, sondern der Fußboden, der 45° verkippt ist, da er unterhöhlt wurde. Der antike Betonfußboden war für die Raubgräber zu hart, also haben sie die Mauern ringsum abgetragen und von der Seite unter dem Fußboden nach Schätzen gesucht.
Die Basilika war in den Jahren 1960 und 1962 ausgegraben worden und wurde 2003 von serbischen Kollegen auch auf deutsch publiziert. Hätten wir den Grabungsplan vor Ort mit dabei gehabt, er hätte uns nichts genutzt. Außer dem Fußbodenblock sind kaum noch Mauerreste erhalten, obwohl diese nach den Grabunsgfotos Anfang der 1960er Jahre noch mindestens hüfthoch erhalten waren. Der alte Mann erklärt uns, dass man sich hier in den letzten Jahren immer wieder Baumaterial für kleinere Ausbesserungen in den etwa 400 m entfernten Höfen geholt hätte. 


Raubgräber haben den Fußboden der Kirche untergraben. Die Mauern des Kirchenraumes haben sie weitgehend eingerissen, um ihrem Geschäft nachgehen zu können.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Es wird immer deutlicher: Die ganze Anlage ist von Raubgräbern systematisch durchwühlt. Im Zentrum befinden sich die Reste eines Gebäudes. Die Steinhäufen waren wohl mal Mauern. Unser Führer erzählt, er hätte die Raubgräber hier im letzten Jahr getroffen. Si hätten ihm eine Münze gezeigt, die sie hier gefunden hätten, einen Constantin.  Unser Führer, der keinen sonderlich gebildeten Eindruck macht, kennt die römischen Kaiser ziemlich genau. Hier hätte man schon öfters mal Münzen gefunden. Der Boden ist um die Mauern großflächig abgetragen, es sind klare, gerade Kanten zu erkennen und die Abräumhäufen liegen daneben. Offenbar wurde hier eine archäologische Grabungsfläche geplündert. Nach Publikationsstand fand die letzte Grabung jedoch in den 1960er Jahren statt

Reste eines Hauses: Die Mauern von den Raubgräbern völlig abgerissen. Die Fläche ist großräumig abgetragen.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Aber erst vor wenigen Tagen waren die Raubgräber wieder da. Wir sehen frische Spuren von zahlreichen kleinen Schürfungen, wo der Detektor (oder die Wünschelrute?) angeschlagen hatte, aber auch ein großes Loch, etwa 2,5 m auf 1 m. Darin finden sich  Stellen mit viel Holzkohle, Rotlehm und einzelne Keramikscherben. Ganz offensichtlich wurde hier ein Ofen- oder Herdbefund zerstört. Es wäre spannend gewesen, zu ergraben, was hier produziert worden ist, denn die Fundstelle befindet sich in einer Art Vorbefestigung - eine kleine Terrasse unterhalb der großen Befestigungsmauer.
Unser Führer meint, hier sollten wir graben. Bis wir Gold gefunden haben, könnten wir die Ausgrabungen dadurch finanzieren, dass wir die Bäume als Brennholz verkaufen. Wem das Land hier gehört, habe ich nicht erfahren.

Unser Führer in einem der frischen Raubgrabungslöcher, das wenige Tage vor unserem Besuch ausgehoben wurde.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Die Spuren der Raubgräber.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Unser Führer steht nun nach 1 1/2 Stunden, ungezählten Zigaretten und Schlucks nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Er wird auch immer aggressiver. Verdächtigt uns nun, dass wir Spione seine, die nur von ihm nur erfahren wollten, wo der Schatz denn nun liegt. Die Deutschen wollten sich den dann holen. Details von dem, was er erzählt, bekomme ich nicht mit. Er kam offenbar schon mal durch Mainz ... "Düsseldorf" ... "Hitler" schnappe ich auf.

Längst wollen wir gehen. Wir haben einen Eindruck von der Fundstelle, haben einige GPS-Punkte genommen und Notizen gemacht. Anfangs haben wir die Aussagen unseres Führers noch aufgenommen, ehe mein Kollege dann meinte, das sei nun nur noch unzusammenhängendes Gelalle.
Aber dann erzählt er doch noch eine Geschichte, die mir mein Kollege ausführlicher übersetzt. Nämlich die Beschreibung, wo der Schatz tatsächlich liege: unterm Birnbaum!  Das scheint freilich kein ausschließliches Wissen unseres Führers zu sein. Schon vorher hat er uns immer wieder darauf hingewiesen, dass für viele Raubgrabungslöcher Bäume umgerissen wurden. In dem recht jungen Niederwald lagen tatsächlich viele der Löcher direkt bei einem der älteren, größeren Bäume. Einige waren auch  auffallend umgerissen. Ob das tatsächlich Birnbäume waren, kann ich nicht beurteilen. Der Schatz war wohl nicht dabei. Unser Führer versicherte uns auch, die hätten alle an den falschen Bäumen gesucht... Er wisse, wo man graben müsste, schließlich sei er hier aufgewachsen, hätte noch auf dem Fußboden der Kirche Murmel gespielt. Aber den genauen Ort verrate er uns erst, wenn wir wiederkommen, mit etwas Geld um hier auszugraben.

Der Weg zurück
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Wir führen unseren Führer wieder nach hause, mit vielen Pausen. Seine Flasche ist leer. Wir nähern uns seinem Hof; plötzlich besteht er aber darauf, er müsse uns noch etwas zeigen, läuft zielstrebig seitlich an seinem Hof vorbei, führt uns auf die Rückseite des wohl verlassenen Hofes seines Nachbarn und zeigt uns dort im Hinterhof ein Kapitell, das als Unterlage eines sekundär als Blumenkübel genutzten Waschbeckens dient. Ohne über den Zaun zu klettern, kommen wir nicht näher ran. Ein ähnliches Kapitell wurde laut Grabungsbericht in der Basilika in der Befestigung gefunden. Sie wurden dort einer über dem nördlichen Seitenschiff rekonstruierten Galerie zugeschrieben.


Ein ionisches Kämpferkapitell im Hinterhof eines verlassenene (?) Hofs
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Wir bedanken uns bei unserem Führer, der uns drängt, mit ihm noch Rakia zu drinken. Uns ist beiden nicht danach. Es ist noch eine weite Strecke bis Caričin Grad zu fahren, wo die übrigen Kollegen, die den Tag mit der Aufnahmen von Bodenprofilen im Umfeld der Stadt verbracht haben schon längst auf uns warten. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass ich Fieber habe (was mich am nächsten Tag auch tatsächlich weitgehend außer Gefecht gesetzt hat). Unser Führer möchte von uns nichts annehmen, aber er bittet uns, dass wir ihn ins Dorf mitnehmen. Nach fünf Kilometern setzen wir ihn im Dorf ab. Die Männer, die wir Stunden zuvor nach dem Weg gefragt haben, sitzen immer noch da. Unser Führer stürmt in den Laden.

Ein Abgleich unserer Ergebnisse mit der Publikation fällt nach dem Abendessen sehr kurz aus: Nichts von dem, was wir gesehen haben - von der Kirche abgesehen - ist in dem publizierten Plan enthalten. Wir waren aber definitiv an der richtigen Stelle, auch wenn die Fotos in der Publikation eine ganz andere Landschaft erkennen lassen. Die Fotos aus den 19050er oder 60er Jahren lassen einen unbewaldeten Hügel erkennen, mit einigen wenigen Bäumen.

Anlagen, wie dieses Kale, einige Kilometer von  Caričin Grad entfernt gibt es viele: Kaum beachtet, durch aufkommenden Wald, Steinraub und Raubgräber heimgesucht und kaum erforscht. Wir wissen kaum etwas über das Leben in diesen Anlagen. Waren sie befestigte Bauerndörfer oder Militärstationen zur Kontrolle des in der Region bedeutenden Bergbaus (die Woche zuvor waren Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum in Bochum Teil unserer Mannschaft und wir haben einige Bergwerke aufgesucht, die wohl prähistorisch oder römisch zu datieren sind)? Unter welchen Bedingungen wurde die Siedlung verlassen? Im Unterschied zu Caričin Grad sollen von dieser Höhensiedlung auch slawische Siedlungsfunde des 9./10. Jahrhundert vorliegen. Wie wurden da die alten Gebäude genutzt? Antworten auf diese Fragen wird es in der Höhensiedlung 'Kale' kaum mehr geben. Die Raubgräber haben sie vernichtet.

Viele neue Eindrücke und doch irgendwie frustrierend...

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Adventskalender 2016n

Dienstag, 6. Dezember 2016

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Adventskalender 2016

Entwicklungen der Archäologie des Mittelalters

Fast 30 Jahre nach der Publikation der wegweisenden Einführung in die Archäologie des Mittelalters von Günter P. Fehring (1987) haben wir nun ein neues Buch geschrieben, das die Archäologie des Mittelalters als wissenschaftliche Disziplin umreißt. Dass sich in 30 Jahren nicht nur ein enormer Quellenzuwachs ergeben hat, sondern dass sich auch die Sichtweisen verändert haben, dürfte nicht verwundern. Während meines Studiums war das Buch von Fehring noch neu und gab in der Tat eine gute Übersicht über das Fach. 
Aber bei einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Theorie der Archäologie des Mittelalters wurden bald die  Grenzen der Konzeption der Archäologie des Mittelalters deutlich, wie sie in der Einführung Fehring erkennbar wurden. Vor 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Neuauflage von Fehrings Einführung zu rezensieren, die mit nur wenigen Aktualisierungen auskam - vornehmlich ergänzenden Nennungen neuer Grabungen und Nachträgen im Literaturverzeichnis. Meine Kritik zielte auf die methodisch-theoretische Konzeption, wie sie sich unter anderem in der Definition des Faches niederschlug (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016). Konkret richtete sich meine Kritik auf die folgenden Punkte:



  • der enge Bezug auf die Geschichtswissenschaften, ohne dass das Geschichtsverständnis präzisiert wurde (das aber aus dem Kontext zu erschließen eher traditionell zu verstehen ist)


  • die daraus resultierende explizite Ablehnung archäologischer Theorie  insbesondere der 'new archaeology'


  • die explizite Festlegung auf archäologische Methoden, konkreter die der Ur- und Frühgeschichte


  • daraus resultierend das Ausklammern der Bauforschung (die in der klassischen Archäologie durchaus  in das archäologische Methodenspektrum integriert sind) und


  • der geringe Stellenwert der Sachkulturforschung


  • fehlende Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen.





  • neue Entwicklungen

    Tatsächlich dürften dies die Bereiche sein, in denen die Diskussion in der Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) in den vergangenen 30 Jahren die stärksten  Fortschritte gemacht hat - vor allem dadurch, dass die Themen überhaupt als solche erkannt wurden.
    1. Die Rolle der Geschichtswissenschaften wird zunehmend durch einen Bezug auf die historischen Kulturwissenschaften relativiert, oder wenigstens ergänzt. Hier ist beispielsweise auf Beiträge von I. Ericsson, C. Theune, U. Müller und auch von mir selbst zu verweisen.
    2. Die insgesamt in der deutschen Archäologie zunehmende Theoriediskussion betrifft auch die Archäologie des Mittelalters, sowohl was Theorie im Sinne einer Entwicklung von Fragestellungen und Hypothesen betrifft, als auch in Bezug auf Theorie im Sinne einer kritischen Selbstreflektion der Fachstrukturen und der handelnden Personen. Die entscheidenden Beiträge stammten hier zunächst aus dem angelsächsischen Raum, werden aber zunehmend auch in der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Community rezipiert.
    3. Ich sehe auch eine durchaus interdisziplinäre Öffnung, die mehr an Fragestellungen und Kompetenzen orientiert ist, als an disziplinären Claims. Das ist freilich noch eher zögerlich, aber zunehmend greifen Überblicksarbeiten weiter aus und greifen auf Ergebnisse und Theorien von Nachbardisziplinen zurück. Dieser Trend lässt sich an den Definitionen des Faches ablesen (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016).
    4. Eine pragmatische Auseinandersetzung mit den Zuständigkeiten von Archäologie und Bauforschung hat dazu geführt, dass zunehmend integrative Projekte durchgeführt wurden, die beispielsweise einzelne städtische Fachwerkhäuser bauhistorisch und archäologisch untersucht haben.
    5. Die Sachkulturforschung wurde zwischenzeitlich sowohl von Archäologen als auch von Historikern als Aufgaben- und Forschungsfeld umrissen. Zu nennen ist hier die grundlegende Arbeit von Sabine Felgenhauer, die noch stark den Bezug zur klassischen Kulturgeschichte suchte. Inzwischen ist ein zunehmender Einfluss der historischen Kulturwissenschaften zu vermerken, der sich darin äußert, dass Objekte im Kontext sozialer Praxis gesehen werden. Zu verweisen ist auf die Thematisierung des Habitus (vergl. Archaeologik 14.12.2012; publiziert: Schreg u.a. 2013), die explizit beispielsweise in der Arbeit von Ulrich Müllers zu Handwaschgefäßen vorgenommen wurde.
    6. Grundsätzliche Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen hat der Schwede Anders Andrén schon etwa zum Zeitpunkt der Erstpublikation von Fehrings Einführung vorgelegt. Die wurde inzwischen - etwas zögerlich - auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
    Darüber hinaus konnte seit den 1990er Jahren eine Internationalisierung des Faches festgestellt werden (vergl. Archaeologik demnächst), wie sie etwa im Medieval Europe Research Congress (MERC - jetzt Medieval Europe Research Commitee im Rahmen der EAA) oder der Ruralia Association zum Ausdruck kommt.

    Umsetzung

    Mit dem Schreiben einer neuen Einführung bot sich die Chance (und Notwendigkeit), die eigenen Kritikpunkte umzusetzen und neueren Entwicklungen  Rechnung zu tragen. In einigen Punkten setzt sie sich ganz bewusst von der älteren Arbeit Fehrings ab. Da wir in dem neuen Buch diesen Kontrast nicht herausgearbeitet haben, er aber interessant erscheint, wenn es darum geht, die Entwicklung des Faches in den letzten Jahren zu skizzieren, seien hier jene Punkte angeführt, die jedenfalls für mich beim Schreiben der Beiträge wichtig waren.

    Wir haben die Definition des Fachs anders formuliert.
    Die Archäologie der Neuzeit sollte einbezogen werden. Wir haben dies nur moderat getan, da die Entwicklung dieses Forschungsgebietes gerade sehr rasch voranschreitet. Nach einer Phase, in der die Neuzeitarchäologie in Deutschland überwiegend  an Kriegen und "Tatorten" interessiert war,  wendet sie sich nun breiteren Themen zu, kommt dadurch aber auch in die Situation, genauer ihr Erkenntnisinteresse darstellen und erklären zu müssen, worin die Sinnhaftigkeit einer archäologischen Auseinandersetzung mit der Neuzeit besteht. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit verstehen wir primär als eine historische Archäologie.

    Wir formulieren keine Abgrenzung gegenüber den Geschichtswissenschaften oder der Kunstgeschichte vor. Hier gibt es Überschneidungen, von denen ein interdisziplinärer Diskurs nur profitieren kann.
    Fehring hatte in seinem Buch keinerlei theoretische Reflektion über die weitergehenden Ziele der archäologischen Forschung. Hier ergeben sich aber zahlreiche Themen, die für das Verständnis und die Weiterentwicklung des Faches von grundlegender Bedeutung sind. So ist das Geschichtsverständnis oder der Kulturbegriff des Faches ebenso zu hinterfragen, wie seine Narrative in der Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Deshalb enthält der Band im Methodenkapitel einen relativ ausführlichen Teil zu Quelleninterpretation und Theorie. 

    Keramik trat in der Einführung Fehrings nur im Kontext der Chronologie auf. Tatsächlich sind Keramikscherben darüber hinaus eine wichtige Quelle zur Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, bisweilen auch zur Umweltgeschichte. Der Themenbereich der Sachkultur sollte stärker betont werden. Das haben wir erreicht, indem die wichtigsten Fundgruppen eigene kästchenförmige Exkurse erhalten haben.

    4. Obwohl sich das Buch auf den deutschen Sprachraum konzentriert, greift es punktuell immer wieder darüber hinaus, etwa, wenn die byzantinische Archäologie oder die islamische Archäologie kurz präsentiert werden.


    Literaturhinweise

    Andrén 1998
    A. Andrén, Between artifacts and texts. Historical archaeology in global perspective, Contributions to global Historical Archaeology (New York 1998)

    Ericsson 2000
    I. Ericsson, Archäologie des Mittelalters - eine Kulturwissenschaft?, Das Mittelalter 5, 2000, 141–148

    Fehring 1987
    G. P. Fehring, Einführung in die Archäologie des Mittelalters (Darmstadt 1987)

    Felgenhauer-Schmiedt 1995
    S. Felgenhauer-Schmiedt, Die Sachkultur des Mittelalters im Lichte der archäologischen Funde, Europ. Hochschulschr. R. 38 42 2(Frankfurt am Main 1995)

    Müller 2006
    U. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung. Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs (5./6. bis 15./16. Jahrhundert), Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 20 (Bonn 2006)

    Müller 2013
    U. Müller, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien, in: K. Ridder – S. Patzold (Hrsg.), Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität, Europa im Mittelalter 23 (Berlin 2013) 61–90

    Schreg 2001
    R. Schreg, [Rez.zu]: Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung, Arch. Inf. 24, 2001, 331–334

    Schreg 2007
    R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 18, 2007, 9–20

    Schreg 2010
    R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit: eine historische Kulturwissenschaft par excellence?, in: M. Dreyer – J. Kusber – J. Rogge – A. Hütig (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven, Mainzer Historische Kulturwissenschaften 1 (Bielefeld 2010) 335–366

    Schreg u. a. 2013
    R. Schreg – J. Zerres – H. Pantermehl – S. Wefers – L. Grunwald – D. Gronenborn, Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie, Arch. Inf. 36, 2013, 101-112 - DOI: 10.11588/ai.2013.0.15324
     
    Theune 2009
    C. Theune, Ganzheitliche Forschungen zum Mittelalter und zur Neuzeit, in: S. Brather – D. Geuenich – C. Huth – H. Beck (Hrsg.), Historia archaeologica. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag, RGA Ergbd. 70 (Berlin 2009) 755–764

    Theune 2012
    C. Theune, Zeitgeschichtliche Archäologie. Forschungen und Methoden, Fundber. Österreich 51, 2012, 121–126

    Theune 2014
    C. Theune, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts, Archäologie in Deutschland. Sonderheft (Darmstadt 2014)

    Montag, 5. Dezember 2016

    5

    Adventskalender 2016

    #NoDAPL - Erfolg des Protestes (und die Rolle archäologischer Funde)

    Die Auseinandersetzung um die Dakota Access Pipeline (DAPL) in North Dakota hat ein vorläufiges Ende gefunden: Mit einem Sieg der Protestierer. Der Bau wurde gestoppt und für die Pipeline soll eine alternative Trasse gefunden werden.
    Der Bau einer Pipeline entlang eines Indianerreservats hatte Proteste ausgelöst, die sich gegen das Risiko der Wasserverschmutzung sowie gegen die Zerstörung von 'sacred land'  richteten. An der Trasse ist eines der größten Protestcamps entstanden und es kam zur größten Vereinigung von Indianerstämmen (siehe Pipeline durch sacred land löst Indianeraufstand aus. Archaeologik [18.9.2016]. - http://archaeologik.blogspot.de/2016/09/pipeline-durch-sacred-land-lost.html). Ein Ultimatum zur Räumung des Lagers  stand unmittelbar bevor.



    Protest gegen DAPL, 15.11.2016 in San Francisco
    (Foto: Pax Ahimsa Gethen  [CC BY SA 4.0] via



    In der Auseinandersetzung spielten archäologische Funde anfangs eine wichtige Rolle. Im Lauf der Zeit sind sie hinter den Umweltrisiken zurück getreten - möglicherweise eine Folge davon, dass sich auch immer mehr 'Weiße' mit den Protesten solidarisiert haben. Gleichwohl blieb das Argument des sacred land in der Diskussion. Konkrete archäologische Funde und Befunde bekam man indes in den zahlreichen Medienberichten nicht zu sehen. Angeblich hatten die Bauarbeiten Ende August/Anfang September Dutzende von Gräberfeldern und anderen Fundstellen einplaniert. Besonders genannt wurde eine steinerne Stele, die ein Experte des Stammes als den bedeutendsten archäologischen Fund in Nord-Dakota seit vielen Jahren einstufte. Bilder von ihr habe ich in den Medienberichten nicht gefunden. Hinter den Kulissen kam es zu einem Streit um die archäologische Expertise, bei der staatliche Archäologen gegen die Fachexpertise der Stämme angeführt wurde. Für die Indianer sind arcäologische Funde für eine Einschätzung des Landes als sacred land eher zweitrangig,  Die Bedeutung archäologischer Funde (oder eben doch keine?) läge eben in einer auch für Außenstehende nachvollziehbaren Argumentation. Interpretation und Dokumentation der archäologischen Fundstelle wurden zu einer Frage der Deutungshoheit und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung.  Zu berücksichtigen ist allerdings auch, dass sich die Bedeutung vieler Befunde nur den Indianern erschließt, aber nicht einem 'normal' ausgebildeten Archäologen, der einige der Strukturen möglicherweise als zufällige natürliche Gesteinsformation einstuft, aber deren kulturellen Bedeutungsgehalt übersehen muss.
    Es geht hier nicht um archäologische Fundstellen als eine wissenschaftliche Quelle, sondern um das kulturelle Eigentum der Natives - deshalb wäre hier auch eine Notgrabung, wie sie bei uns bei entsprechenden Pipeline-Projekten, wenigstens in manchen Bundesländern Routine sind, keine Lösung.

    Für die nicht gerade üppige und spät einsetzende deutsche Berichterstattung:
    Dennoch gibt es auch in Deutschland Initiativen, die sich gegen die Finanzierung durch deutsche Band und Bayern LB wenden:

      Interner Link

      Freitag, 2. Dezember 2016

      2

      Adventskalender 2016

      Vormarsch gegen Daesh (Syrien/ Irak im November 2016)

        Beim Vormarsch auf Mosul wurden auch archäologische Denkmäler in Mitleidenschaft gezogen. Eine Analyse der Entwicklung von Dash/ ISIS angesichts des Gebietsverlustes bei der alliierten Offensive gegen Mosul:
        mit einer Einordnung der Zerstörung und Vermarktung von antiken Monumenten und Funden durch Daesh.

        Nimrud

        Der Ziggurat von Nimrud wurde systematisch mit Planierraupen eingeebnet, wie Luftaufnahmen belegen. Daesh hat die Zerstörungen in einem Propagandafilm inszeniert. Die Hintergründe sind noch unklar. Kurz danach haben die kurdischen Peschmerga Stellungen in der Ruinenstätte ausgehoben.
        Zum neuen Propagandafilm des Daesh:

        aktuelle Bilder aus Nimrud


        Weitere Zerstörungen um Mosul

        christliche Klöster zerstört:
        Schon im letzten Monat wurden archäologische Funde beim Vormarsch irakischer Truppen auf facebook bekannt. Jetzt folgt eine Zeitungsmeldung, die die Funde Truppen der Peschmerga zuweist. Die Bilder sind identisch.

        Terrorfinanzierung und Antikenhandel

        Im ehemaligen Daesh-Hauptquartier in Palmyra wurden  mindestens fünf palmyrenische Grabreliefs entdeckt, die wohl aus Raubgrabungen während der Daesh-Herrschaft stammen und wohl für den Antikenmarkt vorgesehen waren.
        Derweil verkauft der Kunsthandel munter Büsten aus Palmyra - Teile der berühmten Grabreliefs, die uns bei sorgfältiger Dokumentation wertvolle Einsichten in die palmyrenische Gesellschaft hätten bieten können. So sind sie nur noch schön und Zeugnis einer Geschichtsvergessenheit - wobei wahrscheinlich viele Sammler, die Funde dummdreist als Zeichen ihrer (nicht vorhandenen) Bildung und Kulturbeflissenheit präsentieren....

        Schadensmeldungen

        Damage Newsletter
        Bilder aus Aleppo via Aleppo Archaeology:



            Maßnahmen

            Konferenz:
            Konferenz in Florenz:

            Save Haven im Louvre
            Umsetzung der Konvention von den Hague von 1954 in britisches Recht
            Monuments Men

              Sonstige Medienberichte

              Versteckte Funde
              Ein Reisebericht aus Syrien mit besonderem Blick auf Antiken und Rundum-Bildern/ -Videos:

              wagemutige und riskante Forschung im Irak

                Links

                frühere Meldungen zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.