Freitag, 28. Februar 2014

Frühe Konzepte von Mensch und Natur

Ein Blog begleitet die StipendiatInnen des Graduiertenkollegs "Frühe Konzepte von Mensch und Natur" an der Universität Mainz.
Blinder Musiker im Grab des Nacht (TT 52), 18. Dynastie
(Quelle: The Yorck Project/Zenodot Verlagsgesellschaft mbH 
[Public Domain/ GNU Free Documentation License],
via Wikimedia commons)
Das Blog dokumentiert die Aktivitäten des Graduiertenkollegs, den Arbeitsfortschritt der einzelnen Arbeiten und hilft auch dabei, die vielfältigen Querbeziehungen der Einzelthemen sichtbar zu machen.


Donnerstag, 27. Februar 2014

„Das nennt sich Fieldwork, ihr Schnarchzapfen“ – Der Rülzheimer „Barbarenschatz“ und die öffentliche Wahrnehmung von Denkmalpflege und Archäologen

Jutta Zerres


Das Interesse an der Entdeckung eines Hortfundes des 5. Jahrhunderts im südpfälzischen Rülzheim durch einen illegal tätigen Sondengänger, die am 13.2.2014 bekannt wurde, ist ungebrochen. Viele Berichte in Print- und elektronischen Medien im In- und Ausland sind in den letzten Tagen veröffentlicht worden (Archaeologik 21.2.2014). Über die Kommentarfunktion bei Onlineangeboten einiger Printmedien hatten die Leser der Artikel die Möglichkeit ihre Meinung zu sagen. Auch Spiegel Online griff am 18.2. das Thema auf und zu dem hier veröffentlichten Bericht ist die beachtliche Anzahl von 151 Kommentare bzw. Antworten auf Kommentare eingegangen (Stand 25.2.2014). Die Beiträge spiegeln eine erhitzte Debatte und wie durch ein Brennglas offenbaren sich Einsichten über die Wahrnehmung von Archäologen und der Arbeit der Bodendenkmalpflege, die hier näher beleuchtet werden soll. Archäologische Feldforschung der ganz anderen Art ...


Profi-Archäologen versus „Hobby-Archäologen“
Einen breiten Raum in den Stellungnahmen nimmt das Verhältnis der professionellen Archäologen gegenüber den Hobbyforschern ein. Hier läßt sich ein stark negatives Bild herausarbeiten und es scheint einen tiefen Graben zwischen beiden Gruppen zu geben. Sie werden von den Foristen als faul, unfähig, egoistisch und geltungssüchtig charakterisiert. Statt dankbar zu sein, dass Hobbyforscher ihnen Funde bringen, die sie selber nicht aufgespürt haben, nehmen die Profis den Findern die Funde weg. Obendrein werden die Hobbyforscher dann noch kriminalisiert und die Profis schmücken sich mit ihren Federn.

Archäologen leisten nichts im Feld:

IsaDellaBaviera, 18.2.2014:
„"Landesarchäologen" sind doch nur sauer & genervt, weil sie diesen Fund nicht selbst gefunden und auf ihr Konto verbuchen können. Wie wärs mal mit etwas mehr ARBEIT & ENGAGEMENT, Leute? Schnappt euch ein paar arme, unterbezahlte Praktikanten, drückt ihnen und euch selbst Metallsuchgeräte in die Hand und geht mal raus an die frische Luft. Das nennt sich FIELDWORK, ihr Schnarchzapfen.Oder habt ihr es schon vergessen? Und das ist auch der Grund, warum ihr von uns Steuerzahlern eingestellt wurdet und bis heute auch bezahlt werdet. (...).

Dienstag, 25. Februar 2014

Kulturgüter in Aleppo durch Sprengungen gefährdet

Gastbeitrag von László Matthias Simon


Erst kürzlich macht ein Video im Internet die Runde, das Mitglieder der „Syrischen Front“, des zurzeit größten Oppositionsbündnisses im syrischen Bürgerkrieg, bei der Sprengung des Carlton-Hotels nahe der Zitadelle von Aleppo zeigt. In diesem drohen sie ebenfalls mit der Sprengung der Zitadelle.

Nach Berichten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurde am Freitag, den 14.2.2014, Sprengladungen unter dem Carlton-Hotel im Norden Aleppos gezündet, das vom syrischen Militär als Basis genutzt wurde. Hierbei gab es fünf Tote und weitere bei den anschließenden Gefechten. Die Rebellenorganisation „Islamische Front“ hatte zu diesem Zweck Tunnel unter und um das Hotel gegraben. Dieses Vorgehen sei bereits öfter in Aleppo und Damaskus angewandt worden – so zumindest die Rebellen –, beispielsweise bei der Sprengung des Justizpalastes und eines Gebäudes der Landwirtschaftskammer vor einem Jahr. Das nun veröffentlichte Video zeigt die Rebellen beim Graben der Tunnel unter dem Carlton-Hotel und den letzten Vorkehrungen für die Sprengung.
Zitadelle von Aleppo
(Foto: James Gordon [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)

Das mit Blick auf die Zitadelle errichtete Hotel wurde 1883 als Krankenhaus auf den Ruinen des 61 Jahre zuvor zerstörten Justizpalastes erbaut, bevor es in jüngster Zeit als Hotel genutzt wurde. Die Explosionen haben den hinteren Teil des historischen Gebäudes nahezu vollkommen zerstört, während die Fassade zwar erhalten blieb, sich jedoch aufgrund zahlreicher Beschädigungen nicht sagen lässt, ob diese noch lange stehen wird. In der langen Fassung des Videos drohen die Rebellen ebenfalls damit, die Zitadelle von Aleppo in die Luft zu sprengen. Auch diese wird vom syrischen Militär als Basis genutzt. Das Graben eines Tunnels unter die Zitadelle würde sich jedoch als schwierig gestalten, da diese von einem 22 Meter tiefen und 30 Meter breiten Graben umgeben ist. Ob also die „Syrische Front“ ihre Drohung überhaupt wahr machen kann ist unklar.



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Sonntag, 23. Februar 2014

Nach den Unruhen: Blue Shield Ukraine gegründet


Nach der Plünderung des Historischen Museums der Stadt Kiew hat sich am 21.Februar 2014 Blue Shield Ukraine gegründet.

An der Gründung in der Sophienkathedrale von Kiew, die auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste steht, sind die ukrainischen Bibliotheksverband, die International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA), das Ukrainische Nationalkomitee des Internationalen Rates der Museen (ICOM) sowie das ukrainische Nationalkomitee des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS) beteiligt.

Sophienkathedrale in Kiew
(Foto: Denis Vitchenko [CC BY-SA 3.0]
via Wikimedia Commons)
Das Internationale Komitee des Blue Shield (ICBS) – eine Art des Roten Kreuzes für Kultur – ist eine 1996 gegründete internationale Organisation, die den Schutz des kulturellen Erbes bei Konflikten und Naturkatastrophen stärken soll.
Das neuen Ukrainische Nationalkomitee des blauen Schild steht unter der Leitung von Nikolay Yakovyna (Päsident ICOMOS Ukraine).

Als erste Aktivität ruft Blue Shield Ukraine dazu auf, dass alle Fälle von Beschädigung oder Zerstörung und Plünderung im Zusammenhang mit den Ereignissen der vergangenen drei Monate gemeldet werden.

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Freitag, 21. Februar 2014

Im Schatten der Straßenschlacht: Museum in Kiew geplündert

Während der blutigen Straßenschlachten mit über 70 Toten wurde in Kiew das Städtische Historische Museum mit archäologischen Funden aus dem Stadtgebiet vollständig geplündert. Das Gebäude des Museums, in dem die Sammlung wegen eines Umzugs verpackt gelagert war, wurde im Januar von Protestern besetzt. Derzeit wird es von den Sicherheitskräften genutzt.
 
Kiew, Maidan-Platz, 19.2.2014
(Foto: Amakuha [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)
Wann genau die Sammlung verschwunden ist, scheint noch ungeklärt. Es kursieren im Netz jedoch Aussagen, wonach die Polizeitruppen für den Raub verantwortlich seien. Möglicherweise wird hier - wie aus Ägypten und Syrien bekannt - Kulturgut wieder missbraucht, um den politischen Gegner als  Barbaren abzustempeln.

Mykola Yakovyna, Präsident der ICOMOS Ukraine berichtet auf facebook:
The police robbed the Museum of Kyiv History. The increasing danger threatens the collections of the National Parliamentary Library and the National Art Museum. Facade areas of architectural monuments covered with smoke were only the beginning of the further damage not only in Kyiv but also in other cities. 

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Nachtrag (22.2.2014)

Ein Räuber im Zauberwald - die Vernichtung einer Quelle zur Völkerwanderungszeit

Sehr viel Aufsehen erregt der Fund eines "Barbarenschatzes". In einem Wald bei Rülzheim wurde er mit einer Metallsonde aufgespürt und anschließend illegal ausgeräumt.
Bei dem Finder handelt es sich um einen seit geraumer Zeit in der Sondlerszene engagierten Raubgräber, der in der Südpfalz offenbar schon zahlreiche Fundstellen heimgesucht hat und insbesondere mit seinem "Zauberwald" prahlt. Die Behörden kamen ihm wegen Ermittlungen in anderen Fällen auf die Spur.
Der Fund wird gefeiert - und doch ist er in erster Linie ein Alarmsignal. Er demonstriert die Vernichtung historischer Quellen durch Schatzsucher.

Der Fund umfasst zahlreiche Objekte, die eine Datierung ins 5. Jahrhundert nahelegen.

Wissensverlust
Der Gewinn an Fundobjekten wiegt den Verlust an Wissen bei weitem nicht auf. Unter den Funden liegen zahlreiche Goldbeschläge vor. Nun wird gerätselt, ob die "kreuzförmig ornamentierten Goldbuckel die Robe eines Römers oder eines germanischen Stammesfürsten" zierten. Denkbär wäre aber auch, dass sie zu Pferdegeschirr gehörten. Da jedoch keine Fundlage dokumentiert wurde, läßt sich das nicht mehr klären. Wir können nur anhand von besser bekannten Vergleichsfunden Mutmaßungen anstellen - die gibt es aber nur in geringer Zahl, da auch andere einschlägige Schätze durch Raubgräber ans Tageslicht gekommen sind.
Vielleicht gehören im Rülzheimer Fund weitere Goldbeschläge zu demselben Stück. Die Fundlage hätte uns das erzählen können.

Die Beschläge eines Klappstuhls sind als Einzelteile auf uns gekommen. Die möglicherweise zugehörigen Eisenteile fehlen. Der Räuber hat die Rostteile möglicherweise entsorgt. Ein etwas jüngeres Vergleichsstück wurde 2006 bei regulären Grabungen der baden-württembergischen Denkmalpflege aus einem Grab bei Hessigheim geborgen. Die Eisenteile wurden selbstverständlich ebenso geborgen, wie die Silberteile - und ermöglichten so eine Rekonstruktion des Klappstuhls. Beim Rülzheimer Klappstuhl erfahren wir leider nichts mehr über die Anordnung der Einzelteile und haben somit auch keine zuverlässigen Informationen mehr, um das Stück zu rekonstruieren. Wir können nur für Ausstellungszwecke nach anderen Beispielen ein mehr oder weniger plausibles Arrangement der Einzelstücke vornehmen - wissenschaftlich ist das aber wertlos.
Die Wirkungen einer Raubgrabung sind vergleichbar
mit der Wirkung eines Aktenvernichters:
Das Material ist noch da, die Zusammenhänge sind vernichtet.
(Foto: wdwd [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

Das sind nur einige Informationslücken, die der Raubgräber bezüglich der Kenntnis der Einzelobjekte gerissen hat. Wir erfahren aber auch nichts mehr darüber, ob der Fund in einer Kiste, in einem Sack, in einem Erdloch, in einem Keller begraben war - oder gar in einem Sumpf versenkt war.

Die Hackspuren an dem Silberteller legen immerhin nahe, dass es sich nicht um einen Grabfund handelt -  was prinzipiell ebenfalls eine Möglichkeit darstellt, die wir nicht ausschließen können. Hätte der Raubgräber schlecht erhaltene Leichenreste überhaupt erkannt? Wohl kaum. Hätte er ein Grab pfleglicher behandelt?

Die Südpfalz ist eine Landschaft, die mit dem "Nibelungenschatz" verbunden wird. In den Medien wird hier nun jenseits jeder wissenschaftlicher Argumentation spekuliert. Fakt ist, dass der Rülzheimer Schatz nicht der erste aus der Region ist. Nur wenige Kilometer entfernt in Neupotz wurde seit 1967 bei Kiesbaggerarbeiten der "Hort von Neupotz" geborgen. Hier liegen ebenfalls keine Informationen zum Befundkontext vor, da die Funde aus dem Rheinkies ausgebaggert wurden. Vermutlich sind sie bei einer Rheinquerung verloren gegangen. Der Fund von Neupotz datiert ins 3. Jahrhundert, ist also um einiges älter als der neue Fund von Rülzheim.
"Schatzfunde" - der Archäologe spricht lieber von Hortfunden, da der heutige Wert nachrangig ist - sind aus der Völkerwanderungszeit in großer Zahl bekannt. Oft handelt es sich nur um eiserne Gerätschaften, die für Raubgräber eher uninteressant sind, da die Restaurierung aufwändig ist. Dabei gibt es ganz verschiedene Hintergründe, wie solche Hortfunde zustande kommen. Bisweilen ist es das Plünderungsgut, das Barbarenhorden auf ihren Zügen unterwegs verloren oder zurück gelassen haben. Das wird etwa für Neupotz vermutet. Bisweilen sind es Objekte, die die lokalen Bewohner vor Plünderern versteckt haben - und nicht wieder bergen konnten. In einigen Fällen sind es auch Opferfunde aus Sümpfen, Seen und Flußarmen. Hier haben sich die Objekte oft auch über einen längeren Zeitraum angesammelt. Eine genaue Beobachtung der Fundlage wäre entscheidend gewesen, diese grundätzliche Frage zu klären.
Und Rülzheim?
Er ging als Barbarenschatz in die Medien. Sicher ist das nicht - denn der freundliche Raubgräber hat uns leider alle sicheren Indizien dazu zerstört.

Die Beurteilung des Schatzes von Rülzheim wird immer ein Fragezeichen behalten müssen. Nur noch bedingt lässt er sich heranziehen, um den Zerfall des antiken Staatswesens genauer zu beleuchten und nach den konkreten Vorgängen zu fragen. Gerade heute, wo wir solche Szenarien des Staatszerfalls in Afrika und im Nahen Osten erleben, wäre es angebracht, darüber nachzudenken, welche Rolle solche Szenarien für unsere eigene Kultur spielen. Auch diese Kraft des Schatzes von Rülzheim hat der Räuber im Zauberwald zerstört - es sind nur noch Objekte.  


Medienecho

Samstag, 15. Februar 2014

Ägypten drei Jahre nach der Revolution (Februar 2014)

Jutta Zerres

Drei Jahre nach der Januar-Revolution sind Zerstörungen und Plünderungen ägyptischer Kulturgüter ein andauerndes Problem.

The Cairo Observer listet 10 prominente Fälle von Verlust kulturellen Erbes in Ägypten innerhalb der vergangenen drei Jahre.

Weitere Beispiele aus der aktuellen Berichterstattung:
Einen breiten Raum in der Berichterstattung nahm die Explosion einer Autobombe in Kairo vor einer Polizeistation am Jahrestag der Januar-Revolution am 24.01.2014 ein. Die Bombe forderte sechs Menschenleben und zog auch das Museum für islamische Kunst, das in unmittelbarer Nähe liegt sowie historische Moscheen und die ägyptische Nationalbibliothek mit dem Nationalarchiv stark in Mitleidenschaft:

Am 10. Februar meldet eine Presseerklärung der amerikanischen Botschaft in Kairo, dass die USA eine Million ägyptische Pfund zur Restaurierung des Museums zur Verfügung stellen werden:

Deutlich unauffälliger, aber ebenso bedrohlich, sind die Zerstörungen an dem Fundort Atfih. An diesem Ort, den die Ägypter Tepihut und die Griechen Aphroditopolis nannten, befand sich die Nekropole der heiligen Kühe.
Aktuell ist die archäologische Stätte stark bedroht. Aktivisten der Egypt’s Heritage Task Force besuchten die Stätte am 17.01. und berichteten am 19. Januar mit einer umfangreichen Fotodokumentation von Plünderungen und der Ausdehnung von illegalen Bauaktivitäten in das Gelände der archäologischen Stätte.

Qasr Ibrim, eine befestigte Stadt im Süden, die heute wie eine Insel aus dem Nasserstausee herausragt, ist ein weiterer Ort, der in jüngster Zeit von Plünderungen betroffen war. Egypt’s Heritage Task Force veröffentlichte am 2. Februar 32 Fotos. Sie zeigen zahlreiche Raubgrabungsschächte.

Ruinen von Qasr Ibrim im Nasserstausee
Foto: Roland Unger, 1998 [CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia Commons


Illegaler Handel mit ägyptischen Antiken

Minister Mohamed Ibrahim verkündete am Montag, dem 2. Februar, dass Ebay die Versteigerung von 125 altägyptischer Funde auf ihrer Website verhindert habe:

Der französische Sender TF1 meldet, dass die ägyptische Polizei ein Depot mit Fundobjekten aus Raubgrabungen in Giza entdeckt habe. Drei Personen wurden festgenommen:


Die ägyptische Polizei verhinderte, dass ein deutscher Staatsbürger 44 antike Münzen außer Landes schmuggelte:

Interner Link:

Mittwoch, 12. Februar 2014

Kultur als Kapital

Italien fordert von den Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch 234 Millionen Euro Schadensersatz. Die Agenturen hatten 2011 Italiens Kreditwürdigkeit herabgestuft.
Der Rechnungshof stellt fest “S&P hat in seinem Rating Italiens Geschichte, Kunst und Landschaft nicht berücksichtigt, die, wie allgemein anerkannt, die Basis seiner Wirtschaftskraft darstellt.”

Die Erkenntnis, dass Kultur auch Kapital ist, ist durchaus zweischneidig. Sie mag die Achtung vor dem Kulturerbe erst mal heben, aber der Schritt zur Idee, dass man es auch verscherbeln und damit Schulden tilgen könnte, ist wohl nicht allzu groß.

Dienstag, 11. Februar 2014

Blindes Sparen nach dem Zufallsprinzip: Streichung der Klassischen Archäologie in Leipzig

In Leipzig tobt ein Kampf um die Rettung der renommierten klassischen Archäologie, die dem Spardiktat zum Opfer fallen soll. Der deutsche Archäologenverband hat eine Petition gestartet. 
Leipziger Studenten bloggen Argumente und Proteste:
Die Presseerklärung der Universität
Antikenmuseum der Universität Leipzig 02
Antikenmuseum Leipzig
(Foto: Marcus Cyron [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)
und die lange Kette der Argumente gegen diese kurzsichtigen Streichungen, die auch das Antikenmuseum der Universität gefährden - und das Risiko in sich tragen, dass es auch bald der Ur- und Frühgeschichte an den Kragen geht, die mit der klassischen Archäologie durch einen gemeinsamen Studiengang verbinden ist:
"Es wird ein Kernstück der akademischen Lehre entfernt. Unmittelbar ist dadurch auch das Institut für Ur- und Frühgeschichte betroffen, dessen Lehrstuhl erst kürzlich wiederbesetzt wurde: Der Studiengang “Archäologie der Alten Welt” wird von der Klassischen Archäologie zusammen mit der Ur- und Frühgeschichte getragen. Zu dessen Zukunft hat sich das Rektorat nicht geäußert.
Darüber hinaus ist eine Schließung des Antikenmuseums zu befürchten, dessen Betrieb sich ohne das Institut nicht aufrecht erhalten lassen wird. Dadurch verliert das Fach nicht nur einen zentralen Lehr- und Lernort, sondern auch ein erfolgreiches Fenster in die Öffentlichkeit."  (Jörn Lang)

Sonntag, 9. Februar 2014

Die frühmittelalterliche Siedlung von Neuwied-Gladbach - ein Vorbericht nach 75 Jahren

Die Siedlung von Neuwied-Gladbach wurde in den Jahren 1937/38 ausgegraben. Eine angemessene Publikation steht bis heute aus. Dabei kommt der Grabung forschungsgeschichtlich größte Bedeutung zu, war dies doch eine der ersten Siedlungsgrabungen, anhand derer eine Vorstellung über Hausbau, Wohnen und Arbeiten zur Merowingerzeit gewonnen werden konnte. Hier entstanden erste Rekonstruktionsversuche frühmittelalterlicher Grubenhäuser.
Die Grabungen gingen aus vom Rheinischen Landesmuseum in Bonn, das auch heute die Funde wohl geordnet aufbewahrt. Einer der Ausgräber war Hermann Stoll, einst wissenschaftlicher Assistent am Tübinger Institut und als Geologe ein Pionier der Siedlungsforschung zum frühen Mittelalter. In Bonn war Stoll seit 1937 mit dem Frankenkatalog vertraut, der systematischen Erfassung aller merowingerzeitlicher Fundstellen der Rheinlande. Stoll wie auch K.H. Wagner überlebten den zweiten Weltkrieg nicht. Kurt Böhner übernahm nun in Bonn die Auswertung - eine Aufgabe, die er nach seinem Wechsel nach Mainz ans RGZM weiter verfolgte. In den 1950er Jahren entstand ein erstes Skript, das insbesondere die Keramikfunde behandelte. In den 1960er Jahren wurde Walter Sage für die Auswertung der Baubefunde engagiert, die ebenfalls mit einem Manuskript abgeschlossen wurde. Was noch fehlte, war die Auswertung der Grabfunde von Gladbach, die Konrad Weidemann vornehmen sollte. In Gladbach wurden in der Siedlung und in ihrem näheren Umfeld mehrere Bestattungsplätze entdeckt und untersucht. Solche eine Kombination von Siedlungs- und Grabfunden an einer Fundstelle ist bis heute ein seltener Glücksfall, der eingehende Erkenntnisse in die Siedlungsstrukturen und die Gesellschaft verspricht. Die Auswertung der Grabfunde stockte. Die Grabinventare wurden zusammengestellt, die Funde gezeichnet, eine Auswertung kam aber nicht zustande. Als Hermann Ament  nach seiner Bearbeitung der merowingerzeitlichen Funde auf der gegenüberliegenden Rheinseite im Lauf der Zeit durch Doktoranden systematisch die Grabfunde am Mittelrhein in Mainz bearbeiten ließ, blieb Gladbach ausgeklammert, weil man auf eine monographische Vorlage von Siedlung und Gräberfeld hoffte.

Neuwied-Gladbach vor dem Hintergrund der regionalen Verbreitung merowingerzeitlicher Gräberfelder,
dem Verlauf des römischen Limes und der Arbeitsgebiete der regionalen Bearbeiter
(braun: Materialedition - gelb: Liste - weiß: grobmaßstäbige Kartierung)
(Graphik R. Schreg, Kartengrundlage: Open Street Map
[CC BY-SA/„Open Database Licence (ODbL) 1.0"])

Die Fundstelle wurde beim Ausbimsen entdeckt, das heißt, die heutige Landschaft ist eine archäologische Wüste, die alten Oberflächen sind nicht mehr erhalten, selbst Bachläufe wurden verlegt. Ergänzende Geländeuntersuchungen, etwa mittels Geophysik, sind somit heute nicht mehr möglich. Die Frage, inwiefern die bekannte Siedlung nur einen Ausschnitt einer wesentlich komplexeren Siedlungsverlagerung darstellt, muss daher wohl offen bleiben.
Die Situation der Siedlung Neuwied-Gladbach 2013. Die ehemaligen Bimsgruben werden wieder landwirtschaftlich bewirtschaftet, die archäologischen Befunde sind großflächig vernichtet.
(Foto: R. Schreg)


In Absprache und Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn wird nun ein neuer Anlauf gemacht, die Grabungsergebnisse so vorzulegen, dass sie der Forschung zur Verfügung stehen.
Inzwischen ist gewissermaßen die vierte Wissenschaftlergeneration  mit der Grabungsauswertung befasst. Das ist leider nicht ungewöhnlich. Vielen Siedlungsgrabungen der Zwischenkriegszeit war ein ähnliches Schicksal beschieden, nachdem die ursprünglichen Ausgräber im Krieg gefallen waren und die nachfolgenden Auswerter sich angesichts aktueller Dienstgeschäfte immer nur nebenbei mit den Arbeiten befassen konnten. Das ist auch heute kaum anders.
Derzeit geht es darum, eine Strategie zu entwickeln, wie die Grabungsauswertung und -publikation nun sicher gestellt werden kann. Dazu wurden in einer ersten Runde die vorhandenen Funde und Dokumentationsunterlagen gesichtet und eruiert, wo Auswertungspotentiale bestehen. Dazu hat Lutz Grunwald erste Verteilungsanalysen der Keramikfunde innerhalb der Siedlung vorgenommen, die einen Hinweis darauf geben, dass innerhalb der Grabungsfläche mit Verlagerungen zu rechnen ist. Desweiteren zeichnet sich ab, dass man mit einer längeren Laufzeit der Siedlung wie auch der siedlungsinternen Bestattungsplätze zu rechnen hat.

Aus diesen Arbeiten ist fast 75 Jahre nach Abschluß der Grabung ein Vorbericht entstanden, der die Altgrabung:
Literaturhinweise
  • W.Sage, Die fränkische Siedlung bei Gladbach, Kreis Neuwied. Ein Führer zum Diorama. Rhein. Landesmus. Kl. Mu -seumsh. 7 (Düsseldorf 1969).
  • H. Stoll, Die fränkische Besiedlung des Neuwieder Beckens. Rhein. Vorzeit Wort u. Bild 2, 1939, 120-138.
  • H. Stoll / K.H.Wagner, Fränkische Siedlung mit Friedhof bei Gladbach, Kreis Neuwied. Nachrbl. Dt. Vorzeit 13, 1937, 119-121.
  • K.H.Wagner / L.Hussong / H.Mylius, Fränkische Siedlung bei Gladbach, Kreis Neuwied. Germania 22, 1938, 180-190 

Samstag, 8. Februar 2014

Mittelalterarchäologie in Rheinland-Pfalz

Trotz verschiedener Anläufe der Denkmalpflege ist es in Rheinland-Pfalz und speziell in Mainz - als einer der Metropolen des Mittelalters in Mitteleuropa - nie gelungen, eine Archäologie des Mittelalters zu institutionalisieren. Wichtige historische Quellen nicht nur zur Mainzer Stadtgeschichte sind davon betroffen.
Bananenkisten mit mittelalterlichen und neuzeitlichen Funden aus Mainz (Steinzeug mit Bartmannkrügen, lokale manganviolette spätmittelalterliche Ware, bemalte Hafnerware sind auf den Bildern zu erkennen), die nun in einem Keller in Bingerbrück gefunden wurden, bringen das Thema nun einmal in die Medien:
"Ist das Amt personell unterbesetzt? Fehlen vor allem Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich nicht nur attraktiven Grabungen, sondern auch der Kärrnerarbeit der Auswertung widmen?"
- Ja! Allerdings fehlen auch die attraktiven mittelalterarchäologischen Grabungen.
"unsere Denkmalämter und archäologischen Ämter seit je hoffnungslos unterbesetzt, skandalös unterfinanziert und somit außerstande sind, an jeder Baustelle zu graben oder sie zumindest zu überwachen"
Das ist kein neues Problem. Schon die wichtigen Funde aus der Mainzer Löhrstraße mit ihren Hinweisen auf internationale Fernkontakte (vergl. http://archaeologik.blogspot.de/2011/05/mittelalterliche-munzfunde-aus-mainz.html) wurden von einer Deponie in Hessen durch Sondengänger geborgen und schließlich im Archäologischen Museum in Frankfurt bearbeitet. Hoffentlich bringt der Fall der Denkmalpflege den nötigen Rückenwind, dieses strukturelle Problem zu lösen.

Freitag, 7. Februar 2014

Ein Beitrag zur Magdalenenflut

Auf dem Mittelalterblog bei hypotheses bietet Martin Bauch einen Überblick über den Forschungsstand zum 'Magdalenenhochwasser' 1342:
  • Martin Bauch: Die Magdalenenflut 1342 – ein unterschätztes Jahrtausendereignis?, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 04. Februar 2014, http://mittelalter.hypotheses.org/3016 (ISSN 2197-6120). 
Der Beitrag gibt nicht nur einen Überblick über den Stand der mediävistischen Forschung, sondern  fordert hier auch den 'material turn' ein, der in der Tat die erforderliche interdisziplinäre Zusammenarbeit erst möglich macht.
Für diese Zusammenarbeit scheint es mir wichtig, dass mögliche Szenarien aufgezeigt werden, die es ermöglichen, Ansatzpunkte für weitere gemeinsame Forschungen zu finden.

Spannend scheint mir die hier nur grob zu skizzierende Frage, inwiefern 1342 die entscheidende Voraussetzung für 1347 war -  Eine Störung der Nagerpopulationen mit massiver Ausbreitung nach den Unwettern 1342? Kurz vor der Ernte stehende, keimfähiges Getreide wird in der Landschaft verteilt und könnte auch in den Folgejahren ein besseres Nahrungsangebot für Nager geboten haben. Problematisch an der These ist die Ausbreitung der Pest aus dem Osten im Vergleich mit den bekannten 1342 getroffenen Regionen. Die These geht nur aus, wenn man  annehmen würde, dass die Pest zuvor schon heimisch war, aber durch Mutationen an Virulenz gewonnen hat. Die aktuelle Diskussionen um tatsächliche Veränderungen der yersinia pestis-DNA kurz vor der 1347ff-Welle sind da spannend, aber im Augenblick vielleicht noch zu unsicher.
Von der bekannten Ausbreitung der Pest her, möchte man eigentlich annehmen, dass die Mutation nicht erst in Mitteleuropa stattgefunden hat, da sie ihre Gefährlichkeit offenbar schon 1347 auf der Krim besaß. Insofern müssten die Regionen südlich der Alpen oder gar im Schwarzmeerraum und östlich davon, verstärkt berücksichtigt werden. 
Der Hinweis von Martin Bauch, dass eben nicht nur der deutsche Mittelgebirgsraum, sondern darüber hinaus "Ost- und Zentralfrankreich, die Provence, Norditalien, das ganze heutige Deutschland sowie Böhmen, Österreich und Ungarn" von den Überschwemmungen betroffen waren, ist hier wichtig. Inwiefern reichten die Unwettersituationen aber noch darüber hinaus?
Erosions-Gully im Schönbuch bei Tübingen.
(Foto: R. Schreg, 2013)
Ein 'material turn' der Geschichtswissenschaft ist hier dringend erforderlich, aber auch ein Nachdenken, darüber, wie man die unterschiedlichen Quellen zusammenführt, ohne dem einen oder anderen Determinismus zu verfallen. 
In diesem Zusammenhang sei noch auf einen anderen, freilich ebenso hypothetischen Aspekt der 'Magdalenenflut' 1342 hingewiesen: Inwiefern wurden die Wetterextreme durch die damalige Landnutzung gefördert und im weiteren die Vulnerabilität der Landschaft für Erosion vergrößert? Könnte da nicht die immer als agrartechnischer Fortschritt gepriesene Dreizelgen(!)wirtschaft eine Rolle spielen: Entstehung großer Felder mit Auswirkungen auf Mikroklima und Wasserabfluß?
Interne Links

Sonntag, 2. Februar 2014

Kriegszerstörung und Plünderung: Syrien im Januar 2014

Plünderung und Zerstörung
Emma Cunliffe gibt eine knappe zusammenfassende Bilanz, die alle prominenten Fundstellen aufführt. 
Sie weisst darauf hin, dass die Plünderungen in Apameia (vgl. Archaeologik, 30.4.2013) vor allem die Areale in Staatsbesitz betroffen haben. Jüngere Luftbilder bei Google zeigen keine weiteren so umfassende Raubgrabungsspuren.
An vielen Fundstellen erfolgten die Plünderungen durch bewaffnete Banden, so in Ebla, Dura Europos und Mari. Die Banden umfassen bis zu 200 Personen. Plünderungsspuren sind beispielsweise aus Palmyra, Raqqa, Halibiyah  bekannt  geworden.   Apsa2011 zeigt auf youtube ein Video aus Palmyra (2.1.2014): http://www.youtube.com/watch?v=8WOyAmUkzAU, das in wilden Kameraschwenks Kriegszerstörungen überwiegend an modernen Gebäude, aber auch an wohl antiken Ruinen zeigt. Ohne eigene Ortskenntnis ist schwer zu beurteilen, was die zahlreichen Erdhügel bedeuten. Hier könnte es sich um Raubgrabungen, aber auch um wilde Ablagerungen von Schutt handeln. Emma Cunliffe berichtet davon, dass die DGAM die Fundstelle angeblich wieder unter Kontrolle hat.

Wahrscheinlich in engem Kontext mit dem Bürgerkrieg in Syrien ist die Zerstörung einer christlichen Bibliothek in Tripoli im Nachbarland Libanon zu sehen:

Plünderungsgut auf dem Markt
Christliche Objekte aus Maaloula sollen nach Berichten einer libanesischen Zeitung bei Internetversteigerungen aufgetaucht sein. Darauf weist Emme Cunliffe hin, die in ihrem Bericht auch auf Auktion von Sothebys hinweist, bei denen Objekte zweifelhafter Provenienz versteigert wurden. Teilweise wird die Tatsache, dass die Fundstellen inzwischen zerstört sind, als Werbeargument eingesetzt.
Normalität?
Die staatliche Altertumsbehörde demonstriert bis zu einem gewissen Grade Normalität. Trotz des Bürgerkriegs hat die Altertumsbehörde weiter an der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes gearbeitet:
Mosaike, die angeblich aus Apameia geraubt wurden, gelten den Experten des DGAM als Fälschung: http://dgam.gov.sy/index.php?d=314&id=1111 - Der Bericht weist demonstrativ auf die gute Zusammenarbeit mit der Bevölkerung vor Ort hin.
DGAM verweist darauf, dass an vielen der Toten Städte die Plünderung mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung gestoppt worden sein (nach Cunliffe).

Medienberichte
Mamoun Fansas Band zu Aleppo (vergl. Archaeologik) ist Anlaß für verschiedene Medienberichte zu den Kulturgütern in Syrien.

Schon älter, aber dennoch bemerkenswert:
Maßnahmen
Interne Links